AADORF: Es geht auch ohne Laubbläser

Auf dem Tennisplatz wurde das Herbstlaub zur Plage. Flüchtlinge schufen Abhilfe. Geld erhielten sie dafür nicht, dafür ihren ersten Tennisunterricht.

Kurt Lichtensteiger
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Platzwart Willi Kobelt bewirtet die Flüchtlinge nach ihrer allerersten Tennislektion. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

Platzwart Willi Kobelt bewirtet die Flüchtlinge nach ihrer allerersten Tennislektion. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

Kurt Lichtensteiger

hinterthurgau@thurgauerzeitung.ch

Orange Leuchtwesten, Besen und Schaufeln sind die Aus­rüstung einer Arbeitsgruppe von vier Asylsuchenden. An diesem ­Morgen wartet im Aadorfer Bohl­quartier noch ein letztes Häufchen Laub darauf, in einen Handkarren verfrachtet zu werden.

Da liegt die Gelegenheit nahe, das Grüppchen darum zu bitten, sie möge gleich auch noch den Tennisplatz von der unliebsamen herbstlichen Bescherung befreien. Die Angesprochenen – ein Afghane, ein Iraker, ein Syrier und ein Kongolese mit den Gardemassen eines Basketballspielers – haben dafür ein offenes Ohr.

Letzterer entpuppt sich nach den ersten Worten in leidlich ­gutem Deutsch als Teamleader. «Das machen wir schon, wir ­haben Zeit», sagt er. Seine Kol­legen nicken und stimmen wortlos zu. «Ganz gratis müsst ihr die Arbeit nicht verrichten. Dafür gibt es eine Gratislektion Tennisunterricht», versichere ich ihnen. Ein Lächeln huscht über ihre Gesichter, ja sogar Begeisterung ist daraus abzulesen. «Halb elf Uhr auf dem Tennisplatz. Abgemacht?» – «Einverstanden, wir kommen!», tönt es unisono. Und schon machen sie sich auf den Weg, der ihnen gar nicht lange ­erklärt werden musste.

Platzwart entlastet

Pünktlich zur vereinbarten Zeit treffen die Flüchtlinge unten bei der ehemaligen Rotfärberei ein. Hier sehen sie, was auf sie wartet: Eine Menge zusammengewischtes Laub türmt sich entlang der Umzäunung auf. Dort verschwinden jeweils die gelben Filzbälle und können nur mühsam wieder ausgegraben werden, falls sie überhaupt entdeckt ­werden. Für die Tennisspieler ein Ärgernis. Auch auf den Weiten der drei Tennisplätze grüssen bunte Blätter zu Abertausenden. Nicht zur Zierde, sondern als Störfaktor zum Missbehagen der Tennisspieler. So rücken die jungen Männer dem Laub – ganz ohne Laubbläser – auf die Pelle und deponieren dieses ausserhalb der Umzäunung.

Inzwischen ist auch Platzwart Willi Kobelt eingetroffen, sichtlich erfreut, von bevorstehender Arbeit entlastet zu werden. ­Alleine hätte er für die Räumung eine Menge Stunden aufwenden müssen. Ein Aufwand, der sich gerade zu Ende der Saison als kaum lohnenswert erweist. «Ich bin froh über diese Heinzel­männchen», murmelt er. Diese erscheinen am Nachmittag nochmals, um ihre Arbeit zu be­endigen. Nicht ohne Meldung an die Gemeinde, die im Nachgang über das in der Tat etwas eigenmächtige Vorgehen orientiert worden war.

Mit den falschen Schuhen

Auf darauffolgenden Tag, um 14 Uhr, war also das Rendezvous beim Tennisplatz vereinbart ­worden. Mit einer akademischen Viertelstunde Verspätung trifft der Erste ein, jedoch mit unge­eigneten Schuhen. Bis es dann losgehen kann – allerdings mit ­reduziertem Bestand – dauert es eine weitere Weile. Zwei ­Mi­grantenkinder freuen sich umso mehr, die Gruppe kom­plettieren zu dürfen. Der Rest ist irgendwo, nur nicht am vereinbarten Ort.

«Macht ja nichts», sage ich mir. «Mit solchen Kulturunterschieden muss man leben können.» Dann gehts mit Tennis­rackets auf den Platz. Zum ersten Mal haben sie ein derartiges Spielgerät in der Hand. An Begeisterung fehlt es weder bei Klein noch Gross. Verständlich, dass mit dem gelben Filzball nicht sofort Freundschaft geschlossen wird. Die anderthalb Stunden schienen dennoch allen Beteiligten viel Spass zu machen.

Arabisches Fladenbrot

Zur Vesperzeit taucht der Platzwart wieder auf. Aus Sack und Pack entnimmt er Pfannen und Schüsseln und deckt den Tisch vor dem Clubhaus, als stünde eine Party bevor. Zum Vorschein kommen gegrillte Pouletbrüstli, eine warme Gemüsepfanne mit Kartoffeln, arabisches Fladenbrot, allerlei Zutaten orientalischer Provenienz sowie Getränke und Früchte aus einem türkischen ­Laden. Fürwahr ein opulentes Mahl, das allen trefflich zu schmecken scheint. Jedenfalls wird herzhaft zugegriffen.

«Etwas Willkommenskultur muss ja schon sein», sagen sich Platzwart und Tennislehrer. Die heitere Stimmung bleibt, bis ­Willi Kobelt den Rest des Hausgemachten zur Wiederverwertung ein­packen kann. Die Bescherten bedankten sich freundlich, ehe sie sich mit gefülltem Magen auf den Heimweg machen.