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AADORF: Mit dem Käfer in ein neues Leben

Nach dem Einmarsch der Sowjets mussten vor 50 Jahren Zehntausende Tschechoslowaken flüchten. So auch Rita und Jaroslav Jenikovsky, die im Hinterthurgau eine neue Heimat gefunden haben.
Kurt Lichtensteiger
Rita und Jaroslav Jenikovsky erhielten nach dem Prager Frühling politisches Asyl in der Schweiz. Heute leben sie in Aadorf. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

Rita und Jaroslav Jenikovsky erhielten nach dem Prager Frühling politisches Asyl in der Schweiz. Heute leben sie in Aadorf. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

Kurt Lichtensteiger

hinterthurgau@thurgauerzeitung.ch

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier:<strong><em>www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

An den sogenannten «Prager Frühling» erinnern sich Rita und Jaroslav Jenikovsky, als sei er gestern gewesen. Tief im Gedächtnis haften noch die Tage, als die Sowjets zuschlugen und mit der grössten Militäroperation seit dem Zweiten Weltkrieg die CSSR besetzten.

In der Nacht zum 21. August 1968 marschierten über eine halbe Million Soldaten der Sowjetunion, der DDR, Polens, Ungarns und Bulgariens in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (CSSR) ein. Buchstäblich über Nacht wurde der politische Frühling hinweggefegt. Panzer und Truppen besetzten die Hauptstadt Prag.

Politische Säuberungen, tote Zivilisten und Soldaten

Massenweise strömten Prager auf die Strassen der Hauptstadt – wütend, weinend und erbittert über den Verrat. Beim Einmarsch starben 98 Tschechen und Slowaken sowie 50 Soldaten der Invasionstruppen. Schon am Tag nach der Invasion begannen die politischen Säuberungen. Alexander Dubcek, die Leitfigur des Prager Frühlings, sowie die gesamte liberale Führungsspitze verschwanden von der Bildfläche. Es gab Hunderte von Verhafteten, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung bloss einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz wünschte.

Zu Tausenden verliessen die Tschechoslowaken ihr Land. Etwa 11500 von ihnen haben in der Schweiz Zuflucht gesucht und wurden als politische Flüchtlinge mit offenen Armen aufgenommen. Wohl teilweise auch als Wiedergutmachung nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Boot für jüdische Flüchtlinge bald einmal als voll erachtet worden war.

Auch wenn einige Erinnerungen an diese äusserst unruhige Zeit inzwischen verschüttet sind, so sind doch viele noch präsent, sagen die 83-jährige Rita Jenikovsky und ihr um ein Jahr älterer Mann Jaroslav Jenikovsky, die heute in Aadorf wohnen. Mit bewegten Worten erzählen sie von ihren Schicksalsjahren: «Enttäuscht und in grosser Trauer über die schrecklichen Ereignisse haben wir im Dezember 1968 unsere Wohnung in Prag verschlossen und sind mit unserem 14-jährigen VW-Käfer in Richtung Schweizer Grenze aufgebrochen.»

Stelleninserat in der NZZ

Die neutrale Schweiz wünschten sie sich als Ziel, auch mit dem Gedanken, dass ihnen hier ihre Deutschkenntnisse hilfreich sein würden. «Kam dazu, dass wir in der NZZ – diese ausländische Zeitung war in den kurzfristig liberalen Verhältnissen zu kaufen – auf eine Stellenanzeige der Firma Sulzer stiessen», sagt Jaroslav Jenikovsky. «Gesucht war ein Computerspezialist. Das kam uns gelegen. Über eine vereinbarte Adresse in Deutschland kam der Kontakt zu Stande. Zwar verwehrte das Regime die Ausreise, doch war es bis April 1969 noch erlaubt, mit einem Reisepass in die Ferien zu fahren.»

Mit Ängsten vor dem Grenzübertritt seien sie dann losgefahren und am 4. Dezember 1968 in Winterthur angekommen. Für zwei Monate brachte man sie in einem Lagerhaus in Oberwinterthur unter. «Schon am 16. Dezember konnte ich die aus­geschriebene Stelle antreten, ausgestattet mit einem zuvorkommenden und seriösen Arbeitsvertrag für drei Jahre», sagt Jaroslav Jenikovsky. «Bereits im Februar 1969 hat auch meine Frau eine Stelle als kaufmännische Angestellte antreten können.» Noch im gleichen Monat bezog das Paar im Winterthurer Stadtteil Seen eine Wohnung, eingerichtet dank eines zinslosen Darlehens von Sulzer. Die Stadt Winterthur stellte zudem als Überbrückung 365 Franken zur Verfügung. Nach drei Monaten erhielten sie politisches Asyl und im September 1982 – nach strenger Prüfung – das Schweizer Bürgerrecht.

«Wir genossen die neue Freiheit in der Schweiz in vollen Zügen, durchstreiften mit Rucksack das schöne Land und reisten später durch Europa, anfangs mit dem Zelt, danach mit einem Wohnwagen», erzählt Rita Jenikovsky. Mit dem VW durften sie noch ein Jahr fahren, ehe das Gefährt zwecks Verschrottung zur Rikoner Firma Kuhn kam. «Als am ersten Jahrestag der Invasion in der Schweiz um 12 Uhr alle Kirchenglocken läuteten, waren wir den Tränen nahe.»

Im Jahre 1990 zog das Paar in den Hinterthurgau, nach Aadorf, wo sich die beiden nach wie vor bestens integriert fühlen. «In all den vergangenen Jahren lernten wir das ruhige, paradiesische Land als neue Heimat kennen», schwärmt Rita Jenikovsky. «Wir schätzten die liebenswerten und hilfsbereiten Leute, die auf die tragische Entwicklung in der Tschechoslowakei mit grossem Mitgefühl reagiert hatten.»

Und nun steht bereits der 50. Jahrestag der dramatischen Ereignisse vor der Tür. «Dass wir seit der Wende Ende der 80er-Jahre wieder zurück nach Prag fahren dürfen, ist ein grosses Geschenk», sagt Jaroslav Jenikovsky. «Unser Zuhause ist jedoch die Schweiz, der wir für die grosszügige Aufnahme dankbar sind. Heimat ist dort, wo man die letzten Wurzeln geschlagen hat, auch wenn es weh tut, einmal entwurzelt worden zu sein.»

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