Als junge Frau allein nach Afrika

Nanette Bossart-Gloor bekam 1954 den Zuschlag, als Privatsekretärin beim Kesswiler Unternehmer August Künzler in Tansania arbeiten zu dürfen. In der Ausstellung in Frauenfeld brachte sie den Besuchern ihre Erlebnisse näher.

Caspar Hesse
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Das «Reissen» nach Afrika: Nanette Bossart-Gloor mit Ausstellungsmacher Christian Hunziker im Alten Zeughaus in Frauenfeld. (Bild: Nana do Carmo)

Das «Reissen» nach Afrika: Nanette Bossart-Gloor mit Ausstellungsmacher Christian Hunziker im Alten Zeughaus in Frauenfeld. (Bild: Nana do Carmo)

FRAUENFELD. Warum geht ein blutjunges Mädchen Anfang der 1950er-Jahre nach Tansania? Diese Frage stellte sich Nanette Bossart-Gloor an ihrer Führung am letzten Donnerstagabend im Alten Zeughaus in Frauenfeld zu Beginn gleich selber, sonst hätte sie wohl am Ende ein Zuhörer gestellt. Gekommen waren knapp 80 Interessierte, die Bossart und dem Kurator der Ausstellung «August Künzler. Thurgau–Tanzania» des Historischen Museums Thurgau, Christian Hunziker, während rund eineinhalb Stunden zuhörten.

Bossart hatte gerade ein Jahr England-Aufenthalt hinter sich und verspürte ein «Reissen» ins Ausland, wie sie erzählte. In der NZZ sah sie dann zufälligerweise eine Annonce, dass für Ostafrika eine Privatsekretärin gesucht werde. Sie habe ihre Bewerbung dann auch gleich wieder vergessen, doch zwei Monate später durfte sie sich bei August Künzler vorstellen, wurde auf englisch und französisch geprüft und musste danach sofort zu- oder absagen. Es gab 119 Offerten.

Wenige schafften die vier Jahre

Bossart sagte zu und sollte sofort nach allen Impfungen abreisen. Die Stadt Zürich, bei der sie als Sekretärin angestellt war, bestand nicht auf den üblichen drei Monaten Kündigungsfrist, so dass sie bereits nach eineinhalb Monaten abreisen konnte. Die Flugreise dauerte von Zürich aus 24 Stunden, mit Zwischenhalten in Mailand, Athen, Kairo, Khartum und Nairobi.

Die Angestellten aus der Schweiz unterschrieben einen Vierjahresvertrag, den viele nicht einhielten. Auch Bossart hielt knapp nicht durch. «Das lag am neuen Buchhalter, der Mobbing betrieb und der bei Frau Künzler beliebt war», erklärt sie ihr Ausscheiden. Sie arbeitete dann ein Jahr in Johannesburg, wo eine Schulfreundin von ihr lebte. Dann kam wieder das «Reissen», diesmal nach Hause. Sie nahm einen Job, lernte ihren Mann kennen und führt seither in der Schweiz ein normales Leben.

Der 1901 geborene Kesswiler August Künzler wanderte 1929 nach Tansania aus. 1979 kehrte er nach Frauenfeld zurück, wo er 1983 starb. In 50 Jahren war Künzler vom Gärtner zum Grossgrundbesitzer mutiert.

«Künzler war ein guter Arbeitgeber», fasst Nanette Bossart zusammen. «Wir mussten jeder Negerfamilie ein Haus geben», sagte sie, um sich sogleich zu korrigieren: «Das darf man ja heute nicht mehr sagen.»

Eine afrikanische Zuhörerin bedankte sich am Schluss bei Hunziker für seine neutrale Haltung. Sie sei es sich leider immer noch gewohnt, dass Weisse die Schwarzen für dumm hielten. Die Besucherkärtchen in einem der Räume zeigen das ganze Spektrum der Meinungen: vom Ausbeuter Künzler bis zum Weissen, der den Schwarzen den Fortschritt brachte.

Ein Profi in Selbstvermarktung

Bossart sagt über Künzler: «Er konnte charmant sein, aber auf der anderen Seite war ihm manchmal auch gar nichts recht. Am nettesten war er, wenn seine Frau nicht da war.» Was die eigene PR betrifft, war Künzler ein Profi. «Pro Jahr ging er mehrere Wochen nach Europa. Das musste ich jeweils allen Zeitungen mitteilen», sagte Bossart. In der Ausstellung sind einige grosse Artikel über ihn einzusehen.

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