Am Abend fährt kein Bus mehr

FRAUENFELD. Die Postauto AG stellt in mehreren Regionen im Kanton Thurgau den Nachtbus ein. Künftig verkehren am Abend Linienbusse, allerdings bedienen diese 31 Weiler nicht mehr. Begründet wird die Streichung des Rufbusses mit der sehr geringen Zahl an Fahrgästen.

Inge Staub
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Das Postauto hält nur noch tagsüber in Homburg. (Bild: Donato Caspari)

Das Postauto hält nur noch tagsüber in Homburg. (Bild: Donato Caspari)

FRAUENFELD. Bruno Zoller geht gerne ins Kino. Für dieses Vergnügen fährt der Raperswiler bis nach Winterthur oder Wil – und dies mit dem öffentlichen Nahverkehr. Zum Fahrplanwechsel am 15. Dezember muss er entweder auf seine Kinobesuche verzichten oder ab Wigoltingen ein Taxi nehmen. Denn der Nachtbus, der ihn bislang nach Hause brachte, wird eingestellt. Der 71-Jährige versteht nicht, weshalb das Postauto künftig sein Dorf am Abend nicht mehr ansteuern wird: «Der Bus fährt doch nur auf Abruf. Das ist doch kein grosser Aufwand und kostet auch nicht viel Geld.»

Sehr geringe Frequenzen

Nicht nur Bruno Zoller wird sich umstellen müssen. Die heutigen Nachtbusse, die als Rufbusse, das heisst: Fahrt bei Bedarf, verkehren, werden im Thurgau 31 Weiler nicht mehr anfahren. «Die Nacht-Rufbusse werden ab Fahrplanwechsel in Linien-mässige, Taktfahrplan-mässige Abend-Linien-Angebote überführt», erklärt René Böhlen von der Medienstelle der Postauto Schweiz AG. Von der Streichung der Rufbusse sind neben Gemeinden auf dem Seerücken auch mehr als zwei Dutzend Dörfer aus den Regionen Iselisberg, Sonnenberg, Kemmental und Altnau betroffen.

Kanton ist zuständig

Für die Weiler am Seerücken bedeutet die Änderung konkret: Die stündlichen Abendkurse werden ab Dezember in die Linie Frauenfeld–Pfyn–Müllheim–Lipperswil–Wigoltingen integriert und verkehren von 20 bis 24 Uhr ab Frauenfeld via Müllheim bis Wigoltingen, Post. Die Orte Raperswilen, Homburg, Illhart, Lamperswil, Hörstetten und Reckenwil werden abends nicht mehr bedient. Die Bewohner dieser Orte müssen sich in Müllheim oder Wigoltingen abholen lassen oder sich ein Taxi nehmen. René Böhlen verweist auf die Zuständigkeit des Kantons: «Wir fahren das Angebot, das der Kanton bestellt.» Das neue Angebot habe die Abteilung für öffentlichen Verkehr des Kantons Thurgau zusammen mit Postauto erarbeitet.

Wie Urs Zingg vom Amt für Öffentlichen Verkehr/Tourismus sagt, wird der Rufbus gestrichen, weil in den betroffenen Gemeinden durchschnittlich null bis zwei Personen pro Tag das Angebot genutzt hätten. «Aufgrund der sehr geringen Frequenzen können wir nicht mehr jeden Weiler bedienen.» Nach Raperswilen fuhren zum Beispiel im Jahr 2012 am Abend 426 Personen. Im Jahr zuvor waren es 462.

Urs Zingg bestätigt, dass es auch Probleme mit dem Rufbus gegeben habe. Zum einen hätten sich viele Leute nicht getraut, anzurufen und den Bus zu bestellen, zum anderen sei es auch vorgekommen, dass der Bus trotz eines Anrufes nicht gekommen sei. Hinzu kommt, dass Kurse, die Postauto nur bei Bedarf fährt, nicht im Online-Fahrplan ersichtlich sind. Urs Zingg hebt hervor, dass die Umstellung auf Linienkurse eine höhere Zuverlässigkeit bringen würde. Das Anrufen entfällt. Auch sind die neuen Abendbusse in sämtlichen Fahrplänen abgebildet.

Gemeinden bedauern

Die Gemeindeammänner der betroffenen Dörfer bedauern, dass der Nachtbus bald nicht mehr fahren wird. «Wir sind mit der neuen Lösung nicht zufrieden», sagt Willi Hartmann, Gemeindeammann von Raperswilen. Nicht einverstanden ist auch Amlikon-Bissegg. Denn der Nachtbus Sonnenberg wird künftig nicht mehr in Wolfikon und Strohwilen halten. «Wir haben uns gewehrt», sagt Gemeindeammann Othmar Schmid. «Wir hatten jedoch keine Chance, den Rufbus zu retten.» Auch der Vorschlag des Amliker Gemeinderates, den Nachtbus von Weinfelden her bis Wolfikon weiterzuführen, wurde nicht berücksichtigt. «Das finden wir schade.» Doch räumt Schmid ein, dass die Gemeinde unterm Strich gewinne: «Ab Dezember fahren tagsüber mehr Kurse unsere Weiler an.»

Adrian König, Gemeindeammann von Wäldi, kann den Entscheid von Postauto und Kanton nachvollziehen: «Die Passagierzahlen sind schon sehr bescheiden.» König betont, dass das Postauto für die Landgemeinden sehr wichtig sei, weil es die einzige Verkehrsanbindung sei. Deshalb dürfe das Angebot nicht weiter reduziert werden. Der Kanton habe der Gemeinde Wäldi zugesichert, dass die übrigen Kurse erhalten blieben. «Gegen einen weiteren Abbau des Angebotes würden wir uns vehement zur Wehr setzen», sagt König. Doch gibt er den Ball weiter an die Bevölkerung. Viele wollten, dass ihr Dorf über eine Post und einen Laden verfügen sollte. Doch würden viele Leute in der Nähe des Arbeitsplatzes einkaufen. «Das ist mit dem öV genauso. Wenn der Bus weiterhin unsere Dörfer anfahren soll, müssen wir ihn auch benutzen.»

Auf dem Seerücken habe jeder Haushalt mindestens ein Auto, gibt Thomas Wiget, Gemeindeammann von Homburg, zu Bedenken. Da der Nachtbus nur wenig benutzt worden sei, müsse man sich fragen, ob man sich diesen Luxus leisten könne.

Für Bruno Zoller ist die Antwort eindeutig. Er möchte, dass ihn der Nachtbus weiterhin nach Hause bringt. Der 71-Jährige überlegt deshalb, eine Petition zu lancieren. Er betont: «Der Nacht-Rufbus ist ein toller Service. Ich schätze ihn sehr.»

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