Frauen bitte melden — Die St.Galler Parteien haben einen akuten Mangel an Regierungskandidatinnen

In der St. Galler Regierung tritt die einzige Frau nicht mehr an. Bislang zeichnet sich mit Laura Bucher (SP) erst eine Kandidatin ab.

Marcel Elsener und Regula Weik
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Männerdominiert – die aktuelle St. Galler Regierung mit Benedikt Würth, Marc Mächler, Heidi Hanselmann, Bruno Damann, Canisius Braun (Staatssekretär), Fredy Fässler, Stefan Kölliker und Martin Klöti (von links). (Bild: Ladina Bischof/PD)

Männerdominiert – die aktuelle St. Galler Regierung mit Benedikt Würth, Marc Mächler, Heidi Hanselmann, Bruno Damann, Canisius Braun (Staatssekretär), Fredy Fässler, Stefan Kölliker und Martin Klöti (von links). (Bild: Ladina Bischof/PD)

Eine Kantonsregierung ohne Frauen? Undenkbar in Zeiten des historisch grössten Frauenstreiks und der vielfältig erstarkten Frauenbewegung. Und doch ist es im Kanton St. Gallen im Jahr 2020 theoretisch möglich. Die einzige Frau in der siebenköpfigen Regierung scheidet im März aus dem Gremium aus: Gesundheitschefin Heidi Hanselmann (SP) verzichtet nach 16 Amtsjahren auf eine erneute Kandidatur.

Mögliche nächste SP-Regierungsrätin: Laura Bucher.

Mögliche nächste SP-Regierungsrätin: Laura Bucher.

Als bisher einzige Partei steigt die SP mit einer Frau in den Regierungswahlkampf. Sie will den Sitz von Heidi Hanselmann mit der 35-jährigen Juristin, Kantonsrätin und Co-Präsidentin der Fraktion von SP und Grünen im Kantonsparlament Laura Bucher verteidigen. Die offizielle Nomination der Rheintalerin kommenden Freitagabend wird eine reine Formsache sein.

Die Frauenfrage bringt die meisten Parteien in Not

Erste Frau in der St.Galler Regierung: Kathrin Hilber (SP).

Erste Frau in der St.Galler Regierung: Kathrin Hilber (SP).

Die Frauenfrage hat im letzten Vierteljahrhundert an Bedeutung gewonnen und ist heute, die jüngsten nationalen Wahlen haben es deutlich gezeigt, aktueller denn je. Dies gilt auch für konservative Landesteile wie die Ostschweiz, und erst recht für den mit seiner halben Million Einwohnerinnen und Einwohnern bevölkerungsreichsten Kanton St. Gallen. Dessen Regierung war fast 200 Jahre lang reine Männersache. Erst 1996 durchbrachen die Frauen diese Vorherrschaft, dafür gleich doppelt. Rita Roos-Niedermann (CVP) und Kathrin Hilber (SP) wurden als erste Frauen in die Regierung gewählt. Roos-Niedermann war auch die erste Frau Landammann. Auf diese Pionierfrauen folgten Karin Keller-Sutter (FDP) und Heidi Hanselmann.

Zweite erste Frau in der St.Galler Regierung: Rita Roos (CVP).

Zweite erste Frau in der St.Galler Regierung: Rita Roos (CVP).

Und jetzt stehen vor allem die bürgerlichen Parteien vor einem ernsthaften Problem: Ihre ersten Kandidatinnen haben abgesagt oder wurden nicht nominiert. Vergangene Woche musste die CVP davon Kenntnis nehmen, dass ihre Favoritin, Kantonsrätin Yvonne Suter, nicht für die Regierung kandidieren will. Ihr Grund: Sie zieht Familie und einen Job in der Privatwirtschaft dem Regierungsamt vor. Aus CVP-nahen Kreisen heisst es, die Partei werde mit einer Frau antreten. Angeblich soll die Kandidatin bereits bestimmt sein. Eine Frau hatte in den nationalen Wahlen stets mehr Stimmen erzielt als Yvonne Suter, nämlich Barbara Dürr. Die Gamser Bäuerin und Kantonsrätin mag sich auf Anfrage nicht dazu äussern, ob sie ins Rennen steigt. Es seien «verschiedene Frauen im Gespräch». Die CVP nominiert in zwei Wochen. Zu erwarten ist, dass die Partei kurz nach dem zweiten Ständeratswahlgang vom Sonntag den Beschluss der Findungskommission kommunizieren wird.

