Alles fährt links

Mosttröpfli

Christian Kamm
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Bis jetzt ist es gut gegangen. Auch wenn ich jeden Morgen ein bisschen mehr befürchten muss, dass mein Auto auseinanderbrechen könnte. Nicht auf einem holprigen Feldweg, nein, sondern auf der Autobahn in Richtung Frauenfeld, zwischen Hüttlingen und Felben, dieser rund drei Kilometer langen Rumpelbahn.

Erfahrene Pendler haben längst bemerkt, dass man hier, wenn man einigermassen heil in Frauenfeld ankommen will, auf der Überholspur fahren muss. Die ist um einiges besser beieinander. Wer es nicht rechtzeitig schafft, der ist gut beraten, das Steuer etwas fester in die Hand zu nehmen. Dann geht’s los: Rüttel, rüttel, rumpel, rumpel. Ein Schlagloch folgt dem nächsten. Womöglich ist das ja als unbürokratische Art der Geschwindigkeitsbegrenzung gedacht. Tatsächlich käme niemand auf die Idee, auf dieser Spur mehr als 120 zu fahren. Aber wie gesagt: Fährt ja eh alles links.

Keine Ahnung, weshalb der Bund beschlossen hat, diese paar Kilometer Autobahn im Thurgau vor die Hunde gehen zu lassen. Ob es mangelndes Geld ist? Oder vielleicht eine indirekte Strafmassnahme aufgrund der hiesigen Frühfranzösisch-Verweigerungsgelüste? La première leçon: Wer nicht parieren will, soll wenigstens anständig durchgeschüttelt werden.

Meine gewagteste Theorie ist eine andere: Die Schüttelbahn muss man als staatlich gelenkte Attacke auf den Einkaufstourismus verstehen. Ja doch, wer will noch fremdeinkaufen, wenn der in Konstanz günstig erstandene Rahm – pardon: die Sahne – spätestens auf der Höhe von Frauenfeld bereits zu Schlagrahm mutiert ist? Oder wenn die gut gerüttelte Bierbüchse aus deutschen Landen zu Hause beim Öffnen förmlich explodiert? Schon erstaunlich, was man mit einer ausgeklügelten Infrastrukturpolitik alles er­reichen kann!

Christian Kamm

christian.kamm@thurgauerzeitung.ch