Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ABSCHIEDNEHMEN: Ein Ort der Trauer für Engelskinder

Wenn Eltern ein Kind vor oder während der Geburt verlieren, ist das ein einschneidendes Erlebnis. Ein grosser Wunsch wäre, dass das Sternenkind sichtbar bleibt. Dies will Steckborn ermöglichen.
Inge Staub
Wer ein Kind verliert, möchte es wenigstens in Erinnerung behalten dürften. (Bild: Getty)

Wer ein Kind verliert, möchte es wenigstens in Erinnerung behalten dürften. (Bild: Getty)

Inge Staub

redaktion@thurgauerzeitung.ch

Manchmal fallen Tod und Geburt zusammen. Für die betroffenen Eltern eine sehr schwierige Situation. "Für die Eltern ist es wichtig, dass sie einen Ort haben, an dem sie um ihr Kind trauern können", sagt Franz Reithofer. Der Stadtrat ist in Steckborn für ein Projekt zuständig, das einen solchen Ort schaffen will.

"Uns schwebt ein Kunstwerk mit vier Säulen und einem Himmel vor, auf welches die betroffenen Eltern die Namen ihrer verstorbenen Kinder eingravieren lassen können", sagt Franz Reithofer. Verwirklichen soll die Gedenkstätte der Steckborner Bildhauer Urs Traber. Sollte die Idee Realität werden, schafft Steckborn eine einmalige Skulptur: Die eingravierten Namen holen Sternenkinder aus der Anonymität.

Kein Anrecht auf Bestattung

Kinder, die vor der 22. Schwangerschaftswoche sterben, werden zivilrechtlich nicht registriert und haben kein Anrecht auf eine Bestattung. Doch es machen viele Gemeinden eine Ausnahme. So können in Frauenfeld, Arbon und Weinfelden Engelskinder auf einem bestimmten Feld bestattet werden.

In Kreuzlingen gibt es seit 2012 ein Gräberfeld auf dem Zentralfriedhof. Darin wurden bereits 15 früh verstorbene Kinder beerdigt. Mittendrin steht ein Kunstwerk, das ebenfalls Urs Traber geschaffen hat. Die Skulptur "rote Blume" soll Eltern bei der Trauerarbeit helfen. In Weinfelden steht ebenfalls ein Gedenkstein. In keiner anderen Stadt im Thurgau wird Eltern, die ein Kind vor oder während der Geburt verloren haben, so intensiv beigestanden, wie in Kreuzlingen. Seit Jahren findet jährlich eine interreligiöse Trauerfeier statt. Heuer findet sie am 25. Mai statt. In der Regel sind es zehn bis zwanzig Personen. Die evangelische Pfarrerin Cathrin Legler aus Kreuzlingen weiss, dass auch Familien aus anderen Gemeinden des Thurgaus an der Trauerfeier teilnehmen. Das Bedürfnis nach einem Trauerort ist gross: In der Schweiz endet jede fünfte Schwangerschaft frühzeitig. 30 Prozent aller Frauen sind von einer oder mehreren Fehlgeburten betroffen.

Frauen, die ihr Kind während der Schwangerschaft oder bei der Geburt verlieren, würden im Thurgau gut betreut, sagt Andrea Weber. Die Kreuzlinger Hebamme ist Präsidentin des Vereins Thurgauer Hebammen und Geschäftsführerin des Schweizerischen Hebammenverbandes. "In den Spitälern hat es sich durchgesetzt, dass die Frauen Zeit und Rituale benötigen, um den Tod ihres Kindes zu verarbeiten." Die toten Kinder würden nicht mehr wie früher sofort nach der Geburt von den Müttern oder Paaren ferngehalten, in der Meinung, das würde beim Vergessen des Schicksalsschlages helfen. Die Frauen dürfen ihr Kind im Arm halten, sich von ihm verabschieden und wenn möglich und gewünscht, beerdigen. "Abschiednehmen ist wichtig für den Trauerprozess", sagt Andrea Weber. Genauso wie Fotos und Fuss- und Handabdrucke als Erinnerung. Ein Kind zu verlieren, sei für die Eltern immer ein Schlag. "Sie sind zunächst froher Hoffnung und müssen dann mit dem jähen Ende klarkommen."

Andrea Weber hat die Erfahrung gemacht, dass Frauen oft Schuld bei sich suchen, dass es mit dem Kind nicht geklappt hat. Sie würden sich fragen, was sie falsch gemacht hätten. Zwar gebe es manchmal medizinische Ursachen wie Infekte, genetische oder hormonelle Störungen, doch in der Regel sei kein Grund festzustellen. Weber sagt: "Niemand hat Schuld. Der Verlust eines Babys ist Schicksal. Die Eltern müssen lernen, das zu akzeptieren."

Obwohl sich in den vergangenen Jahren viel verbessert hat, ist eine Fehlgeburt oder der frühe Tod eines Kindes vor, während und nach der Geburt wie Vera Rösch weiss, noch immer ein Tabuthema. Die Romanshorner Theologin und Trauerpädagogin begleitet betroffene Familien. "Dass alte Menschen sterben, ist normal. Stirbt ein Kind, fehlen Angehörigen und Bekannten oft die richtigen Worte." Frauen müssten sich anhören, dass sie ja noch jung seien, es beim nächsten Mal sicher klappe, während sie gleichzeitig an sich zweifelten.

Vor allem Frauen mit mehreren Fehlgeburten würden sich stark hinterfragen. Rösch ist Präsidentin des Vereins Gestose-Frauen. Er hilft Frauen, die eine sogenannte Schwangerschaftsvergiftung erlitten haben.

Jede Schwangere treibt die Trauer hoch

Vera Rösch hat selbst ein Kind verloren – ihre Tochter starb bereits zweieinhalb Stunden nach der Geburt. Neben der Trauer belastete sie, dass ihr Körper versagt hatte. Sie fühlte sich ohnmächtig. "Jeder Kinderwagen, jede schwangere Frau haben mein Trauma wieder aufleben lassen." Ihre Trauer hat sich erst im Laufe der Jahre verwandelt, weg ist sie nicht. Hilfreich war für Vera Rösch, dass sie ihr Kind beerdigen konnte. "Es ist für viele betroffene Familien ein Bedürfnis, dass der Name ihres Kindes irgendwo erscheint, es sichtbar wird und einen Platz bekommt", sagt die Theologin.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.