ANGESCHULDIGT: Falscher Priester im Thurgau

Ein 52-jähriger Deutscher sitzt wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauchs in Bayern in Untersuchungshaft. 1994 und 1995 hat er im Thurgau gelebt. Es könnte damals Übergriffe gegeben haben.

Ida Sandl
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Der Regensburger Dom: In einer kleinen Pfarrei des Bistums soll sich der falsche Priester an einem Kind vergriffen haben.Bild: Getty (Bild: Kypros (Moment RF))

Der Regensburger Dom: In einer kleinen Pfarrei des Bistums soll sich der falsche Priester an einem Kind vergriffen haben.Bild: Getty (Bild: Kypros (Moment RF))

Er nannte sich Pater Thomas, gab sich als katholischen Priester aus und organisierte sogar Wallfahrten. 1994 und 1995 hat der Mann im Thurgau gewohnt. Seit letzten September sitzt er in Niederbayern in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft Deggendorf führt gegen ihn ein Strafverfahren wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch. Ausserdem soll er betrügerisch Spenden gesammelt haben, angeblich für neue Klöster oder Ordensgemeinschaften. Die Ermittler suchen jetzt nach Opfern aus der Zeit im Thurgau. «Neben der Aufdeckung von Straftaten geht es darum, die Gefährlichkeit des Beschuldigten festzustellen», sagt Kunigunde Schwaiberger, die Leitende Oberstaatsanwältin in Deggendorf.

Ursprünglich stammt der Beschuldigte aus dem Raum Mainz. Nach Aussagen einer Zeugin habe er im Thurgau bei einer Familie mit Kindern gewohnt, sagt Schwaiberger. Er war damals um die 30 Jahre alt. Seinen Unterhalt habe er mit Hausmessen und aus Zuwendungen bestritten. Die Zeugin habe auch ausgesagt, dass der angebliche Priester seinen Aufenthalt im Thurgau abrupt habe beenden müssen.

1994 soll er im polnischen Stettin zum Priester geweiht worden sein. Bereits drei Jahre später sei er «auf unbestimmte Zeit» von seinem Priesteramt beurlaubt worden, schreibt die Tageszeitung «Passauer Neue Presse». Der Erzbischof von Stettin habe deutsche Bistümer informiert, dass es dem Mann verboten worden sei, sich irgendwo in der Seelsorge zu engagieren.

Vergewaltigt, als er ihr die Kommunion bringt
Doch das stört ihn nicht, er macht trotzdem munter weiter. Er wechselt oft den Wohnsitz. Schöpft jemand Verdacht, dann stilisiert er sich zum Opfer, erzählt von ungerechtfertigten Verdächtigungen. So erschleicht er sich stets aufs Neue das Vertrauen vor allem strenggläubiger Katholiken.

Im Jahr 2000 erscheint im Magazin «Stern» ein Artikel über Missbrauchsopfer. Darin berichtet eine gewisse Laura D. von einem Priester. Dieser habe sie auf den Mund geküsst und regelmässig von der Schule abgeholt. Er habe keiner Amtskirche angehört und eine fundamental-christliche Glaubensgemeinschaft um sich geschart. Laura D. ist zwölf als sie den Mann kennen lernt. Dreimal vergewaltigt er sie. Einmal als sie mit Grippe im Bett liegt und er ihr die Krankenkommunion bringt.

Das Landgericht Karlsruhe verurteilt den Mann 2004 zu fünfeinhalb Jahren Haft wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und wegen Vergewaltigung. Während die Ermittlungen laufen, melden sich weitere Opfer auch aus Österreich und der Schweiz. Vier Jahre nach seiner Verurteilung wird der Mann aus dem Klerikerstand entlassen.

Doch die Geschichte geht weiter. Im Mai 2015 taucht er mit seiner Mutter in einem kleinen Ort im Landkreis Deggendorf auf. Er gibt sich als obdachloser Pater aus. Dem dortigen Geistlichen zeigt er einen gefälschten Dienstausweis. Der ahnt nichts Böses und nimmt ihn bei sich auf. Der falsche Pater hält Messen, nimmt die Beichte ab. Die Kirchgänger hätten sich nur an seinen langen Predigten gestört, sagt der Gemeindepfarrer gegenüber der «Passauer Neuen Presse». Um eine Familie aus der Pfarrei kümmert sich der Pater besonders intensiv. Zu intensiv.

40 sexuelle Missbräuche werden ihm vorgeworfen
Wiederholt warnen die deutschen Bistümer ihre Pfarreien vor dem betrügerischen Priester. Im Oktober 2015 erreicht eine dieser Meldungen den Gemeindepfarrer, der ihm Unterschlupf gewährt. Der setzt seinen Langzeitgast vor die Tür.

Einige Monate später meldet sich eine Frau beim Gemeindepfarrer. Der falsche Pater habe sich an ihrem Kind vergriffen. Der Pfarrer drängt die Frau zur Anzeige. Die Staatsanwaltschaft Deggendorf nimmt die Ermittlungen auf. Nach heutigem Stand werden dem Mann 40 sexuelle Missbräuche vorgeworfen. Fünf Opfer sind bisher bekannt. Möglich, dass es durch den Aufruf im Thurgau noch mehr werden.