Allein auf weiter Flur

Thurgauer Pflegeeltern fühlen sich von Gemeinden und Kanton im Stich gelassen. Der Pflegeelternverein würde eine kantonale Fachstelle für das Pflegekinderwesen begrüssen, wie sie Kantonsrat Norbert Senn fordert.

Katrin Zürcher
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Pflegeeltern: Viele fühlen sich von den Gemeinden alleingelassen. (Bild: ky/ap/Daniel Roland)

Pflegeeltern: Viele fühlen sich von den Gemeinden alleingelassen. (Bild: ky/ap/Daniel Roland)

weinfelden. «Sobald wir ein Pflegekind aufgenommen haben, betrachten uns viele Gemeinden nur noch als Kostenfaktor», fasst Bruno Indermaur, Präsident des Pflegeelternvereins Thurgau, die Situation zusammen.

Ein gutes Dutzend Pflegeeltern und zwei Vertreterinnen einer Vermittlungsorganisation versammelten sich am Dienstagabend im Weinfelder Restaurant Eisenbahn, um die Tips der Sirnacher Treuhänderin Helene Mayer zu Steuern, AHV und Pensionskasse zu hören. Die vielen Fragen der Pflegeeltern und die Gespräche am Rand des Referats zeigten, dass der Schuh nicht nur bei den Finanzen drückt: Viele fühlen sich nach der Zuweisung eines Kindes von den Gemeinden im Regen stehen gelassen.

Feilschen um einen Velohelm

Am meisten benachteiligt fühlen sich jene Pflegeeltern, die mit den Gemeinden direkt zusammenarbeiten – zu einem Tagessatz von 45 Franken. «Wenn ich dann auf der Gemeinde um einen Velohelm für mein Pflegekind feilschen muss, finde ich das mehr als mühsam», seufzt ein Pflegevater, der nebst zwei eigenen drei Pflegekinder betreut.

Vermeintliche Sparübungen gewisser Gemeinden geben ihm zu denken: Ihm wurde eines seiner Pflegekinder entzogen, um es aus Kostengründen wieder bei den leiblichen Eltern zu plazieren – obwohl man schon vorher gesehen habe, dass das nicht gut gehen könne. «Nach einem Jahr kam das Kind zu uns zurück. In seiner Entwicklung war es in diesem Jahr um zwei Jahre zurückgeworfen worden.» Der Pflegevater bedauert, dass solch behördliche Unprofessionalität auf dem Buckel der Kinder ausgetragen wird.

St. Gallen machts vor

Ähnlich bittere Erfahrungen hat die Pflegemutter eines Teenager-Mädchens gemacht. Sie nimmt zu ihren eigenen drei Kindern ein Pflegekind auf – in letzter Zeit jeweils einen Teenager. Da die Familie im Grenzgebiet zum Kanton St. Gallen wohnt, arbeitet sie mit der Kinder- und Jugendhilfe St. Gallen zusammen. «Das sind Welten im Vergleich zur Direktplazierung durch Gemeinden», sagt sie. Der Pflegeansatz sei fast doppelt so hoch, und sie als Pflegeeltern würden vorbildlich begleitet. Allerdings würden von den Pflegeeltern auch gewisse professionelle Standards – etwa in Bezug auf ihre Ausbildung – eingefordert.

Stossend findet die engagierte Pflegemutter die Lücke für volljährig gewordene Pflegekinder: «Mit 18 stehen sie plötzlich auf der Strasse, allein und ohne jede Unterstützung.» Eines ihrer Pflegemädchen sei mit dieser Situation nicht klargekommen, habe die Lehre abgebrochen und befinde sich inzwischen in der Psychiatrie – mit schlechter Prognose. «Hier könnte etwas mehr Weitsicht der Behörden Folgekosten vermeiden, die weitaus höher sind.»

Ruf nach Fachstelle

Vereinspräsident Bruno Indermaur, selbst langjähriger Pflegevater, rät potenziellen Pflegeeltern von der direkten Zusammenarbeit mit Gemeinden ab. Im Thurgau würden dabei einzig mit der Stadt Frauenfeld gute Erfahrungen gemacht.

Da zurzeit keine kantonale Stelle existiert, empfiehlt er die Anstellung bei privaten Fachstellen, welche den Pflegeeltern meist auch AHV bezahlen. Von den einzelnen Fachstellen hört er Verschiedenes. «Den Pflegeeltern wird praktisch überall gut geschaut», sagt er, «doch bezüglich der Fachlichkeit gibt es manchmal Fragezeichen.» Indermaur würde es deshalb sehr begrüssen, wenn die Abklärungen des Kantons rasch zu einer kantonalen Fachstelle führten oder wenn die angestrebte Bundeslösung käme. «Dabei soll der Fokus nicht nur auf die Bedürfnisse der Gemeinden gerichtet werden, sondern vor allem auf jene der Pflegekinder.»