«Alle Ärzte haben Fortbildung nötig»

Der Münsterlinger Chefarzt Robert Thurnheer organisiert das Thurgauer Symposium zur inneren Medizin, das nächsten Donnerstag in Weinfelden stattfindet. Damit bilden die Kantonsspitäler die Hausärzte weiter. Das Symposium findet seit 20 Jahren alle zwei Jahre statt.

Christof Widmer
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Robert Thurnheer: «Vieles ist möglich, nicht alles ist sinnvoll.» (Bild: Reto Martin)

Robert Thurnheer: «Vieles ist möglich, nicht alles ist sinnvoll.» (Bild: Reto Martin)

Herr Thurnheer, wie spüren Sie die Veränderungen der Medizin in den letzten 20 Jahren?

Robert Thurnheer: Wir haben nicht nur technische Neuerungen. Wir sind auch mit einer älter werdenden Bevölkerung konfrontiert. Wir sehen häufiger polymorbide Patienten, also solche, die nicht nur an einer Krankheit leiden. Es gibt mehr Patienten mit sozialen Problemen. Dann stellt sich für uns Ärzte nicht nur die Frage nach der biologischen Gesundheit. Wir helfen zum Beispiel oft beim Übergang vom eigenen Heim in eine Pflegeinstitution.

Haben Sie deshalb den Soziologen Peter Gross ans Symposium geladen?

Thurnheer: Peter Gross wird über das Älterwerden sprechen. Wir werden älter. Die Frage ist: Wozu? Was nützt uns die längere Lebenszeit? Verbringen wir sie in Krankheit, Demenz und Einsamkeit? Oder sind es wertvolle Jahre, die wir gewinnen? Das ist eine Frage, die uns Ärzte im Alltag begleitet. Vieles ist möglich, nicht alles sinnvoll.

Sie sprechen eine ethische Gratwanderung an: Ist eine teure Behandlung bei einem 97-Jährigen noch sinnvoll?

Thurnheer: Auf dieser Gratwanderung finden wir uns jeden Tag. Für diese Frage gibt es selten eine Patentlösung.

Wie gehen Sie diese Frage an?

Thurnheer: Es kann durchaus Sinn haben, bei einem über 90-Jährigen einen aufwendigen Eingriff zu machen. Dann nämlich, wenn daraus seine Lebensqualität verbessert wird. Zum Beispiel wenn er wieder selber essen kann. Zu verhindern, dass eine betagte Person pflegebedürftig wird, ist nicht nur menschlich, sondern auch wirtschaftlich interessant.

Das Symposium richtet sich an Hausärzte. Sie sollen auf den neusten Stand gebracht werden. Haben die Hausärzte das nötig?

Thurnheer: Alle Ärzte haben Fortbildung nötig. Die Hausärzte sind genauso wie wir Spezialisten gehalten, pro FMH-Titel eine bestimmt Anzahl Stunden Fortbildung pro Jahr zu machen. Ich selber beispielsweise muss mindestens 90 Stunden Fortbildung pro Jahr für zwei FMH-Titel und einen Fähigkeitsausweis vorweisen können.

Gilt denn das Symposium der Kantonsspitäler als anrechenbare Fortbildung für die Hausärzte?

Thurnheer: Ja. Deshalb müssen wir sie bei den Fachgesellschaften anerkennen lassen, damit die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Credits bekommen. Die Gesellschaften begutachten, ob die Qualität stimmt, ob die Regeln zum Sponsoring und sonstige Bedingungen eingehalten werden.

Wieso müssen die Kantonsspitäler eine Weiterbildung für Hausärzte organisieren?

Thurnheer: Wir haben damit zwar einen Aufwand, aber wir bekommen etwas dafür. Die Grundversorger sind unsere wichtigsten Partner. Sie weisen uns die Patienten zu. Wir sind auf eine gute Zusammenarbeit mit ihnen angewiesen. Fortbildungen dienen dem Wissensaustausch, aber auch der Pflege der Kollegialität.

Wie würden Sie das Verhältnis von Spitalarzt zu Hausarzt beschreiben?

