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Frauenanteil an Spitälern: Wo Ärztinnen aufsteigen

An Ostschweizer Spitälern sinkt der Frauenanteil mit jeder Qualifikationsstufe. Besonders kleinere Spitäler sind aber gezwungen, sich um ein frauenfreundliches Umfeld zu bemühen. So auch das Spital Appenzell. Eine Ärztin erzählt.
Samantha Zaugg
Als das Kind kam, stand ihre Karriere still. Nun arbeitet Stefanie Klemm als leitende Ärztin am Spital Appenzell. (Bild: Urs Bucher)

Als das Kind kam, stand ihre Karriere still. Nun arbeitet Stefanie Klemm als leitende Ärztin am Spital Appenzell. (Bild: Urs Bucher)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Eigentlich macht Stefanie Klemm nur ihre Arbeit. Und doch tut sie damit etwas Besonderes. Die 47-Jährige ist leitende Ärztin der Anästhesie am Spital Appenzell. Und damit eine Exotin. Schweizweit sind lediglich 25 Prozent der Ärzte mit leitenden Funktionen weiblich. Steigt man die Karriereleiter weiter hoch, trifft man auf noch weniger Frauen. Auf Stufe Chefarzt beträgt der Frauenanteil gerade noch 12 Prozent. Und das, obwohl mehr Frauen als Männer ein Medizinstudium abschliessen. Irgendwo unterwegs gehen die Frauen verloren. «Wenn ich diese Zahlen sehe, macht das schon betroffen», sagt Stefanie Klemm.

Die nationalen Zahlen decken sich mit Daten aus der Region. Dies zeigt eine Analyse der «Ostschweiz am Sonntag» zum Frauenanteil in Kaderpositionen an den Kantonsspitälern St. Gallen, Thurgau und im Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden (siehe Grafik). Das Spital Appenzell, in dem auch Stefanie Klemm arbeitet, lässt sich nicht eins zu eins mit den anderen Spitälern vergleichen. Es ist das kleinste Spital und hat – anders als die anderen Spitäler – ein Belegarztsystem.

Das Problem kommt mit dem Kind

Das Verschwinden der Frauen hat in der Wissenschaft einen Namen: Leaky Pipeline – undichte Leitung. Der Frauenanteil sinkt mit steigender Qualifikationsstufe. Dieses Phänomen lässt sich allgemein in der Wirtschaft beobachten, besonders ausgeprägt ist es jedoch im akademischen und dort wiederum im medizinischen Bereich. Was ist der Grund? Eine Studie der Universität Melbourne kommt zum Schluss, dass Frauen wegen ihrer Verpflichtungen für Haushalt und Familienbetreuung weniger Zeit in ihre Karriere investieren können.

Plakativ formuliert: Das Problem kommt mit dem Kind. «Sobald eine Frau Kinder hat, wird alles anders», sagt Stefanie Klemm, selbst alleinerziehende Mutter eines elfjährigen Sohnes. In der Zeit, als sie noch nicht Mutter war, musste sie nicht mehr leisten als ihre männlichen Kollegen. Doch die Mutterschaft brachte zusätzliche Aufgaben. «Vieles hängt an der Frau. Zumindest am Anfang hat das auch mit der Biologie zu tun. Die Frau stillt. Es ist klar, dass sie nachts aufsteht und der Mann weiterschläft. Und dann steht sie halt immer auf. Das wird irgendwie zu einem Muster, aus dem man kaum noch herauskommt.»

Schliesslich kommt die Trennung vom Partner, Stefanie Klemm ist fortan alleinerziehend. Obwohl sie zu 100 Prozent arbeitet, ist bei der Karriere Stillstand. Neben Arbeit und Kind bleibt keine Zeit mehr, um sich zu vernetzen. «Jahrelang bin ich abends nicht mehr ausgegangen.» Aber bei ihren verheirateten Kolleginnen war das nicht anders. «Deren Männer waren auch ziemlich absorbiert in ihren Berufen, die waren quasi auch alleinerziehend, mussten alles Organisatorische machen». Networking bleibt dabei auf der Strecke. «Die Männer machen das schon besser, die gehen abends mal ein Bier trinken, wir waren mit unseren Kindern zu Hause und konnten nicht weg.»

Mit dem Stillstand der Karriere kam der Frust. «Ich hatte das Gefühl, dass ich in eine Rolle reingeraten war. Ich war einfach die alleinerziehende Mama», sagt Stefanie Klemm. Im Team habe man sie gern gehabt, weil sie viel geleistet habe. Aber sie sei einfach nicht in die Projekte reingekommen. «Ich fasste dann Mut und habe meinem Chef gesagt, dass ich bei Projekten mitarbeiten möchte.» Das sei dann aber jeweils in der Schublade verschwunden. «Neben der Routine, der Arbeit mit den Patienten war das anstrengend – und irgendwann habe ich aufgegeben.»