Frauenkandidaturen von Grünen und GLP nicht ausgeschlossen

Auch der SVP ist Topkandidatin Esther Friedli abhanden gekommen. Die Toggenburgerin und Regierungsratskandidatin von 2016 wurde Ende Oktober in den Nationalrat gewählt – und sie machte noch am Wahlsonntag klar, dass sie nach der Wahl nach Bern nicht für die Regierung kandidieren will. Die Partei entscheidet im Dezember.
Während bei CVP und SVP noch eine mehr oder weniger grosse Hoffnung besteht, dass sie eine Frauenkandidatur stellen werden, hat die FDP die Frage bereits beantwortet. Ihre Vertretung in der Regierung wird frauenlos bleiben. Die Delegierten entschieden, Kantonsrat und Gemeindepräsident Beat Tinner in den Wahlkampf zu schicken. Die Kandidatur von Quereinsteigerin Christine Bolt war chancenlos – überraschend deutlich.

Am Regierungsamt nicht interessiert: Yvonne Gilli, ehemalige Nationalrätin der Grünen.

Am Regierungsamt nicht interessiert: Yvonne Gilli, ehemalige Nationalrätin der Grünen.

«Wenn, dann mit einer Frau» treten die St. Galler Grünen an, wie Parteipräsident Thomas Schwager sagt. Nachdem die Grünen einen Nationalratssitz gewonnen und deutlich an Parteistärke zugelegt haben, dürften sie erstmals einen Sitz in der Kantonsregierung beanspruchen. «Profilierte Leute lassen sich nicht so einfach aus dem Hut zaubern», hatte Schwager nach den nationalen Wahlen gesagt. Nun versuche die Partei zu zaubern und hoffe, den Mitgliedern bald einen Vorschlag unterbreiten zu können. Über mögliche Kandidatinnen kann man nur spekulieren. Nachdem Ex-Nationalrätin Yvonne Gilli abgewinkt hat, kämen vielleicht die frühere Rapperswiler Stadträtin Rahel Würmli oder Ex-Kantonsrätin Silvia Kündig-Schlumpf in Frage. Oder doch die frisch gewählte Nationalrätin und St. Galler Stadtparlamentarierin Franziska Ryser?

Ähnlich spekulativ ist die Frage, ob die St. Galler Grünliberalen nach ihrem Sitzgewinn in den Nationalratswahlen nach einem Regierungssitz greifen. «Das ist durchaus ein Thema», sagt Parteipräsidentin Nadine Niederhauser. Für Namen sei es noch zu früh. Spätestens Mitte Dezember soll feststehen, mit wem die Partei ins Rennen steigt – so sie sich dafür entscheidet.

Thurgau ist der Ostschweizer Ausnahmekanton

Zwei, drei, günstigstenfalls fünf Frauenkandidaturen für die St. Galler Regierung – und trotzdem könnte es weiterhin bei einer einzigen Frau neben sechs Regierungsräten bleiben. Damit wäre St. Gallen immerhin femininer regiert als sein südlicher Nachbarkanton: Die fünfköpfige Ausserrhoder Regierung ist ein reines Männergremium. Dabei war der Halbkanton bei den Frauen einmal führend: 1994, fünf Jahre nach Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts, kam es zur doppelten Frauenwahl mit Marianne Kleiner (FDP) und Alice Scherrer (parteilos, später FDP). Ausserrhoden war damals nach dem Kanton Bern auf nationaler Ebene der zweite und innerhalb der Ostschweiz der erste Kanton mit zwei Frauen in der Regierung. In Appenzell Innerrhoden sitzt mit Antonia Fässler (CVP) ebenfalls eine einzige Frau in der Standeskommission, der dortigen Regierung.

Der Ostschweizer Ausnahmekanton ist der Thurgau. Die Frauen bilden mit Carmen Haag (CVP), Monika Knill (SVP) und Cornelia Komposch (SP) die Mehrheit in der fünfköpfigen Regierung. Gesamtschweizerisch beträgt der Frauenanteil in den Kantonsregierungen mittlerweile 25,3 Prozent. Jedes vierte Exekutivmitglied auf kantonaler Ebene ist also eine Frau. Die erste Frau überhaupt, die in eine Kantonsregierung gewählt wurde, war 1983 die Zürcher Sozialdemokratin Hedi Lang.  

