90. GEBURTSTAG: Der Mann mit den zwei Karrieren

Beim Namen Arthur Haffter denkt man im Kanton Thurgau an den Politiker und an den Läufer. Heute wird der ehemalige freisinnige Regierungsrat 90 Jahre alt – und ist mittlerweile geruhsamer unterwegs.

Christian Kamm
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«Ich war damals bei jedem Wetter unterwegs»: Arthur Haffter, ehemaliger Regierungsrat und Marathonläufer. (Bild: Reto Martin)

«Ich war damals bei jedem Wetter unterwegs»: Arthur Haffter, ehemaliger Regierungsrat und Marathonläufer. (Bild: Reto Martin)

«Wenn’s si mues, dänn chömed sie halt verbi!», sagt Arthur Haffter am Telefon. Begeisterung tönt eigentlich anders. Zum vereinbarten Zeitpunkt aber empfängt ein gutgelaunter Hausherr den Besucher in seinem Heim hoch über Weinfelden. Seit den 60er-Jahren wohnt er hier. Und hier kann er schon am Morgen beim Aufstehen den Blick über die Mittelthurgauer Metropole schweifen lassen, die ihm quasi zu Füssen liegt. Früher tat das Weinfelden auch politisch, ihm zu Füssen liegen, als Arthur Haffter von 1964 bis 1975 Gemeindeammann in der heimlichen Thurgauer Hauptstadt war. Bevor es ihn als frischgewählten Regierungsrat in die richtige Hauptstadt Frauenfeld zog, zuerst fünf Jahre als kantonaler Baudirektor, anschliessend zwölf Jahre als Chef des damaligen Erziehungs- und Sanitätsdepartements. Lang, lang ist’s her. So lange, dass Arthur Haffter am heutigen 19. Januar seinen 90. Geburtstag feiern kann. Er ist der älteste ehemalige Regierungsrat im Kanton Thurgau. «Mit Abstand», sagt lächelnd der Jubilar.

Herr Haffter, wie machen Sie das?

Gerne würde der Besucher jetzt die Frage nach dem Geheimrezept stellen, wagt es dann aber doch nicht. Etwa so: Herr Haffter, wie haben Sie das gemacht? 90 Jahre alt und weiterhin diese Präsenz und diese kerzengerade Haltung, die schon immer Ihr Markenzeichen war? In geschliffenen Voten hat ein selbstbewusster Regierungsrat Arthur Haffter dem Kantonsparlament zuweilen auch die Leviten gelesen. Eloquent, rhetorisch beschlagen, sachlich fundiert und stets in freier Rede, die bis in den hintersten Winkel des Saals zu hören war. Magistral eben. Parlamentarische Lehrstunden im oft biederen Thurgauer Grossen Rat. Zwar ist die Stimme brüchig geworden, aber die Ausstrahlung, die ist bis heute geblieben.

Obwohl mit viel politischem Talent gesegnet – den Weg in die professionelle Politik hat der Jurist Arthur Haffter nicht gesucht. «Ich wollte eigentlich nie Gemeindeammann werden», schaut er zurück. Selbst als sich damals der Vorstand der Weinfelder FDP einig war, dass Haffter der richtige Mann für das Gemeindepräsidium sei, fiel die erste Reaktion des Auserkorenen unmissverständlich aus: «Ihr spinnt!» Schliesslich aber liess er sich doch überzeugen und sagt nun: «Ich habe es nicht bereut.» In einer Zeit, in welcher Weinfelder Gemeindeammänner für die Kantonsregierung so gut wie gesetzt waren, war der weitere politische Weg schon vorgezeichnet. Auch den würde Haffter erneut gehen, aber nicht mehr so lange. «Ich wollte eigentlich nur zwei, maximal drei Amtsperioden Regierungsrat bleiben und dann in die Wirtschaft wechseln.» Geworden sind es schliesslich 17 Jahre – ohne Abstecher in die Privatwirtschaft.

Fällt im Thurgau der Name Arthur Haffter, denkt man an den Politiker. Und man denkt – an den Läufer. An dieser zweiten Karriere im Leben des Arthur Haffter ist eigentlich alles speziell. Dass einer mit 50 beschliesst, die Laufschuhe zu schnüren, soll ja vorkommen. Aber nicht so. Nicht in dieser Radikalität und Intensität. Aus dem ehemaligen Raucher wurde ein begeisterter Marathonläufer, der auch auf diesem Gebiet keine Herausforderung scheute. So wie er mit Rauchen aufhörte – von einem Tag auf den andern – so hat Haffter mit dem Laufen begonnen. Das Virus befiel ihn als Zaungast beim «Frauenfelder», als ihm Stadtammann Hans Bachofner von seinen zwei Teilnahmen am Militärwettlauf erzählte. Darauf sagte Arthur Haffter den Satz, der sein Leben verändern sollte: «Das nächste Mal laufe ich mit.»

Gesagt – getan, respektive gelaufen. Und fortan stand Haffter nicht mehr still. Bald absolvierte er auch zivile Läufe, immer wieder Marathons, aber auch einige Hundertkilometer waren darunter und der für Nichtläufer wohl immer unbegreiflich bleibende Swiss Alpine Marathon. «Das war eine tolle Zeit damals», sagt Arthur Haffter und seine Augen beginnen mit den Erinnerungen zu leuchten. «Ich war bei jedem Wetter unterwegs.» Seine Frau konnte er mit dem Laufvirus nicht anstecken. «Jemand musste sich ja um die Familie kümmern», wirft Adelheid Haffter ein. Auch sein Sohn war nur vorübergehend mit von der Partie. «Ich war ihm wohl bald zu schnell», sagt Arthur Haffter augenzwinkernd.

«Das ist mir zu langweilig»

Unterdessen ist er, wie es sich für einen 90-Jährigen gehört, geruhsamer unterwegs. Nach zwei Hüftoperationen musste der ehemals leidenschaftliche Läufer sogar mit einem Joggingverbot leben lernen. Spaziergänge stehen zwar weiterhin auf dem Programm, aber nicht mehr allzu weit. Selbst der Hometrainer kommt nur noch selten in die Gänge. «Das ist mir zu langweilig», bekennt Haffter. Sogar die alten Freundschaften aus seiner Läuferzeit sind verschwunden. Denn: «Die leben alle nicht mehr.» Auch das eine Wahrheit, die ein hohes Alter mit sich bringt.

Die Thurgauer Politik verfolgt Arthur Haffter weiterhin. Einmischen aber mag er sich, ganz alte Schule, nicht mehr. «Manchmal denke ich schon, jetzt haben sie einen ‹Seich› gemacht. Aber was will ich mit meinen 90, das sollen jetzt andere machen.» Wenn er nicht in seinem Ferienhaus in Luino oder sonstwo auf Reisen ist, geht er weiterhin an die Treffen mit den aktiven Regierungsräten, die zweimal im Jahr stattfinden. Und jeden dritten Donnerstag im Monat sitzt der Gemeinderat-Stamm der Ära Haffter im historischen Weinfelder «Trauben» zusammen. In den besten Zeiten war man dort zu elft. Jetzt sind noch zwei übrig.

«Fritz Uehlinger und ich halten die Tradition aufrecht», sagt Arthur Haffter, und man sieht ihm an, wie er sich schon auf das nächste Mal freut.