ANBAUSCHLACHT IM THURGAU: Saure Gurken suchen Produzenten

Weil die kleinen Gurken so gefragt sind, muss mehr angepflanzt werden. Die IG Essiggurken Schweiz will die Produktion massiv erhöhen und hat dabei die Thurgauer Landwirte im Visier.

Christof Lampart
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Im Sommer 2014: Die Gurkenernte auf dem Kesswiler Bauernhof Moosholz von Ferdinand Vogel, dem Präsidenten der IG Essiggurke Schweiz, ist in vollem Gang. (Bild: Nana do Carmo)

Im Sommer 2014: Die Gurkenernte auf dem Kesswiler Bauernhof Moosholz von Ferdinand Vogel, dem Präsidenten der IG Essiggurke Schweiz, ist in vollem Gang. (Bild: Nana do Carmo)

Christof Lampart

thurgau@thurgauerzeitung.ch

Die Lage ist nicht ernst, aber klar: Es fehlt in der Schweiz an einheimischen Essiggurken, derweil die Nachfrage nach dem wahlweise «würzig» oder «süss-sauer» verarbeiteten grünen Kürbisgewächs zwischen Basel und Chiasso und zwischen Kreuzlingen und Genf ständig steigt.

Ein vergleichender Blick auf die Erntezahlen der vergangenen Jahre und auf die Prognose der Interessengemeinschaft Essiggurken Schweiz bestätigt dies. Konnten im Rekordjahr 2015 noch 310 Tonnen Cornichons (3 bis 6 Zentimeter Grösse) und Gurken (6 bis 9 Zentimeter) geerntet und in Gläsern verarbeitet werden, so waren es 2016 mit 250 Tonnen deutlich weniger. Derweil die Ernte im Thurgau 2016 gut ausfiel, war dies im zweiten grossen Schweizer Gurkenanbaugebiet, dem Chablais (VS, VD), nicht der Fall. Dies bewog den einzigen grossen Schweizer Essiggurkenhersteller, Hugo Reitzel aus Aigle, im Oktober 2016 dazu, per Aufruf neue Cornichon-Produzenten zu suchen. Dies nicht zuletzt aus Eigeninteresse, denn Hugo Reitzel hat sich schon seit Jahren gegenüber den Schweizer Bauern verpflichtet, deren gesamte Ernte an Schweizer Gurken abzunehmen. Und nun, da der Verkauf der Essiggurken massiv angezogen hat, will man den Boom auf keinen Fall verschlafen.

Thurgauer Bauern zeigen Interesse

Dies ist ganz im Sinne des Kesswiler Landwirtes Ferdinand Vogel, der auf seinem Betrieb Gurken anpflanzt und Präsident der IG Essiggurken Schweiz ist. Die IG hat deshalb in Zusammenarbeit mit Reitzel Suisse Anfang März zum «Infonachmittag Essiggurken Schweiz» in den Weinfelder «Trauben» eingeladen. Das Ziel war klar: Nicht nur den Konsumenten sollten die Schweizer Essiggurken schmackhaft gemacht werden, sondern auch den Bauern. Rund 25 kamen – und einige zeigten durchaus Interesse. «Gegenwärtig haben wir in der Ostschweiz fünf Essiggurken-Produzenten und bald werden es wohl acht sein», freut sich Vogel. Dabei würde der Markt noch problemlos mehr verkraften, denn «wir wollen in den nächsten Jahren in der Schweiz 500 bis 1000 Tonnen einheimische Essiggurken verkaufen».

Das klingt ambitiös und ist es wohl auch – und doch machen die bisherigen rund 300 Tonnen Essiggurken nur gerade einen Anteil von vier Prozent am Schweizer Markt aus. Der grösste Teil wird also auch nach einer etwaigen erfolgreichen Produktionssteigerung aus dem Ausland eingeführt werden.

Billige Pflücker erhalten bald Mindestlohn

Heftig fallen im Kampf mit der internationalen Konkurrenz die unterschiedlichen Lohnkosten ins Gewicht. Ausländische «Gürkeler», die in der Türkei oder in Indien anpflanzen, wo des perfekten Klimas wegen bis zu dreimal jährlich geerntet werden kann, zahlen nur einen Bruchteil dessen, was ein Schweizer Landwirt seinen Angestellten löhnen muss. Es gibt jedoch Anzeichen, die Vogel optimistisch in die Zukunft blicken lassen. Neben dem Heisshunger der Helvetier auf Gurken ist es vor allem der Umstand, dass Deutschland ab 2018 den gesetzlichen Mindestlohn für alle Branchen verbindlich einführen. Und dieser dürfte dann manch einen Gurkenpflanzer, der heute noch sehr billige Pflückerinnen aus Polen, Weissrussland oder Rumänien beschäftigt, ziemlich schmerzen.

«Wir zahlen schon seit Jahren gute Löhne, womit sich das Niveau ein wenig zu unseren Gunsten angleichen wird», prognostiziert Vogel. Das schlagkräftigste Argument für den Kauf einer einheimischen Essiggurke ist für den Kesswiler jedoch ein qualitatives: «Wir Thurgauer haben ganz klar die knackigsten Gurken.» Vogel ist felsenfest davon überzeugt, dass der Trend auch in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren Gurke um Gurke erfolgreich umgekehrt werden kann.