ABBAU: Lotto, Handy, Abfallsack

Bei knapp der Hälfte der derzeit 35 Thurgauer Poststellen ist ungewiss, ob sie bis 2020 weitergeführt werden. Gerade kleine Filialen müssen um ihr Fortbestehen bangen. Ein Augenschein in der kleinsten der drei Kreuzlinger Poststellen.

Marcel Jud
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Auch in der Filiale Hirschenplatz in Kreuzlingen setzt die Post auf Zusatzangebote. Die stellvertretende Poststellenleiterin Maria Maissen ordnet die Handy-Auslage im Schalterraum der Filiale. (Bilder: Reto Martin)

Auch in der Filiale Hirschenplatz in Kreuzlingen setzt die Post auf Zusatzangebote. Die stellvertretende Poststellenleiterin Maria Maissen ordnet die Handy-Auslage im Schalterraum der Filiale. (Bilder: Reto Martin)

Marcel Jud

marcel.jud@thurgauerzeitung.ch

Die Hände der Frau mit kurzen, grauen Haaren zittern leicht, als sie bei Maria Maissen einen Brief aufgibt. Am Schalter nebenan wechselt ein älterer Herr bei Petra Kellenberger Franken in Euro. Sein Béret sitzt schief. «Rund 60 Prozent unserer Kundschaft ist über 60», sagt Maria Maissen. Viele von ihnen seien «Stammkunden», die regelmässig vorbeikämen und zu denen sie einen persönlichen Draht entwickelt habe, sagt die junge Frau mit lockigem Haar. Für ihre Stammkunden nehme sie sich auch gerne etwas mehr Zeit «für einen kleinen Schwatz». Maissen ist stellvertretende Leiterin der Poststelle Kreuzlingen 2 Hirschenplatz, die sich schräg gegenüber der Pädagogischen Mittelschule befindet.

Immer wieder betreten Kunden den kleinen Schalterraum der Postfiliale, überfüllt ist er aber nie. Laut Maissen ein durchschnittlicher Tag. Gegen Monatsende kämen jeweils etwas mehr Leute vorbei. Maissen hält der Post seit ihrer Lehrzeit die Treue und kann sich noch an Zeiten erinnern, als der Andrang auf Poststellen grösser war: «In meinem ersten Lehrjahr 2009 kamen wir am Monatsende manchmal kaum nach mit der Arbeit.» Heute sei dies anders, sagt Petra Kellenberger: «Hier im Hirschenplatz ist nur viel los, wenn die AHV ausbezahlt wird und die älteren Kunden gehäuft vorbeikommen, um ihre Einzahlungen zu machen.»

«Wir stehen fast nur noch hinter dem Schalter»

Petra Kellenberger arbeitet seit rund fünfzehn Jahren bei der Post. Als sie angefangen hatte, gab es im Thurgau noch 119 Poststellen. Heute sind es 35. Von den verbleibenden Filialen will die Post bis 2020 nur 19 sicher weiterführen. Bei den restlichen prüft die Post, ob sie fortbestehen sollen. Auch eine der drei Poststellen in Kreuzlingen könnte geschlossen werden. «Der Wandel, der bei der Post in den letzten Jahren stattgefunden hat, ist enorm», sagt Maria Maissen. Früher habe auch die kleinste Poststelle ihren eigenen Filialleiter gehabt. Als stellvertretende Leiterin ist Maissen nicht nur für die Poststelle am Hirschenplatz zuständig, sondern auch für jene im Ziil-Center und in Scherzingen. Sie hat die letzten drei Wochen alle sieben Tage in einer anderen Filiale gearbeitet. Wie ihre acht Mitarbeitenden wechselt sie den Arbeitsort turnusmässig.

