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Interview

«Ich würde Greta Thunberg gratulieren»: Die St.Galler Ständeratskandidatin Franziska Ryser im Interview

Eigenverantwortung reiche im Kampf gegen den Klimawandel nicht aus, sagt Franziska Ryser. Die St.Galler Ständeratskandidatin der Grünen über Verbote, Roboter und die verschiedenen Facetten der Gleichstellung.
Katharina Brenner
«Politikerinnen sind Vorbild für andere Frauen»: Franziska Ryser. (Bild: Benjamin Manser)

«Politikerinnen sind Vorbild für andere Frauen»: Franziska Ryser. (Bild: Benjamin Manser)

Greta Thunberg nervt, sagen Kritiker. Was sagen Sie?

Franziska Ryser: Ich kann nachvollziehen, dass es Leute gibt, die sich in ihrem Lebensstil angegriffen fühlen. Aber ich sehe keine Rechtfertigung für diese Kritik. Was Greta Thunberg angestossen hat, finde ich extrem wertvoll. Ohne sie und die Fridays-for-Future-Bewegung wären wir in der Klimapolitik an einem ganz anderen Punkt.

Warum hat es dafür 16-Jährige gebraucht?

Wer länger in der Politik ist, versucht es realpolitisch: Was ist möglich? Mit dem Blick von aussen konnten die Jugendlichen aufzeigen, dass die Klimadiskussion in einem unrealistisch kleinen Rahmen stattfindet.

Das klingt nach Kritik an Ihrer eigenen Partei. Wäre das nicht Aufgabe der Grünen?

Die Grünen haben diese Themen seit Jahrzehnten auf den Tisch gebracht. Das wurde aber weder von anderen Parteien noch von der Öffentlichkeit aufgegriffen. Und ohne Mehrheit kann man wenig umsetzen.

Angenommen, Sie treffen Greta Thunberg. Worüber würden Sie mit ihr reden?

Ich würde ihr gratulieren und sie fragen, wo sie die Energie hernimmt, ihr gesellschaftliches Engagement so voranzutreiben.

Sie doktorieren in Robotik. Machen Sie sich Sorgen um die Arbeitswelt von morgen?

Nein. Viele heutige Jobs wird es nicht mehr geben in fünfzehn Jahren, dafür viele neue. Die Herausforderung von Politik und Gesellschaft wird sein, dass wir diesen Wandel sozialverträglich hinbekommen.

Wie kann das gelingen?

Wir müssen berufsbegleitende Weiterbildungen ermöglichen. Im Sozialen und in der Pflege wird es viel mehr Personal brauchen. Auch im Dienstleistungssektor werden Jobs entstehen.

Kann die Technik beim Klimaschutz helfen?

Es ist wichtig, dass wir das postfossile Zeitalter erreichen. Mit den Technologien, die wir jetzt haben, kann dies umgesetzt werden. Das nächste Ziel ist, CO2 aus der Luft zurückzuholen und wieder zu binden. Durch autonomes Fahren kann der Verkehr ökologischer werden. Eine Maschine fährt in der Regel besser als ein Mensch.

Wenn wichtige Technologien bereits existieren, warum sind wir dann nicht schon weiter?

Es sind zwei Ebenen. Die eine ist die politische, die andere die private. Zu den privaten zähle ich auch die Wirtschaft.

Welche Verantwortung hat der Einzelne?

Man muss die Freiheit des Individuums aufrechterhalten, darf aber auch erwarten, das mit einer sozialen Verantwortung zu verknüpfen. Wer zum Beispiel Häuser hat, muss auf ökologische Alternativen umsteigen. Dafür braucht es unbedingt Massnahmen wie Gebäudesanierungsprogramme.

Welche Verantwortung hat die Politik beim Umweltschutz?

Es braucht nicht nur Anreize und Fördermittel, sondern auch regulatorische Massnahmen.

Verbote also. Was wollen Sie unbedingt verbieten?

Ölheizungen. Und nicht gerade morgen, aber in fünf Jahren: Verbrennungsmotoren in Autos.

Damit betreten Sie ein schwieriges Feld. Gegner werden Ihnen ökodiktatorische Tendenzen vorwerfen.

Dass es den Klimawandel gibt, wissen wir seit über 30 Jahren. Wenn Eigenverantwortung ausreichen würde, wären wir nicht an dem Punkt, an dem wir heute sind. Dann würden zum Beispiel weniger Leute in die Ferien fliegen.

Wann sind Sie das letzte Mal geflogen?

