ADRENALIN: Ein Sturmjäger im Thurgau

Der Winterthurer Cyrill Steiger hat ein gefährliches Hobby. In seiner Freizeit ist er nämlich leidenschaftlicher «Stormchaser» und fotografiert vor allem Blitze, wofür er hauptsächlich im Thurgau unterwegs ist.

Miranda Diggelmann
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Für die Gewitterjagd benötigt Cyrill Steiger unter anderem sein Auto und seinen Laptop. (Bild: Reto Martin)

Für die Gewitterjagd benötigt Cyrill Steiger unter anderem sein Auto und seinen Laptop. (Bild: Reto Martin)

Miranda Diggelmann

miranda.diggelmann @thurgauerzeitung.ch

«Das Wasser kam richtiggehend geflogen. Ich sah und hörte, wie die Masten anderer Boote brachen», erzählt der 57-jährige Cyrill Steiger von einer Segelregatta auf dem Bodensee mit seinem Vater im Jahr 1971. Diese musste damals wegen Orkanwindböen abgebrochen werden. Glücklicherweise fanden sie in einer Bucht Schutz. Dies war im Leben von Cyrill Steiger einer dieser Momente, in welchen er seine Faszination für Extremwetter entwickelte. «Ich denke, dass es in der menschlichen Natur liegt, sich für etwas zu interessieren, was man insgeheim fürchtet. In solchen Momenten verspüre ich oft den berüchtigten Adrenalin-Kick.» sagt Steiger.

Auf Umwegen zum Jäger der Stürme

Obschon sich der Winterthurer Cyrill Steiger bereits im Kindesalter für Gewitter interessierte, fing er erst vor 20 Jahren damit an, Blitze zu fotografieren. Der gelernte Werbefotograf war in den frühen 90er-Jahren in Ägypten unterwegs, um archäologische Forschungen anzustellen, über diese er später ein Buch veröffentlichte. Als sich Steiger in Kairo mit der Geschichte der alten Ägypter befasste, fiel ihm auf, dass sie in jensten Bereichen eine intuitive Vorgehensweise haben. «Intuition ist nebst dem Fachwissen und der Erfahrung auch im Storm Chasing eine wichtige Komponente», sagt Steiger.

1997 filmte Cyrill Steiger erstmals Blitze mit einer Analogkamera – zuerst von seinem Balkon aus. Danach suchte er eine neue Herausforderung. Damals gab es neben ihm nur einen einzigen weiteren Stormchaser in der Schweiz. Er brachte sich also alles selbst bei: Das Interpretieren und Lesen von Wetterkarten, die richtige Technik beim Fotografieren, das Abschätzen der einzelnen Komponenten, welche zu einem grossen Gewitter führen könnten, und schliesslich auch die Geduld. Er hätte sich über Jahre hinweg an die Naturgewalten herantasten müssen. «Je mehr sich ein Sturmjäger mit der Natur verbunden fühlt, desto erfolgreicher ist er», sagt Steiger.

Ablauf einer typischen Sturmjagd

«Speziell ist bei mir ja, dass ich den Gewitterzellen nicht hinterherjage, wie es der Name meines Hobbys eigentlich vermuten lässt, sondern dass ich ihnen vorauseile», sagt Steiger. «Ich bin schon dort, bevor es wirklich los geht.» Und mit dort meint Steiger einen sogenannten Spotter-Platz. Spotter-Plätze sind meist erhöht, etwa auf einem Hügel, ohne Bäume, Häuser oder andere grosse Objekte, die von einem Blitz getroffen werden könnten. Wenn Cyrill Steiger in der Schweiz unterwegs ist, dann hauptsächlich im Thurgau. Aber wieso gerade im Thurgau? «Die meisten Gewitterzugbahnen verlaufen infolge der Westwindlage von Südwesten nach Nordosten, also genau in der Richtung der Autobahn Winterthur – Kreuzlingen», erklärt Steiger. Der Kanton Thurgau sei einer der gewitterreichsten Gegenden der Schweiz, führt er weiter aus.

Wenn Steiger also im Thurgau auf Sturmjagd geht, gibt es drei Phasen, in welche sich der Ablauf einteilen lässt. Die erste Phase, das Forecasting oder Vorhersagen, beginnt schon rund fünf Tage vor der eigentlichen Sturmjagd und besteht aus der groben Planung, dem Auswerten von Wetterkarten und Zielorten, das Laden aller Kameraakkus und der Überprüfung des Equipments. Danach geht es für gewöhnlich in die zweite Phase über, dem Nowcasting, also der eigentlichen Sturmjagd. Während Cyrill Steiger zum Zielort fährt, versucht er einen optischen Bezug zur Gewitterzelle herzustellen. Nun ist volle Konzentration gefragt. Steiger liest die Wolken und beobachtet das Wetter. Am geeigneten Spotter-Platz nimmt Steiger seine Spiegel­reflexkamera von Nikon in die Hand und macht die ersten Bilder. «Damit man Blitze erwischt, muss man die Langzeitbelichtung einstellen», erklärt Steiger. Die richtige technische Ausrüstung mache hierbei den grossen Unterschied aus. Vor allem diese Momente sind bedrohlich, da es einzuschätzen gilt, wie lange man am Spotter-Platz bleiben kann, bis man selbst vom Blitz getroffen werden könnte. «Letztes Jahr wurde ich dann tatsächlich selbst vom Blitz getroffen», sagt Steiger. Glücklicherweise habe er von diesem Unfall keine Konsequenzen davontragen müssen. Wer seit Jahren Blitze fotografiert, verliere mit der Zeit die Angst. Ein Restrisiko würde jedoch immer bestehen, sagt Steiger. Nun habe er wieder mehr Respekt vor seinem Hobby. Heute kann er schon über den Vorfall lachen: «Ich bin wohl der einzige Mensch, der den Blitz fotografierte, von dem er selbst getroffen wurde.»

Nach der Jagd auf die Blitze kommt noch die letzte Phase, die Reanalyse. Dabei untersucht Steiger, wie viel von seiner Vorhersage tatsächlich eintraf und welche Stärke die Blitze hatten, die er fotografierte. Schliesslich dokumentiert Steiger seine Sturmjagd ausführlich.

Aufhören kommt nicht in Frage

Obschon sich Cyrill Steiger bewusst ist, dass sein Hobby lebensgefährlich ist, hat er nicht vor, damit aufzuhören. «Mittlerweile gehe ich jedoch nur noch auf Tour, wenn das Gewitter ein derartiges Ausmass hat, dass ich mit schönen Fotos rechnen kann», sagt er.

Webseite

Auf Cyrill Steigers Webseite und Blog «Xtreme Weather Tours» (www.xtremeweather-tours.ch) gibt es auch eine Auswahl seiner besten Fotos zu sehen (Portfolio).