Thurnheer: Wir haben auf der persönlichen Ebene ein sehr gutes Verhältnis. Uns ist aber in den letzten Jahren aufgefallen, dass wir nicht mehr alle Hausärzte persönlich kennen. Es hat Wechsel in Praxen gegeben. Ärzte sind zum Beispiel aus Deutschland zugezogen. Diese konnten wir nicht als Assistenz- oder Oberärzte bei uns im Kantonsspital kennenlernen. Das Symposium ist eine Gelegenheit, zu diesen Kolleginnen und Kollegen Kontakte zu knüpfen.

Die Spital Thurgau AG dringt in den ambulanten Bereich vor. Sie führt in Stein am Rhein eine Hausarztpraxis. Gibt das nicht Ärger mit den Hausärzten?

Thurnheer: Offenbar ist das mit Ängsten verbunden. Man befürchtet, dass das Spital zu stark wird. Andererseits gibt es auch noch andere Trägerschaften als Hausärzte, die Arztpraxen betreiben. Man kann sich fragen, was für die Bevölkerung die zukunftsgerechteste Lösung ist. Tatsache ist aber, dass die Initiative nicht von der Spital Thurgau AG ausgeht. Es ist vielmehr so, dass Hausärzte vor ihrer Pensionierung auf uns zukommen, weil sie keinen Nachfolger finden.

Die Spital Thurgau AG wird also nicht im grossen Stil Hausarztpraxen übernehmen?

Thurnheer: Der Kanton ist daran, diesbezüglich eine Regelung zu treffen. Ob dies gewünscht ist, ist eine politische Frage. Unseres Erachtens sollten aber für alle institutionellen Praxisbetreiber die gleichen Spielregeln gelten. Wir versuchen, in höher spezialisierten Gebieten ambulante Leistungen in hoher Qualität anzubieten. Dies weil sich technisch anspruchsvolle Interventionen immer schwieriger in Einzelpraxen ausüben lassen.

Zum Beispiel?

Thurnheer: Das wäre zum Beispiel mein Fach, die Pneumologie. Dieses Gebiet konnte man früher mit einer einfachen Lungenfunktionsmessung und einer Bronchoskopie in der Praxis betreiben. Wer heute modernste Diagnostik anbieten will, braucht eine endobronchiale Ultraschallbronchoskopie. Das Gerät kostet mit der gesamten Infrastruktur eine Viertelmillion Franken. Das kann eine Einzelpraxis gar nicht amortisieren. Dafür braucht es mindestens eine Gruppenpraxis oder aber ein Ambulatorium im Spital, um die nötige Zahl von Patienten für die teure Technik zu bekommen.

Also verschiebt sich die Schnittstelle von Hausärzten und Spitälern Richtung Spitäler?

Thurnheer: Ja, in den hochtechnisierten Disziplinen ist dies sicher so. Man arbeitet zudem viel mehr in Teams. Denn auch die Spezialisten müssen sich heute noch stärker spezialisieren. Der eine Herzspezialist zum Beispiel auf Schrittmacher, der andere auf invasive Eingriffe an den Herzkranzgefässen.

Zurück zum Symposium: Wozu braucht es eine solche Veranstaltung im Internetzeitalter noch?

Thurnheer: Studien und Übersichtsartikel lassen sich gut über das Internet kommunizieren. Wofür dieser Kanal weniger geeignet ist, sind die persönlichen Erfahrungen. Komplexe Fälle passen nicht ins Muster einer Studie. Im Alltag sind Sie immer mit Befunden konfrontiert, die durch das Standardraster fallen. Das vermittelt man am besten direkt, mit Bildern, die man gemeinsam anschaut und über die man gemeinsam nachdenkt.

Was lernen die Ärzte am Symposium konkret?

Thurnheer: Sie werden von verschiedenen Fachgebieten hören. Sie werden erfahren, in welche Richtung die Forschung geht, in welchen Gebieten mit Neuerungen zu rechnen ist. Sie werden auch neue Kollegen in den Kantonsspitälern kennen lernen.

Wie viel kostet der Kongress?

Thurnheer: Das sind bescheidene Kosten für Raummiete, Technik, Apéro, die Webseite und die Evaluation.

Der Anlass wird von Firmen gesponsert. Ist das nicht heikel?

Thurnheer: Es gibt dafür klare und strenge Regeln der Fachgesellschaften und es geht nicht um grosse Beträge. Das Sponsoring darf zudem keinen Einfluss auf den Inhalt der Vorträge haben. Diese sind vollkommen frei durch die Referenten gestaltet.