Ärzte schauen genauer hin

Im Thurgau wird immer mehr Senioren der Führerausweis entzogen. Bis 80 Jahre sollte die medizinische Kontrolle nur alle fünf Jahre stattfinden, fordert Pro Senectute Thurgau.

Inge Staub
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Monica Gubser lernt als Seniorin Hanni Bieri im Film «Die Herbstzeitlosen» Auto fahren, damit sie ihren Mann zum Arzt chauffieren kann. (Bild: SRF)

Monica Gubser lernt als Seniorin Hanni Bieri im Film «Die Herbstzeitlosen» Auto fahren, damit sie ihren Mann zum Arzt chauffieren kann. (Bild: SRF)

FRAUENFELD. «Auf keinen Fall», antwortet Barbara Meier* auf die Frage, ob sie freiwillig ihren Führerausweis abgeben würde. Die 78-Jährige, die in einer Frauenfelder Landgemeinde wohnt, möchte aufs Auto nicht verzichten. Wie Barbara Meier geht es vielen Seniorinnen und Senioren im Thurgau. Sie benötigen ein eigenes Fahrzeug, um Einkäufe zu erledigen oder um Verwandte zu besuchen.

Doch kann es vorkommen, dass das Strassenverkehrsamt den Seniorinnen und Senioren einen Strich durch die Rechnung macht und den Führerausweis einzieht. Im vergangenen Jahr mussten 137 Thurgauer, die älter als 70 Jahre waren, ihren Führerausweis abgeben. 2010 waren es 75. Die steigende Zahl der Führerausweisentzüge führt Ernst Fröhlich, Leiter Prävention und Massnahmen beim Strassenverkehrsamt, zum einen auf die demographische Entwicklung und zum anderen auf intensivere Kontrollen zurück. «Polizei und Ärzte schauen genauer hin.»

Unfallrisiko ist höher

Im Thurgau sind 183 000 Personen im Besitz einer Fahrerlaubnis. Davon sind 21 000 über 70 und 6800 über 80 Jahre alt. Der Führerausweis wird Senioren dann entzogen, wenn der Arzt feststellt, dass sein Patient nicht mehr fahrtauglich ist oder wenn dieser einen Unfall verursacht. Für über 80-Jährige ist das Unfallrisiko am Steuer fast doppelt so hoch als für 65- bis 79-Jährige, fand der Verkehrsclub der Schweiz heraus. Gemäss Bundesamt für Unfallverhütung werden Unfälle mit Personenschaden mehr durch jüngere als durch über 70jährige Personen verursacht. Letztere sind vor allem an Auffahrkollisionen, Übersehen des Vortritts, Kollisionen beim Rückwärtsfahren und beim Parkieren beteiligt.

Ein Beispiel aus dem Thurgau: Kürzlich übersah eine 83jährige Autofahrerin in Warth-Weiningen ein entgegenkommendes Auto einer 80-Jährigen. Es kam zur seitlichen Kollision.

Laut Gesetz kann nur derjenige ein Auto fahren, der die notwendigen Anforderungen erfüllt. Deshalb müssen über 70-Jährige alle zwei Jahre von einem Arzt abklären lassen, ob sie noch in der Lage sind, ein Auto zu steuern. Rolf Seeger, Verkehrsmediziner am Institut für Rechtsmedizin Zürich, ist der Meinung, dass gesunde Betagte in der Regel im Alter zwischen 80 und 85 Jahren die Leistungsgrenze als Autofahrer erreichen.

Spürt der Senior nicht selbst, dass er an dieser Grenze angelangt ist, wird er bei der ärztlichen Kontrolle darauf hingewiesen. Doch diese hat ihre Tücken. «Sie ist sehr individuell», sagt Ursula Dünner. Die Geschäftsführerin von Pro Senectute Thurgau würde es begrüssen, wenn es eine einheitliche, pragmatische medizinische Untersuchung geben würde. Ältere Menschen sollten ihre Fahrtüchtigkeit regelmässig in einem Kurs unter Beweis stellen, in dem sie auch auf die denkbaren, körperlich bedingten Risiken, die das Autofahren im Alter beeinträchtigen können, hingewiesen werden. Dies erachtet sie als viel wichtiger. Bis zum 80sten Altersjahr würde eine Überprüfung alle fünf Jahre genügen. Ab dann sollte der Zweijahresturnus generell beibehalten werden.

Von Jahr zu Jahr mehr Senioren geben den Führerausweis ab, bevor der Arzt ein Nein verhängt. Im Jahre 2014 haben 715 Senioren über 70 Jahre den Führerausweis freiwillig abgegeben. 2010 waren es 583 und zehn Jahre zuvor 368. Zu den Freiwilligen gehört Barbara Meiers Ehemann. Seit bei ihm vor drei Jahren eine Demenzerkrankung diagnostiziert wurde, setzt er sich nicht mehr hinters Steuer. Doch ist er froh, dass er sich auf die Taxi-Dienste seiner Frau verlassen kann.

Das Auto im Dorf nutzen

Viele Betagte können wegen körperlicher Beschwerden besser Auto fahren als gehen und sind froh, wenn sie sich hinters Steuer setzen können. Für ältere Menschen sei es meist ein grosser Einschnitt, wenn sie den Führerausweis abgeben. «Sie geben ein Stück Unabhängigkeit ab und spüren, dass sie nun wirklich alt sind», sagt Ursula Dünner. Sie hält die Neuerung für sinnvoll, die im kommenden Jahr in Kraft tritt. Dann können Senioren einen beschränkten Führerausweis erhalten. Dieser ermöglicht ihnen, das Auto im Dorf oder nur tagsüber zu nutzen. «Das machen viele Senioren schon heute», weiss Ursula Dünner. «Ältere Menschen gehen verantwortungsvoll mit ihrer Fahrerlaubnis um.»

Vom Cabrio ins Postauto

Dem stimmt Barbara Meier zu. «Wenn ich merke, dass ich beim Autofahren unsicher bin, gebe ich den Führerausweis ab.» Für eine 81jährige Dame aus Ottoberg ist im kommenden Jahr Schluss. Sie ist nicht auf das Auto angewiesen. Ottoberg wird alle Stunde vom Postauto bedient. «Ich werde mich nächsten Sommer noch an den Fahrten mit meinem Cabrio freuen, dann gebe ich den Führerausweis ab», sagt sie. «Das ist ein Vernunftsentscheid. Ich fahre sehr gerne Auto.»

* Name geändert