500 Meter vom Bus zum Laden

Neue Einkaufs- oder Freizeitzentren, die viel Publikum anziehen, dürfen höchsten 500 Meter Wegstrecke von der nächsten ÖV-Haltestelle entfernt sein. Das bestimmt der Regierungsrat in der Verordnung zum Planungs- und Baugesetz.

Christof Widmer
Merken
Drucken
Teilen

FRAUENFELD. Wer ein neues Einkaufszentrum, ein Kino oder eine grosse Sportanlage baut, muss künftig auf den öffentlichen Verkehr achten. Solche Einrichtungen müssen im Thurgau neu zwingend mit Bahn oder Bus erreichbar sein, wenn sie mehr als 2000 Autofahrten pro Tag verursachen können. Das schreibt das Planungs- und Baugesetz vor, das das Thurgauervolk im Juni angenommen hat. Umstritten blieb bis jetzt, wie die im Gesetz vorgeschriebene ÖV-Anbindung in der Praxis aussehen soll.

Diese Frage hat der Regierungsrat mit seiner gestern im Amtsblatt veröffentlichten Verordnung zum Gesetz entschieden. Solche Einrichtungen müssen eine Bus- oder Bahnhaltestelle haben, die nicht weiter als 500 Meter Wegstrecke entfernt liegt. Die Haltestelle muss während der Öffnungszeiten mindestens mit Halbstundentakt bedient sein.

Bürgerliche Kritik erhört

Im Entwurf war noch eine Distanz von maximal 300 Metern vorgesehen. Das war auf Widerstand bei bürgerlichen Parteien und Gewerbeverband gestossen (unsere Zeitung berichtete). Baudirektor Jakob Stark signalisierte daraufhin Entgegenkommen. «Wir haben jetzt das richtige Mass gefunden», sagt er nun auf Anfrage. 500 Meter Wegstrecke sei zumutbar.

Dass der Regierungsrat die Distanz vergrössert hat, löst kritische Reaktionen bei der Thurgauer Sektion des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS) aus. «500 Meter Fussweg bis zum Einkaufszentrum ist viel zu viel», sagt Co-Präsident Wolfgang Schreier. Vor allem für ältere Menschen sei das eine Zumutung. Sie würden so weiterhin aufs Auto setzen müssen. Sein Verband werde das aber «als schlechten Kompromiss akzeptieren» müssen, sagt Schreier.

Zufrieden ist auch der Gewerbeverband nicht, selbst wenn ihm der Regierungsrat entgegengekommen ist. Der Verband sei prinzipiell gegen die ÖV-Erschliessungspflicht, sagt Geschäftsführer Heinz Wendel. 500 Meter Luftlinie, statt 500 Meter Wegstrecke hätte er für praktikabler gehalten. Die Wegstrecke sei zum Teil schwierig zu definieren.

Stärkung der Ortszentren

Ob nun tatsächlich eine Gemeinde eine neue Buslinie einführen muss, wenn am Ortsrand ein neues Einkaufszentrum entsteht, lasse sich schwer abschätzen, sagt Wendel. Baudirektor Stark erinnert daran, dass die Gemeinde in solchen Fällen die Betreiber der Einrichtung zur Kasse bitten kann. Bauen abseits der öffentlichen Verkehrsinfrastruktur werde für diese teurer. Die Ortszentren könnten so gestärkt werden. Das könne ein positiver Aspekt sein», räumt Wendel ein.