Ärger über geschlossene Schule

ST. GALLEN. Vergangene Woche blieben mehrere St.Galler Berufsschulen geschlossen – aus Spargründen. Eine «respektlose» Massnahme, kritisiert CVP-Kantonsrat Peter Boppart und stellt der Regierung eine Reihe happiger Fragen.

Marcel Elsener
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Die GBS St. Gallen im Riethüsli und andere Berufsschulen in der Region blieben letzte Woche unverhofft geschlossen. (Bild: Ralph Ribi)

Die GBS St. Gallen im Riethüsli und andere Berufsschulen in der Region blieben letzte Woche unverhofft geschlossen. (Bild: Ralph Ribi)

Angehängt an die Sportwoche eine weitere freie Woche für Berufsschüler in St. Gallen, Rorschach oder Altstätten – und niemand war glücklich darüber. Ob die Woche nun je nach Berufsfachschule «zusätzliche unterrichtsfreie Woche» (Gesundheits- und Sozialberufe) oder «zusätzliche Ferienwoche» (GBS St. Gallen) hiess, verursachten ihre geschlossenen Schulzimmer wenig Freude, sondern vielmehr Irritation und Unmut.

Wer in Lehrbetrieben oder Familien nicht informiert worden war, musste sich wundern. Wie ein älterer Rorschacher, der uns schrieb: Warum diese «besonderen Ferien» für seinen Neffen, der nach der Konstrukteur-Lehre an der GBS die Berufsmaturität anstrebe und dafür das einjährige Ausbildungsprogramm absolviere. «Das ist dicht und anspruchsvoll, und jetzt wird es noch um eine Woche gekürzt.» Warum?

Kopfschütteln und Kritik

Der Grund ist eine verordnete Sparmassnahme zum Abbau von Überstunden, die das St. Galler Kantonsparlament im vergangenen Jahr mit dem zweiten Sparpaket beschloss – quasi «Zwangsferien», nur eine von zahlreichen umstrittenen Massnahmen in den Berufsschulen. «Der breiten Bevölkerung ist nicht bewusst, dass die Schulen geschlossen waren und was es bedeutet», sagt der Berufsschullehrer und CVP-Kantonsrat Peter Boppart, der bereits im Parlament gegen die Sparwoche kämpfte und nun in einer Einfachen Anfrage an die Regierung kritische Fragen dazu stellt.

Die Schliessung habe «viel Kopfschütteln» ausgelöst, «gerade auch unter Lehrmeistern», zumal sie «nicht richtig kommuniziert worden» sei, erklärt Boppart. Tatsächlich konnten die Rektoren der einzelnen Schulen selber wählen, wann im Jahr 2013 sie diese Woche ansetzen und wie sie darüber informieren. In seinem Vorstoss «Berufsfachschulen im Kanton St. Gallen aus Spargründen geschlossen» ärgert sich Boppart vor allem darüber, dass die Berufsbildung bei der Regierung und beim Kantonsrat «offensichtlich einen miserablen Stellenwert» besitze. «Das Zeichen, das hier gesetzt wird, ist gegenüber den Ausbildungspartnern und den Jugendlichen respektlos.»

«In der Schweiz einzigartig»

Als gelernter Maurer, Baupolier und diplomierter Architekt ist der Fachbereichsleiter Maurer an der GBS St. Gallen «erschaudert» über ein Vorgehen, das «in der Schweiz wohl einzigartig und verwerflich» sei, wie er in seinem Vorstoss schreibt. Boppart fragt sich, ob die Massnahme überhaupt rechtens und mit dem Bund abgesprochen sei: «Hat der Kanton mit den zuständigen Bundesbehörden die Frage diskutiert, ob der vom Bund vorgeschriebene Berufsschulunterricht aus rein finanziellen Gründen gekürzt werden darf?» Auch stelle sich die Frage, ob die Bundesgelder demnach gekürzt würden und was andere Kantone machten, die Lernende in den Unterricht an die St. Galler Berufsschulen schicken: «Wird dieser Betrag anteilsmässig in Rechnung gestellt, weil ja nicht die volle Leistung erbracht wird?» Vom «grossen Sparübungsfeld Berufsbildung» schliesst Boppart am Ende auf die Volksschule: «Wie verhält sich der Kanton, wenn Gemeinden aus Sparüberlegungen, beispielsweise auf Antrag der Bürgerversammlung, die Volksschule für einige Wochen schliessen?»

Folge der «Erbsenzählerei»

Von Ferien mag Daniel Thommen, Präsident des St. Galler Verbandes der Berufsschullehrkräfte (BCH) und selber in Buchs tätig (wo die zusätzliche Woche vor die Sommerferien terminiert wird), nicht sprechen; der Vergleich mit Kurzarbeit in Firmen funktioniere nicht. «Arbeit wäre genug da, man lässt sie uns einfach nicht machen.» Die Massnahme sei auf die «Erbsenzählerei» gemäss der 2005 gegen den Widerstand der Lehrer eingeführten Stundenbuchhaltung zurückzuführen, so Thommen. Innert fünf Jahren hätten sich Überstunden mit Kosten von acht Millionen Franken angehäuft. Der Abbau mit einer unterrichtsfreien Woche aber treffe letztlich «wie immer die Schwächsten» – jene Schüler, die den Unterricht am nötigsten haben. In der Verbandszeitschrift «Folio – Berufsbildung» hat Thommen die Schulschliessung zugespitzt kommentiert: Es sei «ein Beschluss, wie er – von Griechenland vielleicht abgesehen – wohl in keinem zivilisierten Land je getroffen wurde». Und weiter: «Viele Lehrpersonen sind extrem frustriert, nebenamtliche Kollegen überlegen sich, zurück in ihren ursprünglichen Beruf zu gehen.»

Kleiner Trost, dass es sich gemäss Kantonsratsbeschluss um eine einmalige Übergangsmassnahme handelt. Die Information der Schulen zur verlängerten Sportwoche sei «teils missverständlich» gewesen, räumt Ruedi Giezendanner, Leiter Amt für Berufsbildung, aufgrund von Reaktionen ein. Zur Beantwortung aller anderen aufgeworfenen Fragen Bopparts verweist er aber auf die Antwort der Regierung. Ob diese den Ärger etwas mindern kann, wird sich zeigen.

Kantonsrat Peter Boppart (Bild: pd)

Kantonsrat Peter Boppart (Bild: pd)