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1817 plagt Hunger den Thurgau

Im Jahr 1817 traf eine schwere Hungersnot den jungen Kanton Thurgau. Grund waren weltweite Wetterkapriolen nach einem Vulkanausbruch in Indonesien zwei Jahre zuvor. Die Thurgauer Landwirtschaft konnte die Bevölkerung nicht versorgen, Lebensmittelimporte waren kaum möglich.
Karin Peter*
Hungernde essen Gras: Eine Illustration zum Hungerjahr aus Luzern. (Bild: pd)

Hungernde essen Gras: Eine Illustration zum Hungerjahr aus Luzern. (Bild: pd)

7. Juli 1817. Es ist zwei Uhr nach Mitternacht; ich konnte nicht Ruhe mehr finden im Bette und stund auf, dir einige Zeilen zu widmen. Nach beinahe 40 Tage anhaltendem Unwetter und 36stündigem Platzregen unter Donner und Blitz brach es los: urplötzlich war die ganze Runde überschwemmt, hervor unterm Boden in allen Zimmern des ersten Stockes in der Fabrik brach es aus, als wären unterirdische Quellen. Gegen drei Schuh hoch steht das Wasser in den Zimmern der Fabrik! Die armen Arbeiter! Lange können sie nicht mehr kommen, ihr Brot darin zu verdienen! Und von was wollen sie sich indes erhalten in der schrecklichen Teuerung?! Der Tag bricht an. Die Morgenröte spiegelt sich in der Flut tief überdeckter Kornfelder. Hie und da ragten gestern noch Halme und Blust der Erdäpfel übers Wasser empor; heute ist alles verschlungen, nichts als eine Wasserfläche mit dem See vereint. Es ist ein schauerlicher Anblick!

Dieser Ausschnitt aus den Lebenserinnerungen des Textilfabrikanten J. H. Mayr aus Arbon beschreibt die Lage im Juli 1817 im Thurgau sehr anschaulich und fasst die ganze Problematik der damaligen Hungerkrise kurz und treffend zusammen. Anhaltendes, mehrjähriges Schlechtwetter vernichtete einen Grossteil der Anpflanzungen und kärglichen Vorräte und erstickte die sich am Bodensee und an Flüssen allmählich ansiedelnde Industrie im Keim. Die dadurch hervorgerufene Lebensmittelknappheit führte zu massiven Preisanstiegen. Gleichzeitig schrumpften die Erwerbsmöglichkeiten aufgrund der überschwemmten Felder und Fabriken auf nur noch wenige Einkommensquellen zusammen.

Vulkan stört globales Klima

Vor knapp 200 Jahren litt die Bevölkerung des Kantons Thurgau an einer gravierenden, mehrjährigen Hungerkrise, die in der Folge zu einschneidenden Änderungen im Armenwesen, Hypothekarwesen und der Landwirtschaft führte. Wie konnte sich aus einer längeren Schlechtwetterlage eine derart verheerende Hungerkrise in einem nicht sehr dicht besiedelten, landwirtschaftlich geprägten Kanton entwickeln? Ursache für die mehrjährige Schlechtwetterlage war der Ausbruch des Vulkans Tambora im April 1815 in Indonesien.

Die Explosion kürzte den Vulkan von 4000 Metern Höhe auf 2850 Meter und schleuderte 150 Kubikkilometer Gestein und Asche in die Stratosphäre, wo sich die Partikel mit dem Wind verteilten und die Sonneneinstrahlung noch über gut zwei Jahre erheblich hemmten. Das führte zu einer Abkühlung des Erdklimas und damit zu Unwettern, feuchtkalten Sommern mit zeitweisem Schneefall und niederschlagsreichen Wintern.

Ostschweiz besonders betroffen

Missernten über mehrere Jahre waren die Folge. Die daraus resultierende Nahrungsmittelknappheit liess die Preise für Lebensmittel und Saatgut hochschnellen und mündete schliesslich 1817 in eine schlimme Hungersnot in weiten Teilen Nordamerikas und Mitteleuropas. In der Schweiz waren besonders Gebiete der Zentral- und Ostschweiz betroffen.

