AMRISWIL: Gras drüber wachsen lassen

Das Internationale Motocross-Rennen war vergangene Woche wegen zweier Unfälle schweizweit negativ in den Medien. Pressechef Bruno Siegenthaler erzählt, wie die Veranstalter damit umgehen.

Manuel Nagel
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Die Furchen der Motocross-Strecke sind geglättet, die Grassamen ausgesät. In der Bürglen wird man schon bald nichts mehr vom Grossereignis sehen. (Bild: Manuel Nagel)

Die Furchen der Motocross-Strecke sind geglättet, die Grassamen ausgesät. In der Bürglen wird man schon bald nichts mehr vom Grossereignis sehen. (Bild: Manuel Nagel)

Manuel Nagel

manuel.nagel@thurgauerzeitung.ch

Ein paar Kuhglocken bimmeln, sonst ist Stille in der Bürglen. Wo vor einer Woche noch alles voll mit Fahrzeugen war, steht nun einsam ein Raupenfahrzeug, welches die Furchen der Motocross-Strecke so gut es ging geglättet hat. Auf den braunen Streifen liegen überall Grassamen verstreut. Bald ist Gras drüber gewachsen.

Das wünschen sich wohl auch die Verantwortlichen des Motocross Amriswil – dass wortwörtlich Gras über die Sache wächst. Es war kurz nach halb drei am Samstag des letzten Wochenendes, als ein Motocrossfahrer die Herrschaft über seine Maschine verlor. Das Motorrad verfing sich in der doppelten Abschrankung, traf aber dennoch eine Mutter mit ihrem neunjährigen Sohn und einen sechsjährigen Knaben. Während die Mutter und ihr Kind Glück im Unglück hatten und noch vor Ort ambulant behandelt werden konnten, musste der Sechsjährige mit schweren Verletzungen ins Spital. Es war seit mehr als 50 Jahren der erste Unfall an der Amriswiler Grossveranstaltung, bei dem ein Zuschauer zu Schaden kam.

Schon fast an der Tagesordnung sind Stürze der Fahrer – und den Medien meist auch keine Notiz wert, selbst wenn es schwere Verletzungen sind. Doch bei der 56. Ausgabe des Amriswiler Motocross waren nach dem Vorfall am Samstag die Augen speziell auf die Strecke «in der Bürglen» zwischen Räuchlisberg und Schocherswil gerichtet. Und unglücklicherweise gab es am Sonntag einen weiteren Unfall, bei dem sich ein Seitenwagenfahrer ebenfalls schwer verletzt hatte.

Alles lief wie im Vorjahr, als es keine Verletzten gab

«Wenn’s tschäderet, dänn tschäderet’s», sagt Bruno Siegenthaler. Er ist ein Mann der klaren Worte. Keiner, der um den heissen Brei herumschwatzt und um eine diplomatische Antwort ringt. Das hat ihm in diversen Medien auch Kritik eingebracht. Die Verantwortlichen zeigten zu wenig Mitgefühl, konnte man lesen.

Doch wer den Medienchef des Amriswiler Motocross kennt, weiss die Aussagen richtig einzuordnen. Er sieht das fatalistisch. Man könne noch so optimal alles vorbereiten, doch manchmal sei einfach der Wurm drin. So auch am vergangenen Wochenende. Eigentlich lief alles gleich wie im Vorjahr, und da habe man überhaupt keine Verletzten gehabt.

«Da spielen immer so viele Faktoren hinein», sagt Bruno Siegenthaler. «Man darf auch nicht vergessen, dass die Fahrer alle Amateure und berufstätig sind.»

Genau wie auch die Organisatoren und mit ihnen die rund 200 Helfer, die freiwillig viele Stunden opfern und die Grossveranstaltung erst möglich machen. Da passieren auch Fehler. Einer davon war, dass das OK gehört hatte, der schwer verletzte Knabe habe das Spital am Sonntag bereits wieder verlassen können, was umgehend über Lautsprecher verkündet wurde. Tatsächlich lag der Neunjährige aber noch immer im Kinderspital, wie die Kantonspolizei bestätigte.

Die Boulevardpresse titelte darauf am Montag «Veranstalter lügt schwer verletzten Bub (6) gesund» («Blick») und «Unfallserie überfordert Motocross-Veranstalter» (20min.ch). «Das entbehrt jeder Grundlage eines objektiven und ehrlichen Journalismus’», findet Siegenthaler. Nach dem Unfall am Samstag sei der Reporter am Sonntag auf dem Rennplatz gestanden und hatte Auskünfte haben wollen. «Bei negativen Ereignissen ist man sofort da, aber wenn man als Randsportart gerne mehr berücksichtigt würde, um den Sport vermitteln zu können, hat man keine Zeit und keinen Platz dafür», sagt Siegenthaler frustriert. Offensichtlich habe der «Blick» auf einen weiteren Unfall spekuliert.

Motivation trotz negativer Ereignisse ungebrochen

«Ich war etwas hässig und auch gestresst, weil wir mit dem Programm im Verzug waren. Wir haben halt keine professionelle Pressestelle, die sich rund um die Uhr um die Medien kümmern und Auskunft geben kann», sagt Siegenthaler. Die Quittung erhielt er dafür am Montag mit den reisserischen Schlagzeilen.

Dennoch ist die Motivation bei Bruno Siegenthaler ungebrochen. Seit 1965 ist er schon im OK des Amriswiler Motocross. Nebst negativen Kommentaren gab es auch Zuspruch für die Organisatoren, weiss Siegenthaler: «Viele äussern sich positiv, was motivierend ist. Kenner der Szene, die schon als Kind dabei waren und nun mit ihrem Nachwuchs an die Rennen kommen, wissen genau, wie man sich auf dem Gelände mit Kindern bewegen soll. Wir können doch nicht jedem vorschreiben, wo er zu stehen hat.»

Sicherheit war beim Amriswiler Motocross seit jeher wichtig. Früher gab es Publikumsfahrten im Seitenwagen. Das habe man nie angeboten, sagt Siegenthaler, «Wir setzen auch nicht Stadtpräsident Salvisberg auf einen Töff, er soll mal eine Runde drehen, nur um Publicity zu bekommen.»

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