«Adorf brannte zweimal fast komplett nieder»

In einer Serie stellen wir Orte aus aller Welt vor, die wie Ortschaften im Thurgau heissen. Rico Schmidt ist Bürgermeister im deutschen Adorf an der Grenze zu Tschechien. Adorf pflegte früher Beziehungen zum Thurgauer Aadorf und ist bekannt für sein Perlmuttermuseum und das Pendant zum «Swiss Miniature».

Samuel Koch
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Rico Schmidt Bürgermeister der Stadt Adorf/Vogtland in Sachsen (Bild: pd)

Rico Schmidt Bürgermeister der Stadt Adorf/Vogtland in Sachsen (Bild: pd)

Rico Schmidt, haben Sie Kenntnis von Aadorf im Thurgau?

Rico Schmidt: Ja, aber ich war noch nie dort. Vor fünf Jahren besuchte uns der ehemalige Aadorfer Gemeindepräsident Bruno Lüscher. Damals war ich aber noch nicht als Bürgermeister im Amt.

Was zeichnet Adorf im Vogtland aus?

Schmidt: Zu Adorf gehören sieben Ortsteile, welche teilweise ein sehr aktives Dorfleben haben. Adorf ist ländlich geprägt, hat eine gute Bildungs- und Verkehrsinfrastruktur und einige mittelständige Unternehmen.

Weswegen kommen Touristen nach Adorf?

Schmidt: Der botanische Garten, die Miniaturausstellung sämtlicher Sehenswürdigkeiten im Vogtland, «Klein Vogtland», und das in Deutschland einmalige Perlmutter- und Heimatmuseum locken viele Touristen aus aller Welt an. Letzteres ist bekannt für seine einzigartige Ausstellung von Produkten aus unserer Perlmutterverarbeitung, der Perlenfischerei und alles über die Perlen selbst. Zudem sticht der Aussichtsturm in Remtengrün und das einzig erhaltene Bahnbetriebswerk im Vogtland aus dem städtischen Bild heraus.

Sie liegen direkt an der tschechischen Grenze.

Schmidt: Ja, es gibt enge, grenzüberschreitende Verbindungen, was Infrastruktur, Arbeitsmarkt oder Freizeitgestaltung angeht. Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 strömten viele über die Grenze nach Tschechien. Heute hat sich das ziemlich ausgeglichen. Viele Tschechen kommen mittlerweile auch hierher, um einzukaufen oder zu arbeiten.

Was ist das Highlight des Jahres in Adorf?

Schmidt: Die einzigartige Landschaft und teilweise unberührte Natur laden zum Wandern, Radfahren und Erholen ein. Ein Höhepunkt im Jahr ist das Stadtfest, welches erst letzten Samstag wieder stattgefunden hat.

Was macht das Stadtfest so speziell?

Schmidt: In diesem Jahr hatten wir neben kulturellen und musikalischen Höhepunkten auch eine Oldtimer-Ausstellung, eine offene Tür bei unserer Feuerwehr und eine Begehung des Rathausturmes. Es gab ein buntes Rahmenprogramm für Jung und Alt. In den letzten Jahren hatten wir unter anderem den längsten singenden Biertisch im Vogtland.

Wie ist die Mentalität der Bewohner?

Schmidt: Die Adorfer sind im grossen und ganzen aufgeschlossen und integrieren neue Einwohner schnell in die Dorfgemeinschaft.

Gibt es besondere Ereignisse aus der Geschichte von Adorf?

Schmidt: Adorf ist die älteste Stadt im Vogtland. Seit 1293 hat sie das Stadtrecht. Von 1560 bis 1675 war Adorf von der Hexenverfolgung betroffen. Es gab zwei grosse Stadtbrände in den Jahren 1543 und 1768. Die von Mauern umzäunte Stadt wurde zweimal fast komplett vernichtet, aber die Adorfer bauten die Stadt stets wieder auf. Während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert gab es die Ansiedlung zweier grosser Textilindustriebetriebe. Zudem fanden die Adorfer im Fluss Elster ein grosses natürliches Vorkommen der Flussperlmuschel. Aus der Verarbeitung dieser entwickelte sich ein Industriezweig mit bis zu 1000 Arbeitsplätzen um 1900, mit einem weltweiten Export der verarbeiteten Muscheln.

Kommen berühmte Töchter und Söhne aus Adorf?

Schmidt: Neben Trampeli als grossem Orgelbaumeister und dem «Adorfer Mozart» Reinhold Becker wurde der Bürgermeister Carl Gottlieb Todt in Adorf geboren. Er war Mitglied der Revolutionsregierung 1849 und ist dann in die Schweiz geflohen.

Hinweise über weitere Orte mit Thurgauer Ortsnamen weltweit an: redaktion@thurgauerzeitung.ch.