Personalplanung ohne Schwangerschaften

Was Stefanie Klemm erlebt habe, sei typisch, sagt Bettina von Seefried, Vizepräsidentin von Medical Women Switzerland, dem Verband der Schweizer Ärztinnen. Dass Frauen nicht oben ankommen, sei ein Problem. «Es ist sinnlos, wenn wir Leute ausbilden, die dann auf gewissen Stufen stehen bleiben», sagt Seefried. Die Kinderproblematik sei nicht der einzige Faktor, aber ein bedeutender.

«Es ist ein Problem, dass Schwangerschaften in der Personalplanung nicht fest einkalkuliert sind, dass so getan wird, als sei es erstaunlich, dass eine Frau schwanger wird».

Dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei männlichen Chefärzten kein Problem ist, sei der Gesellschaft zuzuschreiben, so Seefried weiter. «Auch der Tag der Männer hat nur 24 Stunden. Aber sie haben Frauen, die vieles für sie übernehmen.» Ein Mann werde nicht gefragt, wie viel Prozent er arbeite und wie die Kinder betreut werden. Eine Frau schon. «Das hat nichts mit Medizin zu tun, das ist einfach noch so in uns eingepflanzt.»

Kleinere Spitäler sind gezwungen, bessere Bedingungen zu bieten

Zwischen einem grossen Zentrumsspital und dem kleinen Spital Appenzell liegen Welten. Warum ist das so? Und wo sind die Arbeitsbedingungen frauenfreundlicher? Laut Bettina von Seefried müssen kleinere Spitäler mehr um ihr Personal kämpfen: «Es ist schwierig, gut ausgebildete Leute zu bekommen und dann auch zu halten», sagt sie. Es könne gut sein, dass kleinere Spitäler bereits einen Fachkräftemangel spürten. «Sobald ein Spital die Leute nicht bekommt, die es will, muss es beginnen, an den Konditionen zu schrauben.»

Ähnlich argumentierte Gudrun Sanders in der Debatte zur «Machokultur» an Schweizer Spitälern. Sanders ist Titularprofessorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen, leitet das Kompetenzzentrum für Diversity Management. Dort berät sie Unternehmen im Bereich Gleichstellung. Sie sagt, familienfreundliche Strukturen hingen sehr stark vom Vorgesetzten ab: «Wir sehen aber, dass gerade kleinere Spitäler häufig attraktive Arbeitsbedingungen anbieten, um gutes Personal zu gewinnen.»

Tatsächlich setzt das Spital Appenzell auf frauenfreundliche Bedingungen. Es bietet etwa Teilzeitpensen in Führungspositionen, Beteiligung an der Kinderbetreuung, Homeoffice oder vollen Lohn während des Mutterschaftsurlaubes an. Das tut es allerdings nicht nur aus Nächstenliebe, wie Spitaldirektor Markus Bittmann sagt: «Aufgrund von Fachkräftemangel und sinkender Ressourcen müssen wir solche Modelle bieten. Wir machen das nicht, weil es jetzt gerade hip ist, wir brauchen gute Mitarbeitende.»

«Das Kantonsspital muss sich weniger ums Personal bemühen»

Gerade das Spital Appenzell ist auf gut qualifizierte Mitarbeiter angewiesen. Lücken in der Versorgung durch fehlendes Know-how kann es sich nicht leisten. Kaum hat das Spital nämlich den Abstimmungskampf zum Neubau überstanden, steht schon die nächste Herausforderung ins Haus. 2018 hat der Betrieb ein Defizit von 1,4 Millionen Franken gemacht.

Ein direkter Vergleich mit einer grösseren Institution wie etwa dem Kantonsspital St. Gallen ist zwar schwierig. Zudem wäre es zu einfach, pauschal davon auszugehen, dass kleinere Spitäler fortschrittlicher sind in Sachen Gleichstellung. Doch zumindest scheinen kleinere Spitäler wie jenes in Appenzell agiler zu sein. «Grosse Firmen können weniger schnell agieren als wir das können. Aber das müssen wir. Das Kantonsspital St. Gallen hat eine enorme Ausstrahlung und muss sich weniger um das Personal bemühen», sagt Bittmann.

Stefanie Klemm ist nicht in erster Linie wegen der frauenfreundlichen Bedingungen nach Appenzell gekommen. Bei ihr hat die Karrierechance gelockt: «Die leitende Stelle hat mich gereizt. In meiner jetzigen Funktion habe ich viel Entscheidungsfreiheit und kann selbstständig arbeiten.» Doch in einem nächsten Schritt hat sich die aktive Gleichstellungspolitik ihres Arbeitgebers vielleicht bereits bewährt. Als Klemm ihr Team rekrutierte, griff sie auf ihr Netzwerk zurück und holte zwei Anästhesistinnen aus ihrem alten Team nach Appenzell.

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