Den Kanton Thurgau traf dieses Ereignis nach erst dreizehnjähriger Unabhängigkeit mit noch wenig gefestigten Strukturen, wenig Einnahmen, kaum Vermögen und hoher Verschuldung der Bevölkerung, die sich hauptsächlich durch Loskäufe aus den Lehen und der im Thurgau besonderen Praxis von quasi staatsgarantierten Hypotheken ergab. Besonders schlimm wirkten sich die Teuerung aufgrund der Lebensmittelverknappung und der Verdienstausfall aus. Zudem waren weite Teile Europas und Nordamerikas von der misslichen Wetterlage betroffen, was zu zeitweisen Sperren der Getreideausfuhr zahlreicher Länder zum Schutz der eigenen Bevölkerung führte. Ein Ausweichen auf höhere Importmengen als kurzfristige Massnahme zur Bekämpfung der Teuerung war also nicht immer möglich und sehr teuer. Die staatlichen Massnahmen, die erst spät einsetzten, bestanden im Thurgau im Ausbau des Polizeikorps und dem Aufruf zu Hilfeleistungen durch vermögendere Mitbürger sowie der Einsetzung einer Armenkommission zur Koordination der Hilfsleistungen. Damit liessen sich aber die negativen Auswirkungen dieser Krise auf individueller, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene nicht mehr verhindern.

Die Landwirtschaft bildete zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Hauptnahrungsquelle der damals etwa 80 000 Einwohner des Kantons. Neben Rebbau war der Anbau von Obst bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Erwerbszweig. Tafelobst spielte eine nur geringe Rolle, vielmehr wurden geeignete Sorten zum Vermosten, also zur Herstellung des Obstweins, der das tägliche Hauptgetränk bildete, sowie zum Kochen und Dörren angebaut. Viehzucht wurde im Thurgau fast ausschliesslich für eigene Zwecke betrieben – Zugvieh zum Arbeiten und Melkvieh für den täglichen Milchbedarf des eigenen Haushalts. Die meisten Bauern verfügten nicht über genug Futter, um mehr als das nötige Vieh zu halten. Wer konnte, kaufte günstiges schwäbisches Vieh, mästete es und verkaufte es als Schlachtvieh in das Toggenburg und den Kanton Zürich. Die Landwirtschaft konnte den Nahrungsmittelbedarf der damaligen Bevölkerung nicht decken.

Kanton hätte vorsorgen können

Der Kanton Thurgau hätte trotz seines jungen Staatswesens gute Voraussetzungen gehabt, der Krise wirksamer entgegenzutreten. Die Mittel wären vorhanden gewesen, wie aus den Staatsrechnungen ersichtlich geworden ist. Frühzeitige Getreidekäufe wären ein probates Mittel gegen die steigenden Preise gewesen. Zusammen mit den flankierenden Massnahmen, vor allem der Handelseinschränkungen von Getreide und Lebensmitteln, der kontrollierten Abgabe von Nahrungs- und Futtermitteln und der Senkung der Grundzinssteuern hätte dieser Katastrophe begegnet werden können, ohne dass sie diesen verheerenden Ausgang nahm.

Als Präventivmassnahmen wurden in den Jahren nach der Krise eine Fürsorgekommission fest eingesetzt, das Hypothekarwesen angepasst, die Anbaumethoden von Futter- und Nahrungsmitteln untersucht und geändert, Rahmenbedingungen für den Aufbau einer Industrie geschaffen sowie Versicherungen und Sparkassen eingerichtet.

Diese Massnahmen griffen. Schon bei der nächsten ernsteren Hungerkrise in den 1840er- Jahren war die Verletzlichkeit aufgrund der vorgenommenen Vorkehrungen viel geringer.

* Karin Peter wohnt in Steckborn und hat im April 2014 mit ihrer Masterarbeit über die Hungersnot das Nachdiplomstudium in angewandter Geschichte an der Universität Zürich abgeschlossen.

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