«Wir sind Musikerinnen, nicht Frauen, die Musik machen» – Frauen geben im Nachtleben selten den Ton an

Kaum Frauen auf und hinter der Bühne: Sexismus ist in Kultur und Nachtleben allgegenwärtig.

Noemi Heule
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Letizia Carigiet von «Helvetia rockt», Juliette Rosset, Musikerin bei der Band Zayk, Rahel Fenini, die Gleichstellungsbeauftragte des Kantons St.Gallen und Hiphop-DJ Claude Bühler diskutieren über die Geschlechterrollen im Nachtleben.

Letizia Carigiet von «Helvetia rockt», Juliette Rosset, Musikerin bei der Band Zayk, Rahel Fenini, die Gleichstellungsbeauftragte des Kantons St.Gallen und Hiphop-DJ Claude Bühler diskutieren über die Geschlechterrollen im Nachtleben.

(Bilder: Ralph Ribi)

15 Prozent Männer im Publikum und 100 Prozent Frauen auf der Bühne. Die Anwesenden im Raum für Literatur in der St.Galler Hauptpost hielt der Gesellschaft am Donnerstag einen verkehrten Spiegel vor. «Can’t touch this», lautete der Titel der Gesprächsrunde über Sexismus im Nachtleben. Die Realität auf den Konzertbühnen sieht nämlich genau umgekehrt aus. 15 Prozent macht die weibliche Bühnenpräsenz im Pop, Rock oder Jazz aus. Die meisten Bands sind reine Männerzirkel. Auch bei Tontechnikern, Roadies, Scouts oder Managern braucht man die weibliche Form meist nicht einmal der Form halber.

Am Openair St.Gallen stehen die Violinistin und Sängerin Lauren Jacobson von The Lumineers und Nanna Bryndís Hilmarsdóttir, Frontfrau der isländischen Band Of Monsters and Men, unter den bisher angekündigten Headlinern 40 Männern gegenüber. Ein ähnliches Bild in Frauenfeld.

Openair Frauenfeld in Männerhand

Letizia Carigiet von «Helvetia rockt», einer Vernetzungsplattform für Musikerinnen, ist nicht erfreut aber wenig verwundert, wie sie mit Blick auf die Teams hinter den Anlässen sagt. Beim Openair Frauenfeld findet sich keine Frau in der Führungsetage. Auch der Verwaltungsrat des St. Galler Openairs ist ein Männergremium, in der Geschäftsleitung machen sie 14 Prozent aus. «Vielfalt in Teams wirkt sich auf die Präsenz auf der Bühne aus», sagt sie. Stehen doch einmal Frauen im Rampenlicht, werden sie gern als «Frauen-Bands» betitelt.

«Es käme aber niemanden in den Sinn von Männer-Bands zu sprechen.»

Juliette Rosset, Bassistin der fünfköpfigen Band Zayk, stellte sich denn auch entwaffnend als Vertreterin einer «sogenannten Frauen-Band» vor. Zwangsläufig, wie sie sagt.

Juliette Rosset ist Bassistin der Band Zayk.

Juliette Rosset ist Bassistin der Band Zayk.

«Wir sind Musikerinnen, nicht Frauen, die Musik machen.»

So lautete ursprünglich die Haltung der Band. Weil sie aber immer wieder darauf angesprochen wurden, seien sie gezwungen worden, sich als Frauen zu definieren.

Klischierte Rollenbilder hinterfragen

Juliette Rosset ist wie Gesprächspartnerin Claude Bühler Abendverantwortliche im Palace. Bühler ist zudem Hiphop-DJ. Ebenfalls zwangsläufig. Eine Hiphop-Party habe sie dazu veranlasst, weil eine für Frauen unangenehme Stimmung geherrscht habe. Sie suchte nach weiblichen Hiphop-DJs – und fand keine. Ihr Entschluss:

«Dann mache ich es halt selber, so schwer kann’s nicht sein.»

Nebst Geschlechterverhältnissen ging es an diesem Abend auch um Grenzüberschreitungen im Nachtleben. «Flirt don’t hurt» oder «No means no!», nennen sich die Kampagnen, die sich gegen sexuelle Gewalt im Nachtleben richten. Viele Veranstalter setzen gerade bei der Werbung für Partys zudem auf Stereotypen. Ein Mann, der Macker, umringt von leicht bekleideten Frauen, transportiert das klischierte Bild vieler Hiphop- oder Reggae-Partys. Dies wirke sich auf das Publikum aus. Das Palace hat deshalb eine Awareness-Kampagne lanciert. «Wir wollen ein Bewusstsein schaffen für Diskriminierung», sagt Rosset.

Dieses Bewusstsein ist gerade im Palace, das im November die Geschlechtertrennung auf den WCs auflöste, und anderen alternativen Clubs bereits vorhanden. Andere Vertreter des St.Galler Nachtlebens fehlten dagegen in der Gesprächsrunde. Wie das Trischli, das gestern zur «Baewatch-Party» lud. «Bademeister und Meerjungfrauen sind vor Ort», heisst es in der Vorschau.

Auch im Publikum, bei 85 Prozent Frauen, musste das Bewusstsein nicht erst geschaffen werden. Dass die kulturelle Avantgarde die konventionelle Clubszene hinter sich lässt, findet Letizia Carigiet von «Helvetia rockt» allerdings nicht weiter schlimm. «Die Kultur macht den ersten Schritt, die Gesellschaft zieht nach.»