Céline Bieri lächelt geduldig, während ein älterer Herr einen Lottoschein ausfüllt. Die 19-Jährige arbeitet sonst in Arbon und vertritt diese Woche eine Kollegin in Kreuzlingen. Da ihre klassischen Dienstleistungen wie der Briefversand nicht mehr rentieren, setzt die Post auf Zusatzangebote. So verkaufen Bieri und ihre Kolleginnen nicht nur Lottoscheine, sondern auch Konzertbillette und Abfallsäcke und vermitteln ihren Kunden Handy- sowie Versicherungsverträge. «Man steht schon unter einem gewissen Verkaufsdruck», sagt Maria Maissen, «die Anforderungen, die an uns Mitarbeitenden gestellt werden, sind hoch». Petra Kellenberger stimmt Maissen zu. «Ich finde es schade, dass viele postalische Aufgaben nicht mehr von uns erfüllt werden. Wir stehen fast nur noch hinter dem Schalter», sagt sie und zuckt mit den Schultern.

Ein dumpfes Geräusch erfüllt die Postfiliale, als der Postbote die Schiebewand öffnet, welche die Rückseite der Postfächer bedeckt. Einige Fächer sind gut gefüllt, in anderen herrscht gähnende Leere. Flink verteilt der Postbote die Briefe aus seiner Tasche in die verschiedenen Postfächer, damit sie die Mieter der Blechkasten später abholen können. «Das Einfächern der Briefe war mal unsere Aufgabe. Wir fingen jeweils um 6.30 Uhr damit an», sagt Maria Maissen. Seit zwei Jahren tun dies nun die Postboten. Um Ressourcen zu sparen, erklärt Maissen: «Wir öffnen die Filiale seither erst um 8 Uhr, eine halbe Stunde später als früher.»

Mitarbeitende wissen nicht mehr als die Kunden

Trotz der vielen Veränderungen im Postwesen und der drohenden Filialschliessung sagt Céline Bieri: «Seit ich ein Kind bin, schlägt in mir ein Postherz.» Bereits Bieris Mutter arbeitete als Postangestellte. Als sie in den 1980er-Jahren bei der Post anfing, hatten nicht nur die Poststellen mehr Kunden, auch die Ausbildung der Angestellten war eine andere. Im Gegensatz zu ihrer Mutter hat Bieri keinen zweijährigen Post-Lehrgang an der Verkehrsschule absolviert, sondern eine dreijährige Lehre zur Detailhandelsfachfrau. Selbst als Maria Maissen vor rund fünf Jahren ihre Ausbildung abschloss, waren die Bedingungen für Lehrabgänger noch andere als heute. «Damals war klar, dass einen die Post nach der Lehre weiterbeschäftigt», sagt Maissen. Céline Bieri hingegen musste sich nach der Lehre nochmals neu bei der Post bewerben. «Von unserem Abschlussjahrgang im Detailhandel erhielten nur etwa 50 Prozent eine Stelle bei der Post.»

Dass die Post mehr junge Leute ausbildet, als sie schliesslich übernehmen kann, findet Bieri nicht schlecht: «Man erhält eine sehr breite und fundierte Ausbildung, mit der man auch woanders unterkommt.» Dafür ist Bieri dankbar, denn sie glaubt nicht, dass sie in fünf Jahren noch auf der Post arbeiten wird: «Es tut mir für die älteren Kunden leid, aber es ist klar, dass gewisse Postfilialen schliessen müssen, da sie nicht rentieren.»

Welche Poststellen im Thurgau bis 2020 geschlossen oder durch Postagenturen ersetzt werden, bleibt bis auf weiteres offen. «Wir Mitarbeitenden wissen da nicht mehr als unsere Kunden», sagt Maissen. Eins ist für sie und Céline Bieri jedoch klar: Sollte es zu Entlassungen kommen, wäre es für sie kein Problem, sich neu zu orientieren. «Ich werde den älteren Kolleginnen sicher nicht im Weg stehen», sagt Bieri. Petra Kellenberger dagegen hofft, dass sie bei der Post bleiben kann: «Ich würde gerne noch weitere fünfzehn Jahre hinter dem Schalter stehen.»