ACTION: Querdenker schiesst scharf

Marcel Sauder hat als Pressefotograf und Kriegsreporter einiges erlebt: Gummischrot, Entführungen, Rangeleien. Alles fing damit an, dass er sich in Zürich nicht mehr wohlfühlte und nach Asien zog. Heute lebt Sauder in Frauenfeld und plant dort Ausstellungen.

Martin Rechsteiner
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Bei der Boulevardpresse war Marcel Sauder lange der Fotograf fürs Grobe. (Bild: Andrea Stalder)

Bei der Boulevardpresse war Marcel Sauder lange der Fotograf fürs Grobe. (Bild: Andrea Stalder)

Martin Rechsteiner

martin.rechsteiner@thurgauerzeitung.ch

Marcel Sauder ist Fotograf. Und er macht Kampfsport. Kung Fu. «Früher war das manchmal ganz nützlich», sagt er und grinst. Damals, als er noch der Fotograf fürs Grobe war.

Der gebürtige Stadtzürcher lebt in Frauenfeld, passend, an der Zürcherstrasse. Dort hat er sein Studio. Es erinnert an ein Fotomuseum. Auf Regalen und in Vitrinen liegen alte Kameras, Filme und vergilbte Plakate – Fotografie-Relikte aus dem letzten Jahrhundert. An der Wand steht ein alter Kinoprojektor. «Den hab’ ich aus einem Themenrestaurant», sagt Sauder, immer noch mit einem Grinsen im Gesicht und sichtlich stolz auf seine Sammlung. Er steht in der Mitte des Raumes, trägt ein verwaschenes T-Shirt, Militärhose, Drei­tagebart. Die Fotografie ist sein Leben. Der 52-Jährige macht Bilder für PR-Agenturen, für das lokale Gewerbe und für Dokumentationen im In- und Ausland.

«Ohne Bild keine Story»

Früher, als Sauder noch haupt­beruflich als Fotograf für die Boulevardpresse arbeitete, war alles anders. «Ohne Bild keine Story», lautete die Devise. Und für den perfekten Schnappschuss war sich Sauder nie zu schade. «An den 1.-Mai-Krawallen in Zürich schmiss ich mich mitten ins Getümmel», sagt er. Alle anderen Fotografen hätten sich, ihre mitgebrachten Helme auf dem Kopf, hinter einer Hausecke in Sicherheit gebracht. Gummischrot und Tränengas waren noch das Harmloseste, was Sauder an diesem Tag abbekam. «Ein Demonstrant hinter mir schleuderte ­einen Stein gegen die Polizisten», sagt er. «Jedoch befand sich direkt über mir ein Balkon in der Flugbahn.» Der Stein prallte ab und fiel auf Sauders Kopf. «Ich habe geblutet wie ein abgestochenes Schwein. Dafür hatte ich mit Abstand die besten Bilder», sagt er und grinst wieder. Der Steinwerfer habe sich sogleich mehrfach entschuldigt, die Verletzung sei zum Glück nicht schlimm gewesen, trotz des vielen Blutes.

Ein anderes Mal haben er und seine Frau, ebenfalls Fotografin, einen Mann vor seinem Haus beschattet. «Ohne Bild keine Story. Wir brauchten ein Foto von ihm», sagt Sauder. «Solche Aufträge waren immer wie Detektivarbeit. Wir warteten stundenlang vor den Häusern von Zielpersonen für ein Bild.» Manchmal abwechslungsweise in Schichten. Tage- und nächtelang. «Als der Mann das Haus verliess und mich bemerkte, rannte er davon», sagt Sauder. «Meine Frau, die weiter vorne stand, konnte ihn foto­grafieren.» Der Mann sei daraufhin jedoch ausgerastet und auf sie losgegangen. «Zum Glück ist sie auch eine Kampfsportlerin und konnte ihn sich vom Leib halten.» Schliesslich ergriff er die Flucht.

Es gab allerdings auch friedlichere Aufträge. Dabei hatte Sauder alle erdenklichen Prominenten vor der Linse. «Von Roger Federer über Tina Turner bis zu Schauspieler Jackie Chan oder Sänger Seal sind alle dabei», sagt er.

Flucht vor «Füdlibürgern»

Sauders Karriere startete früh. Als junger Bursche bekam er seine erste Kamera vom Grossvater geschenkt. «Ich war hie und da auf der Strasse unterwegs und habe Bilder gemacht.» Doch ihm passte das Leben in der Schweiz nicht so recht. Ein Revoluzzer sei er gewesen, ein Querdenker, von den «Füdlibürgern» auf offener Strasse beschimpft. «So einer wie ich hat in einer Stadt wie Zürich nichts verloren», dachte der junge Sauder damals. Er wollte weg. Sein Hang zum Kampfsport brachte ihn schliesslich nach Asien, nach Taiwan. Mit dabei: seine Kamera. «Ich habe jeden Tag Kung Fu trainiert und mir meinen Lebensunterhalt mit Fotografieren verdient.» Dafür besuchte er regelmässig den Stadtpark. «Dort stand ich mit der Kamera und machte mit kleinen Shootings für Passanten gutes Geld», erinnert er sich. So sei er sogar zu einer lokalen Bekanntheit geworden.

«Dann habe ich Fotografie studiert und habe ins professionelle Lager gewechselt.» Bei einer grossen Bildagentur bekam Sauder einen Job als Kriegsreporter und reiste daraufhin von Krisenherd zu Krisenherd. Dabei wurde es manchmal brenzlig. ­ «In Kambodscha haben uns die Rebellen der Roten Khmer geschnappt und zu ihrer Basis gebracht», sagt er. «Wir hatten extremes Glück, dass die uns einfach wieder laufen liessen. Wir hätten gerade so gut tot sein können.» Das gab ihm zu denken. So kehrte er nach drei Jahren wieder zurück in die Schweiz und begann dort seine Arbeit für die Boulevardpresse.

Lieber Frauenfeld als Zürich

Und heute ist nochmals alles anders. «Ich arbeite zwar noch gelegentlich für die Presse, mache aber nur noch friedliche Sachen», sagt er und lacht. Seit bald 20 Jahren lebt er schon in Frauenfeld. «Ich schätze den ruhigen und ländlichen Charakter des Thurgaus, hier habe ich meine Ruhe.» Zudem habe er in der Ostschweiz viele tolle Leute kennen gelernt. Nach Zürich führen Sauder manchmal noch Fotoausstellungen, wo er seine Werke der Öffentlichkeit präsentiert, wie kürzlich in der Photobastei. Aber auch in Frauenfeld plant er, nächstens zeitgenössische Fotografie auszustellen, zum Beispiel Impressionen vom Open Air. «Und, natürlich, Zeit für Kampfsport nehme ich mir auch immer noch.»