Die regionale Herkunft und das Alter spielen ebenfalls eine Rolle

Auch wenn die Frauenfrage derzeit als die dringlichste erscheint, sind bei der Regierungswahl Fragen wie jene der regionalen Vertretung und des Alters ebenfalls entscheidend. Eigentlich dürfte die Herkunft keine Rolle spielen, weil Regierungsrätinnen und Regierungsräte für alle Bürgerinnen und Bürger da sind. Dennoch ist die Frage nie ganz ausgeblendet, insbesondere dann nicht, wenn es um die Delegation nach Bern oder eben in die Pfalz geht.

Juristin und Kantonsrätin Bettina Surber antwortete nach ihrem Verzicht auf eine Regierungskandidatur auf eine entsprechende Frage: «Das war auch ein Faktor.» Regierungsrat Fredy Fässler (SP) lebt wie Surber in der Stadt St. Gallen. Die anderen wieder antretenden Regierungsräte wohnen in Bronschhofen (Stefan Kölliker), Gossau (Bruno Damann) und Zuzwil (Marc Mächler). Die Wahlkreise St. Gallen und Wil sind damit auch künftig in der Pfalz vertreten – es sei denn, es käme zu überraschenden Abwahlen. So betrachtet – und falls die Parteien die Regionen gewichten – müssen sie sich auf die Suche nach Kandidatinnen im Rheintal, Werdenberg, Sarganserland, Toggenburg und See-Gaster machen. Die FDP hat mit Tinner bereits einen Werdenberger nominiert, die SP setzt mit Bucher auf eine Rheintalerin.

Wichtiger als früher ist das Alter. Im letzten Jahrhundert war es gang und gäbe, dass Regierungsräte – alles Männer, wie gesagt – als über 50-Jährige gewählt wurden und in der Regel bis zur Pensionierung im Amt blieben. Ungewöhnlich erscheint heute, dass Peter Schönenberger (CVP) und Hans Ulrich Stöckling (FDP) 2004 im Alter von 64 respektive 63 Jahren nach 16 und 12 Amtsjahren für weitere vier Jahre antraten.

Regierungsmitglieder werden immer jünger

Eine Regierungszeit über die Pension hinaus ist heute kaum mehr akzeptiert. Der derzeit älteste St. Galler Regierungsrat, Martin Klöti (FDP), dieses Jahr 65 geworden, tritt denn auch nicht mehr an. Die andern Regierungsmitglieder sind wesentlich jünger: Stefan Kölliker und Marc Mächler, beide Jahrgang 1970, sind aktuell die Jüngsten. Kölliker, Treuhänder und erster SVP-Politiker in der St. Galler Regierung, war bei seiner Wahl erst 37, nur zwei Jahre älter als die von der SP jetzt portierte Anwältin Bucher. Und fünf Jahre älter als sein Parteikollege Michael Götte, der 2012 als 32-Jähriger kandidierte, aber an Fässler scheiterte.

Aktuell das jüngste Ostschweizer Regierungsmitglied: Yves Noël Balmer (SP, Ausserrhoden).

Aktuell das jüngste Ostschweizer Regierungsmitglied: Yves Noël Balmer (SP, Ausserrhoden).

Jünger als Kölliker waren neue Regierungsrätinnen: Die heutige Bundesrätin Karin Keller-Sutter war bei ihrer Wahl in die St. Galler Regierung im Frühling 2000 36 Jahre alt. Die frühere Innerrhoder Bundesrätin Ruth Metzler (CVP) war sogar erst 32, als sie Regierungsrätin wurde. Und Monika Knill zog als 36-Jährige in die Thurgauer Regierung ein. Aktuell jüngster Ostschweizer Regierungsrat ist der dieses Jahr gewählte Ausserrhoder Gesundheitschef Yves-Noel Balmer (SP). Er ist 40. Seine St. Galler Parteikollegin Laura Bucher würde ihn bei einer Wahl glatt um fünf Jahre untertreffen. Und sie bleibt hoffentlich nicht die einzige Frau, die im März antritt.