Als Särge über den Fluss trieben

MATZINGEN. Brücken wurden niedergerissen, Pferde ertranken. Was das Hochwasser von 1876 in Matzingen anrichtete, zeigt eine sehenswerte Ausstellung im Ortsmuseum.

Manuela Olgiati
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Ferdinand Stutz und Doris Riedener erinnern an das Unwetter. (Bild: Manuela Olgiati)

Ferdinand Stutz und Doris Riedener erinnern an das Unwetter. (Bild: Manuela Olgiati)

Die Scheune der Neubrücke verschwand in tobenden Wassermassen und vier Pferde ertranken. Ebenso wurden die Brücken mitsamt den Stegen niedergerissen. Augenzeugen gibt es keine mehr, die über das Hochwasser der Murg in den Junitagen 1876 berichten könnten. Aber aufmerksame Mitbürger bewahren Andenken an die Naturkatastrophe auf, die damals die Thurgauer an den Flüssen hart traf.

So hat der 80jährige Kurator des Ortsmuseum Matzingen, Ferdinand Stutz aus Andelfingen, Bilder und Karten gesammelt, welche die schrecklichen Fluten von anno dazumal zeigen. Sie sind unter dem Titel «Hochwasser von 1876 in Matzingen» im Rahmen der Sonderausstellung «Zeit und Kalender» im «Haus Rosengarten» zu sehen. Doris Riedener, pensionierte Primarlehrerin aus Matzingen und Führerin des Ortsmuseums, weiss viel Wissenswertes darüber zu erzählen.

Strasse weggespült

Am 8. Juni 1876 setzten schwere Gewitter ein und zwei Tage später begann es heftig zu regnen. Regnet es lange und ergiebig, nimmt der Boden immer weniger Wasser auf, es kann nicht mehr versickern. Die fünf Flüsse in Matzingen überlagerten sich.

Bei der Spinnerei Matzingen legte sich ein Erdrutsch quer über die Strasse und zwischen den Posthäusern und dem Dorf war die Strasse auf rund 60 Meter weggespült. Die Lauche hatte die Landstrasse beim Schulhaus ausgelöscht.

Ein trauriger Anblick ergab der Friedhof mit den freigelegten Särgen, die den Fluss hinuntertrieben.

«Liebesgaben» des Staates

Der Wasserstand war bald auf über drei Meter angestiegen. Die Murg trat über das Lauchenfeld, skizzierte damals die «Alpenpost». Die Neubrücke, die Teigwarenfabrik und die Mühle mussten teilweise verlassen werden. Ein Bild in der aktuellen Ausstellung schildert die Flucht und Angst der Menschen. Die hölzerne Notbrücke über die Lauche wurde nach dem Hochwasser als erste erstellt.

Ferdinand Stutz zeigt ein Modell davon in der Ausstellung.

Ein Bericht des Thurgauer Regierungsrates von 1878 zeigt auf Plänen das Überschwemmungsgebiet Münchwilen bis Frauenfeld. Thurgauer Gemeinden wie Matzingen, die grosse Wasserschäden erlitten hatten, wurden «Liebesgaben» des Staates verteilt. Zudem spendeten Private für den aufwendigen Wiederaufbau der Strassen und Brücken.

Bis 3. Juli, an jedem ersten Sonntag im Monat, 14–17 Uhr. Führungen ausserhalb der Öffnungszeiten sind möglich, Telefon 052 376 14 47.

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