Alle zwei Minuten ein Anruf

Als Suizid-Prävention wurden an Brücken Schilder und Aufkleber mit der Nummer 143 angebracht. Viele sind jedoch mit der Zeit unlesbar geworden. Dass Ersatz wichtig ist, zeigen die Zahlen der «Dargebotenen Hand».

Tim Naef
Drucken
Teilen
Der Sprung in den Tod ist die vierthäufigste Suizidmethode in der Schweiz. Im Bild ein Schild der «Dargebotenen Hand» an der Harzbüchelstrasse in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Der Sprung in den Tod ist die vierthäufigste Suizidmethode in der Schweiz. Im Bild ein Schild der «Dargebotenen Hand» an der Harzbüchelstrasse in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Das Thema Suizid rückt derzeit wieder stärker in den Fokus. Laut Bundesamt für Statistik steigt die Suizidrate zu Beginn jedes Jahres sprunghaft an. Entgegen allgemeinen Erwartungen sinkt sie im Dezember. Nicole Zeiter, Leiterin der «Dargebotenen Hand» Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein, sagt: «Über die Festtage hoffen viele, dass sich ihre Lebensumstände verbessern werden. Bleibt die Veränderung auch nach dem Jahreswechsel aus, stellt sich die vorübergehend ausgebliebene Hoffnungslosigkeit wieder ein.»

Von der Witterung beschädigt

In der gesamten Ostschweiz sind auf Brücken und Bahnübergängen Schilder angebracht, die Menschen von einem Suizid abhalten sollen. Auf die Gesamtzahl aller Selbsttötungen entfallen rund zehn Prozent auf Sprünge in den Tod; dazu gezählt werden auch jene von Hochhäusern. Damit ist der Sprung in den Tod die vierthäufigste Suizidmethode. Häufiger sind nur Erhängen (25 Prozent), Schusswaffengebrauch (24 Prozent) und Vergiftungen (14 Prozent).

Die «Dargebotene Hand» befestigte Schilder an Brücken und Bahnübergängen mit der Aufschrift «Verzweifelt? Stopp! Rufen Sie uns an, darüber reden hilft» und der Telefonnummer 143. Doch diese wurden durch die Witterung in Mitleidenschaft gezogen und sind teils unlesbar geworden. Deshalb bittet die «Dargebotene Hand» um Hilfe: Wer ein beschädigtes Schild entdeckt, soll dies unter der Telefonnummer 071 223 14 15 melden.

Alle zwei Minuten ein Anruf

Wie viele Suizide durch die Schilder und Aufkleber verhindert wurden, lässt sich nicht sagen – Zahlen dazu gibt es nicht. «Die Wirkung ist aber nicht zu unterschätzen», sagt Zeiter. «Viele Suizide passieren spontan und sind nicht, wie häufig angenommen, von langer Hand geplant.»

Hilfe in solch scheinbar ausweglosen Situationen bietet die «Dargebotene Hand». Insgesamt arbeiten 70 ehrenamtliche Mitarbeiter für die Ostschweizer Regionalstelle. Um sie auf ihre Tätigkeit vorzubereiten, haben sie eine zehnmonatige Ausbildung durchlaufen. Täglich verzeichnen die Seelsorger über zwölf Stunden ununterbrochene Gesprächszeit. Und vergangenes Jahr führte die Organisation über 13 000 Gespräche. Das entspricht einem Anruf alle zwei Minuten.

Ausserrhodens negativer Rekord

Nicht nur die hohe Anzahl von Anrufen zeigt, dass die «Dargebotene Hand» und deren Schilder in Teilen der Ostschweiz besonders von Nöten sind. Auch ein Blick auf die Suizid-Statistik des Bundes verdeutlicht dies. In der Schweiz begehen im Durchschnitt 15 Menschen pro 100 000 Einwohnern Suizid, im Kanton Appenzell Ausserrhoden liegt der Schnitt bei 25 Personen. In den Kantonen St. Gallen und Thurgau sind es deren 14, in Appenzell Innerrhoden 15.

Umso wichtiger sei es, Hilfe anzubieten, sagt Regionalstellenleiterin Zeiter. «Die Schilder sollen eine Erinnerung darstellen. Eine Erinnerung daran, dass man sich jederzeit anonyme Unterstützung holen kann.»