Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Frauen unter sich

Die beiden Frauen, die hinter ihren Anwältinnen auf der Zuschauerbank des Kreisgerichts St. Gallen sitzen – die Philosophin Frau Weiss und die Germanistin Frau Rot –, waren einst gute Kolleginnen.

Die beiden Frauen, die hinter ihren Anwältinnen auf der Zuschauerbank des Kreisgerichts St. Gallen sitzen – die Philosophin Frau Weiss und die Germanistin Frau Rot –, waren einst gute Kolleginnen. Sie begeisterten sich in den 1980er-Jahren für das Matriarchat, gründeten ein Projekt, wohnten auf einem bayrischen Bauernhof und tanzten bei ihren Ritualen durch den Wald. Bald entzweiten sie sich aber gründlich.

Frau Rot trat aus der Gemeinschaft aus oder wurde ausgeschlossen – das weiss man nicht so genau. Seither beschäftigt sie sich kritisch mit Leben und Werk von Frau Weiss. Sie widmet ihr in einem Buch mit dem plakativen Titel «Die Wolfsfrau im Schafspelz» ein ganzes Kapitel und bezeichnet sie darin etwa als «Guru-Frau» einer sektenähnlichen Verbindung. Im Gegenzug wird sie selbst als üble «Denunziantin» betitelt. Obwohl die Matriarchatsbewegung den ewigen Frieden anstrebt, geht es zwischen den beiden Frauen noch ziemlich kämpferisch zu.

Streit um einen Kongress

Als in St. Gallen ein von Frau Weiss organisierter und mit einem städtischen Beitrag subventionierter Kongress stattfinden soll, empört sich die inzwischen hier wohnhafte Frau Rot erst recht und verschickt zahlreiche Mails an Medien, Ämter und Personen des öffentlichen Lebens.

In der «NZZ am Sonntag» erscheint darauf ein Artikel mit der Schlagzeile «Steuergelder zum Wohl des Matriarchats», und auch in dieser Zeitung wird die Kritik aufgegriffen: Der Veranstalterin werde vorgehalten, sie verbreite undemokratisches Gedankengut, verheisse eine Priesterinnen-Herrschaft und verherrliche gar Menschenopfer. Das trägt den Zeitungen eine Beschwerde beim Schweizer Presserat ein, welche allerdings abgewiesen wird.

Zivilklage statt Strafantrag

Frau Weiss gibt nicht auf. Sie führt nun einen Zivilprozess gegen die Widersacherin und erklärt, sie fühle sich von ihr als Frau und Mutter, Wissenschafterin und Managerin abgewertet, ja geradezu moralisch vernichtet: In der Ostschweiz könne sie sich nirgends mehr blicken lassen.

Zwar wird die Ehre vor allem im Strafrecht geschützt. Gemeint ist dort jedoch nur der Ruf, sich so zu benehmen, wie ein anständiger Mensch sich zu verhalten pflegt. Die berufliche Ehre und die gesellschaftliche Geltung sind nicht erfasst. Diese Lücke füllt das Zivilrecht. Danach kann auf Feststellung einer bestehenden oder Unterlassung einer drohenden Störung, allenfalls auf Berichtigung oder Mitteilung des Urteils sowie auf Schadenersatz und Genugtuung klagen, wer in seiner Persönlichkeit widerrechtlich verletzt wurde.

Das habe sie nicht getan, meint die Beklagte. Sie habe längst nicht alles geschrieben, was ihr angedichtet werde; und was sie tatsächlich geschrieben habe, sei wahr. Es gelte aber grundsätzlich als erlaubt, die Wahrheit zu sagen, wenn damit berechtigte Interessen verfolgt werden. Ihr Ziel sei es nur gewesen, vor der Verschwendung staatlicher Finanzen zu warnen.

Ein Akt der Wiedergutmachung

Das Kreisgericht nimmt keine Beweise ab, sondern fällt sogleich ein Urteil. Es stellt fest, dass die Beklagte mit wiederholten Äusserungen gegenüber Medien, Behörden und Privaten das persönliche und berufliche Ansehen der Klägerin herabgesetzt habe. Eigentlich müssten ja konkrete Verhaltensweisen angeführt werden. Offensichtlich soll der Beklagten aber vorgeworfen werden, sie habe eine breit angelegte Diffamierungskampagne geführt.

Immerhin wird ihr nicht – wie in der Klage gefordert – verboten, künftig irgendwelche Aussagen zu machen, welche die Persönlichkeit der Klägerin verletzen könnten. Das Zivilrecht kennt keinen solchen Maulkorb. Es sieht bloss eine Wiedergutmachung der bereits erlittenen Unbill vor.

Beachtlicher Betrag

So spricht das Gericht der Klägerin eine Genugtuung von 5000 Franken, zu und das ist für die Schweiz, anders als in Amerika, schon ein beachtlicher Betrag. Zudem ordnet es die Publikation des Entscheids auf Kosten der Beklagten an. Man wird also im Inserateteil dieser Zeitung noch etwas von dieser Affäre lesen können, falls das Urteil rechtskräftig wird – aber das steht noch keineswegs fest.

Rolf Vetterli

Rolf Vetterli, alt Kantonsrichter, breitet in loser Folge Geschichten aus dem Alltag der Justiz aus. Sie sollen verständlich machen, wie Richter und Gerichte zu ihren Entscheiden kommen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.