Am richtigen Ort

Schulanfang. Benno Hensinger reparierte Mähmaschinen und Swissairflugzeuge, heute ist er Lehrer in Kreuzlingen. Der 37jährige Thurgauer hilft als Quereinsteiger, das Problem des Lehrermangels etwas zu entschärfen. Und er sagt: «Könnte ich nochmals anfangen, ich würde es wieder gleich machen.» Beda Hanimann

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Von der Werkstatt ins Schulhaus: Benno Hensinger in der Woche vor Schulanfang in seinem Zimmer in Kreuzlingen. (Bild: Reto Martin)

Von der Werkstatt ins Schulhaus: Benno Hensinger in der Woche vor Schulanfang in seinem Zimmer in Kreuzlingen. (Bild: Reto Martin)

Den Mechaniker nimmt man ihm ab. Benno Hensinger ist von stattlicher Postur, das sperrige Paket mit Schulmaterial, das auf dem untersten Treppenabsatz steht, trägt er locker mit einer Hand in den ersten Stock hoch. Der Mann kann anpacken. Der geborene Mech.

Aber da ist noch etwas anderes. Eine Sanftheit in der Stimme und in den Bewegungen, und sogleich der Eindruck: Den bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Auch nicht eine Schar von Kindern, die gerade mal wieder alles andere tun als das, was sie sollten. Der ideale Lehrer also.

Auf Unvorhersehbares reagieren

Benno Hensinger, der 37jährige Kreuzlinger, hat beides in sich, er war Landmaschinenmechaniker und ist heute Lehrer. Und findet, dass es da durchaus Parallelen gibt. «Beide Berufe sind vielfältig, jeden Tag wieder anders, man muss flexibel sein und sofort auf Gegebenheiten reagieren können», sagt er. In der Werkstatt wisse man nie, welcher Bauer mit welchem Problem komme. Entscheidend sei: «Es ist Erntezeit, es muss eine Lösung her.»

Das war vor gut fünfzehn Jahren. Heute klingt es ähnlich. «Man weiss nie, in welcher Stimmung die Kinder kommen, und schon nach der Pause kann wieder alles anders sein.» Es mag bezeichnend sein, dass Hensinger das Verbindende im scheinbar Gegensätzlichen erwähnt, und es ist auffallend: Er skizziert nicht theoretische Berufsbilder, sondern redet von Menschen in bestimmten Lebenssituationen. Von Bauern, von Kindern. Und von seinem Gefühl, unter Menschen am richtigen Ort zu sein.

Die prägenden Onkel

Dieses Gefühl bestimmte auch seine erste Berufswahl, damals. Seine Ferien verbrachte der Jugendliche gern bei seinen Onkeln. Einer hatte einen Bauernhof, einer eine Käserei, der dritte ein Transportunternehmen. Das bäuerlich-handwerkliche Umfeld behagte ihm, in diese Richtung musste es also gehen bei der Berufswahl. Hensinger absolvierte eine Lehre als Landmaschinenmechaniker, lernte da arbeiten, «von früh bis spät, alte Schule, ein strenger Seniorchef».

Nach der Lehre hatte er Lust auf einen Grossbetrieb, er wählte einen, der dem Begriff Ehre machte, arbeitete als Betriebsmechaniker bei der Swissair. «Horizonterweiterung, tolles Team, eine wunderbare Zeit!» Hensinger, der quer eingestiegene Lehrer, ist weit davon entfernt, seine Berufswahl als Jugendfehler abzutun. «Könnte ich nochmals anfangen, ich würde es gleich machen», sagt er.

Nach zwei Jahren bei der Swissair zog es ihn in die Welt hinaus, er brach seine Zelte in der Schweiz ab und reiste mit seiner damaligen Freundin und heutigen Frau ein Jahr durch Australien, Neuseeland und Thailand. Nach der Rückkehr bildete er sich zum Technischen Kaufmann aus und wurde Bereichsleiter Umzug bei einem Transportunternehmen. Doch «der reine Büroalltag» war ihm bald zu trocken. Den Kontakt zu den Kunden, den schätzte er, und er, der sich in seiner Jugend im Blauring und in der Jungwacht engagiert hatte, realisierte: «Menschen, das ist mir wichtig, ich brauche eine Arbeit, bei der es um Menschen geht.»

Ein Inserat bringt die Wende

Das Inserat der neu gegründeten Pädagogischen Hochschule Thurgau, die zu einem Infoabend für Quereinsteiger lud, kam da gerade richtig. «Das war der Punkt», erinnert sich Hensinger. Er schrieb sich für das Allgemeinbildende Studienjahr ein, das ihm den Zugang zur Pädagogischen Hochschule ermöglichte, absolvierte die dreijährige Lehrerausbildung und merkte in Gruppenarbeiten und beim Austausch mit seinen Mitstudenten: «Ja, jetzt bin ich am richtigen Ort.» 2007 schloss er die Ausbildung ab und trat die Stelle im Kreuzlinger Schulhaus Emmishofen an, wo er heute seinen zweiten Jahrgang zum sechsten Schuljahr begrüsst.

Aufruf zur Schneeballschlacht

Das Gefühl, hier sei einer am richtigen Ort, das bekommt man auch im Gespräch. Da hat sich nicht einer geopfert, um das Problem des Lehrermangels zu lindern oder in einer gesicherten Stelle seine Tage zu fristen. Die berufliche Sicherheit und den geregelten Ablauf schätzt er, das stellt er nicht in Abrede. Die Gründe für den Mangel an Lehrkräften, vor allem an männlichen, sieht er, es sind Verdienst und beschränkte Aufstiegsmöglichkeiten. «Aber das muss man abwägen gegen das andere, man muss für sich selber ausmachen, was einem wichtig ist», sagt er. Und fügt an: «Ich bin megaglücklich, wie es gelaufen ist.» Die Erfahrungen in anderen Bereichen hält er nicht für zwingend, aber für hilfreich.

Was Hensinger wichtig ist, spürt man. Es sind die Kinder. Aus seinen Schilderungen spricht die Freude an deren Eigenwilligkeit und Unterschiedlichkeit. Er könne strikt sein, wenn Gemeinheiten passierten, aber wenn die Buben ihre Machtkämpfe austragen, versucht er nicht partout, sie zu unterbinden. Da sage er auch mal: «Also, geht raus, macht die Schneeballschlacht, dann seht ihr, wer der Stärkere ist!»

Im Vordergrund steht das Kind

Die oft zitierte Problematik um den hohen Ausländeranteil an den Schulen hängt Hensinger nicht sehr hoch. «Im Vordergrund steht das Kind, der Mensch. Ganz weit hinten kommt erst die Nationalität.» Da habe ihn die Zeit in der Jungwacht geprägt. «150 Kinder in einem Lager, das sind 150 Individuen.»

Als Lehrer will Hensinger ein Vorbild sein. «Man sollte aufgestellt und offen sein. Ich möchte als Mensch rüberkommen und nicht als Lehrer», sagt er. Und amüsiert sich darüber, dass jüngere Kinder manchmal den Lehrer als Kunstfigur sehen und fragen, ob er auch ein Zuhause habe. «Sie stellen sich vor, wir hausten irgendwo im Estrich des Schulhauses.» Das wäre der falscheste Ort für einen wie Hensinger. Dort, abseits des Lebens, wäre ihm mit Sicherheit nicht wohl.