700 Jahre Graduale St. Katharinental

Mit einer kunsthistorischen Führung, einem Festvortrag und einem Konzert wurde am Sonntag der 700. Geburtstag des Graduale von St. Katharinental gefeiert.

Volker Mohr
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In der Kirche St. Katharinental: Denkmalpflegerin Betty Sonnberger neben einem Faksimile des Graduale. (Bilder: Volker Mohr)

In der Kirche St. Katharinental: Denkmalpflegerin Betty Sonnberger neben einem Faksimile des Graduale. (Bilder: Volker Mohr)

ST. KATHARINENTAL. Die Kirche des ehemaligen Klosters St. Katharinental war gut besetzt, als Betty Sonnberger, zuständig für kirchliche Kunst beim Thurgauer Amt für Denkmalpflege, die erste der drei Veranstaltungen zum 700. Geburtstag des Graduale St. Katharinental eröffnete.

Die kunsthistorische Führung setzte im Jahr 1732 ein, in jenem Jahr, in dem der Grundstein für die heutige barocke Kirche gelegt wurde. Architekt der Kirche war Johann Michael Beer, der sich im süddeutschen Raum bereits einen Namen gemacht und zuvor auch in Münsterlingen tätig gewesen war. Auftraggeberin für das Bauwerk war die Priorin des Klosters, Maria Dominica Josepa von Rottenberg, eine selbstbewusste, gestrenge «Managerin», die auch für das 20 Jahre zuvor neu erbaute Kloster verantwortlich zeichnete.

Keine Ablenkung für Nonnen

Anliegen der Priorin war es unter anderem, eine Anlage zu bauen, in der die Nonnen sich voll und ganz ihrer kontemplativen Aufgabe widmen konnten und durch nichts, was ausserhalb der Mauern geschah, abgelenkt zu werden. Auch gegenüber dem Architekten bewies die Priorin Durchsetzungsvermögen, indem sie beispielsweise ein steiles Satteldach verlangte, obwohl ein Walmdach statisch vorzuziehen gewesen wäre. Mittlerweile ist das Dach, das tatsächlich Schwachstellen aufwies, durch Stahlträger verstärkt worden, was Betty Sonnberger zur beruhigenden Aussage veranlasste: «Ich kann Ihnen versichern, die Decke fällt uns heute nicht auf den Kopf.»

Gegründet wurde das Kloster bereits 1242. Von überall her soll der Bau gefördert worden sein, während 25 Jahre später Albertus Magnus dessen Altäre weihte. Das Kirchengesangbuch, dessen Entstehung man heute gedenkt, stammt ebenfalls aus dieser Zeit: 1312 steht auf einer der ersten Seiten geschrieben. Anschliessend an die kunsthistorischen Ausführungen hielt Gaudenz Freuler, Professor an der Universität Zürich, den Festvortrag.

Mystische Vereinigung mit Gott

Der Experte für Buchmalerei ging unter anderem auf Buchmaler-Werkstätten jener Zeit zwischen Zürich und dem Bodensee ein, im besonderen aber auf die Person der Katharina von Alexandrien, die im 3. oder 4. Jahrhundert gelebt und durch den römischen Kaiser Maximinus Daia das Martyrium erlitten haben soll. Im Diessenhofer Graduale, insbesondere aber im neu erworbenen Einzelblatt des Gesangbuches, spielt die Namensgeberin des Klosters selbstredend eine bedeutende Rolle, und so sind diverse Vignetten in dem Buch Katharina und ihrer mystischen Vereinigung mit Gott gewidmet, wobei es das Ziel war, so Freuler, das Emotionale in den Texten künstlerisch und bildhaft umzusetzen.

Der dritte Teil der Festveranstaltung war ganz der Musik gewidmet. Eine Toccata von Franz Xaver Murschhauser (1663–1738), an der Orgel gespielt von Christoph Honegger, eröffnete das Jubiläumskonzert. Vorne, beim Altar, befand sich ein Faksimile des originalen, 314 Blätter umfassenden Gesangbuches. Und wie es seinerzeit üblich war, versammelten sich nun die Chorsänger der Schola Gregoriana Scaphusiensis um dieses Buch, zu dem nun auch das durch den Kanton Thurgau neuerworbene Fragment mit dem Titel «Umbra Aurora» gehört.

«Umbra Aurora»: Das vom Kanton Thurgau erworbene Buchfragment.

«Umbra Aurora»: Das vom Kanton Thurgau erworbene Buchfragment.

Festredner Gaudenz Freuler.

Festredner Gaudenz Freuler.