ABENTEUER: Mit dem Skalpell in den Busch

Der Frauenfelder Jörg Wydler ist Chirurg und arbeitet am Stadtspital Triemli in Zürich. In seinen Ferien reist er in ­Entwicklungsländer und gibt sein Wissen an Ärzte weiter. Zu Beginn stiess der Thurgauer dort auf unerwartete Probleme.

Martin Rechsteiner
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Jörg Wydler im Stadtspital Triemli. Er freut sich auf seinen nächsten Einsatz im Ausland. (Bild: Andrea Stalder)

Jörg Wydler im Stadtspital Triemli. Er freut sich auf seinen nächsten Einsatz im Ausland. (Bild: Andrea Stalder)

Martin Rechsteiner

martin.rechsteiner@ thurgauerzeitung.ch

«An einem Tag führe ich mit einem Roboter eine komplexe Operation durch, wie es sie nur an wenigen Orten auf der Welt gibt. Am nächsten Tag muss ich während der Operation Ameisen und Fliegen aus den Wunden scheuchen, während mir der ­Regen aus dem undichten Spitaldach auf den Kopf tropft.»

Jörg Wydler ist Leitender Arzt am Stadtspital Triemli, Zürich. Der Frauenfelder arbeitet dort als Spezialist für Viszeralchirurgie, der Chirurgie, die sich mit dem Bauch befasst. In seinen Ferien reist er immer wieder in Entwicklungsländer, um dort Ärzte auszubilden. Vergangenes Jahr war Wydler in Tansania, im Herbst geht er nach Tadschikistan.

Wenn der 56-Jährige von seinen Reisen erzählt, blüht er auf. Der wache Blick wird noch wacher, die Augen hinter den Brillen­gläsern beginnen zu leuchten. Seine Mundwinkel heben sich leicht an zu einem permanenten Grinsen. Wydler beginnt, von den Schwierigkeiten zu berichten, die seine Einsätze im Ausland mit sich bringen. «Stellen Sie sich vor, Sie operieren am Abend einen ­Patienten und plötzlich fällt der Strom aus.» Dabei kühlen Kopf zu bewahren sei am Anfang nicht immer einfach gewesen. «Oft kam es dann vor, dass wenn es heikel wurde, einfach alle davonliefen und ich allein im OP-­Zimmer stand.» In solchen Momenten trotzdem – und allein – zu Ende zu operieren, erfordere viel Erfahrung.

Den Menschen helfen

Wydler ist ein alter Hase. Seinen ersten Auslandeinsatz leistete er vor fast 30 Jahren. Gleich nachdem er den Doktortitel in Medizin erworben hatte, schloss sich er sich einer UNO-Blaumützen-Mission in Namibia an. Rund 7000 Leute aus 70 verschiedenen Nationen waren daran beteiligt. Für den jungen Arzt war das eine prägende Erfahrung. «Die Organi­sation des Einsatzes war für mich sehr interessant. Und, das Wichtigste, ich konnte den Menschen helfen», sagt er.

«Den Menschen helfen», diese Worte fallen oft, wenn Wydler spricht. «Wir in der Schweiz haben so viel Glück, hier geboren zu sein», sagt er. Jede Operation sei jederzeit möglich, die Ausbildung für Ärzte und Chirurgen gehöre zu den besten der Welt. «Das will ich weitergeben.» Das Ziel sei deshalb auch nicht, im Ausland möglichst viele Menschen zu operieren. «Die Chirurgen vor Ort sollen selbst lernen, wie sie auch die anspruchsvollen Operationen mit den Mitteln meistern können, die ihnen zur Verfügung stehen. Wydler zückt ein Fotobuch, das seinen Einsatz in Tansania dokumentiert. Die Kamera ist immer dabei, wenn der Chirurg unterwegs ist. Er zeigt auf ein ­etwas bizarres Bild: Ein Patient wird am Bauch operiert, grinst da­bei aber neckisch in die Kamera. «In anderen Ländern ist der Nachschub an Narkosemitteln manchmal schwierig. Da muss man mit weniger auskommen.» Der junge Mann sei also, unter Wydlers Ägide, nur lokal betäubt worden. «Die Operation ist problemlos verlaufen.»

Hie und da ein Abenteuer

Aufhören will Wydler noch lange nicht. Seit 2004 ist er Mitglied des Swiss Surgical Teams, das im Ausland ehrenamtlich medizinische Entwicklungshilfe leistet. Wydler ist inzwischen Vizepräsident des Verbands. «Die Möglichkeiten, die mir mein Beruf für ­solche Einsätze gibt, sind einfach sensationell», sagt er. Und dann kann der Chirurg den Abenteurer in sich doch nicht mehr zurückhalten: «Unterwegs erlebt man ja auch immer wieder tolle Sachen ausserhalb des Spitals», schwärmt er. «Wir waren in der Mongolei, dort sind Pferderennen populär. Einheimische haben uns einmal mitgenommen, ein riesiges Volksfest war das, völlig abgelegen und ohne Touristen, unvergesslich.»

Wydlers Familie bleibt während seiner Reisen meist zu Hause in Uerikon am Zürichsee. Seine Frau ist OP-Schwester, Wydler hat sie bei der Arbeit kennen ­gelernt. «Besorgt ist sie nie. Im Gegenteil. Sie unterstützt meine Arbeit im Ausland», sagt er.

Und an den abrupten Wechsel vom Schweizer OP-Saal in ein Drittwelt-Operationszimmer hat sich der Chirurg inzwischen gewohnt. «Die plötzliche Hitze, vor allem unter dem OP-Kittel, ist inzwischen kein Problem mehr», sagt er. Nebst der Kamera komme zudem noch etwas auf jede Reise mit: Durchfalltabletten.

Hinweis

Zuwendungen für medizinische Entwicklungshilfe auf www.swiss-surgical-team.org