Appenzeller wollen Markt spielen lassen

Die beiden Appenzell wollen keine Beschränkung für ausländische Fachärzte. Der Markt reguliere, wie viele Spezialisten in die Kantone kämen, so das Argument. Tut er nicht, sagen Experten.

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Anfang 2012: Der Bund hebt die Zulassungsbeschränkung für Ärzte auf. Fachärzte können eine Praxis eröffnen, auch wenn dafür kein Bedarf besteht. Die Zahl von neuen Praxen schnellt in die Höhe. So weit, dass der Bund ein Jahr später wieder gegensteuert: Seit Juli 2013 können die Kantone wieder einen «Zulassungsstop» einführen. Dieser gilt aber vor allem für ausländische Fachärzte, wenn sie nicht schon drei Jahre in der Schweiz gearbeitet haben.

Beschränkung in zwei Kantonen

Die Kantone St. Gallen und Thurgau haben die Zulassungsbeschränkung eingeführt. Appenzell Ausserrhoden dagegen will keine Beschränkung mehr einführen. Und auch Innerrhoden hat sich dagegen entschieden. «Der Stop ist kein geeignetes Mittel, um zu erreichen, dass sich weniger Ärzte spezialisieren», sagt Matthias Weishaupt, zuständiger Regierungsrat von Appenzell Ausserrhoden. Er glaube nicht, dass mit einem Stop tatsächlich weniger Arztpraxen eröffnet würden. Denn: «Als die Beschränkung 2011 aufgehoben wurde, haben wir keinen Ansturm gespürt.» Auch in Appenzell Innerrhoden habe es keine Flut an neuen Zulassungen gegeben, sagt Antonia Fässler, Vorsteherin des Gesundheits- und Sozialdepartements. Weishaupt und Fässler sagen, ein Stop hätte vor allem mehr administrativen Aufwand bedeutet, ohne jedoch etwas zu bewirken.

Mehr Ärzte, mehr Arztbesuche

Auch der Präsident der Appenzellischen Ärztegesellschaft, Hans-Anton Vogel, glaubt nicht, dass der Entscheid grosse Folgen haben wird. «Marktwirtschaftlich funktioniert es vermutlich nicht, dass etwa ein Dermatologe in Appenzell Ausserrhoden eine Praxis eröffnet.» Für einen Hautarzt sei das Einzugsgebiet schlicht zu klein. «Der Markt reguliert, wie viele Spezialisten hierher kommen.» Experten sind anderer Meinung. Forscher haben im Gesundheitswesen ein Marktversagen festgestellt. Gebe es an einem Ort mehr Ärzte, steige die Zahl der Behandlungen, sagt André Busato, Forscher der Universität Bern. Ärzte verdienen nichts an gesunden Menschen. Um ihr Einkommen zu sichern, würden viele von ihnen Behandlungen durchführen, die medizinisch nicht immer gerechtfertigt sind, sagt Busato. Zu sehen ist dieses Phänomen an seinen teils skurrilen Folgen: Solothurnerinnen wird fast doppelt so oft die Gebärmutter entfernt wie Bündnerinnen.

Bauchgefühl entscheidet

Laut groben Schätzungen steigert jede neue Praxis im Schnitt die Kosten um 300 000 Franken pro Jahr. Irren sich die beiden Appenzell, wenn sie den Markt spielen lassen wollen? «Sie laufen Gefahr, ja», sagt Busato. Viele Behörden entscheiden nach Bauchgefühl, sagt Busato. Für eine Diskussion mit rationalen Argumenten fehle die Grundlage. Nämlich die Antwort auf die Frage: Wie bestimmt man den Bedarf an Ärzten? Die Nachfrage, also die Anzahl Diagnosen, ist kein verlässlicher Indikator. Andere gebe es momentan aber nicht. (doc)