Vor zweieinhalb Jahren nach Porto zur Hochzeit meiner besten Freundin.

Was machen Sie persönlich fürs Klima?

Ich bin viel mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs, zu Fuss oder mit dem Velo. Ich kaufe möglichst regionale
und saisonale Produkte und esse wenig Fleisch. Seit zehn Jahren haben wir Erdwärme. Es ist aber wichtig, persönliche Massnahmen nicht mit politischen zu verwechseln. Der Einzelne muss nicht päpstlicher sein als der Papst.

Solange ich grün wähle, darf ich also in die Ferien fliegen und Fleisch essen und trotzdem behaupten, dass ich mich für den Klimaschutz einsetze?

Auf jeden Fall. Es gibt ja Kritikerinnen und Kritiker, die finden, man wählt grün, um das eigene Gewissen zu reinigen. Das möchte ich nicht sagen. Aber die Grünen fordern ja auch kein Flugverbot. Jeder muss für sich schauen, in welcher Situation es wert ist, zu fliegen.

Ist Klimaschutz in der Schweiz global betrachtet nicht nur ein Tropfen auf den heissen Stein?

Wenn wir es schon nicht schaffen, wie sollen es dann Länder mit einer schlechteren Infrastruktur und schwächeren Volkswirtschaft schaffen? Und in der Finanzbranche sitzen wir an einem einflussreichen Hebel. Ein Viertel des weltweit grenzüberschreitend verwalteten Vermögens geht über die Schweiz. Dieses Geld wird bisher allerdings nicht nachhaltig investiert.

Welche Themen sind Ihnen neben der Umwelt wichtig?

Gleichstellung liegt mir am Herzen: Lohngleichheit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dabei sollten wir uns nicht nur auf Mütter fokussieren, sondern auf Eltern.

Was fordern Sie konkret?

Eine Elternzeit von mindestens 18 Wochen. Zu Gleichstellung gehören für mich auch Menschen mit einer anderen sexuellen Ausrichtung – Stichwort Ehe für alle, Zugang zu Reproduktionsmedizin und Adoptionsverfahren. Und Gleichstellung auch für Menschen, die hier leben, aber keinen Schweizer Pass haben. Zum Beispiel das Stimmrecht für Ausländerinnen und Ausländer.

Weit oben auf dem Sorgenbarometer der Wählerinnen und Wähler stehen steigende Krankenkassenprämien. Welche Lösungsvorschläge haben Sie dafür?

Die Mittel für die Prämienverbilligung müssen aufgestockt werden. Langfristig braucht es Kostensenkungsmassnahmen. Bei den Medikamentenpreisen könnte man ansetzen, Versicherungen könnten bei Werbemitteln sparen. Bei Spitälern gibt es die Option, Behandlungen öfter ambulant durchzuführen. Ein Bereich, der etwas zu kurz kommt, ist die Gesundheitsförderung: Wir sollten mehr in Prävention investieren.

Wie viele Spitäler im Kanton müsste man schliessen?

Es ist wichtig, dass die Grundversorgung gewährleistet ist – in allen Regionen. Die Grundversorgung muss aber nicht zwangsläufig im gleichen Kanton erreichbar sein. Wenn das gewährleistet ist, muss man schauen, wie viele Spitäler es noch braucht.

Sie sind die einzige weibliche St.Galler Ständeratskandidatin. Welche Rolle spielt Geschlecht bei dieser Wahl?

Man darf es nicht unterschätzen. Wir haben im Ständerat einen Frauenanteil von 13 Prozent. Auch Männer können sich für gleiche Ausgangschancen für Frauen einsetzen, aber Frauen können eine Diskussionskultur und interne Strukturen verändern. Und Politikerinnen sind Vorbild für andere Frauen.

Als linke Frau werden Sie Paul Rechsteiner bei dieser Wahl Stimmen kosten.

Das sehe ich nicht so. Man kann im ersten Wahlgang zwei Personen wählen. Aus linker Perspektive also Paul Rechsteiner und mich.

Würden Sie sich vor einem zweiten Wahlgang zurückziehen?

Jetzt warten wir erst einmal das Resultat des ersten Wahlgangs ab. Dann werden wir die Situation analysieren.

Maschinenbau und Theater

Franziska Ryser, Jahrgang 1991, zog mit 21 für die Jungen Grünen ins St.Galler Stadtparlament ein. Mit 25 wurde sie jüngste Parlamentspräsidentin der Stadtgeschichte. Ryser ist Maschinenbauingenieurin und doktoriert an der ETH. Sie forscht an neuen Lösungen im Bereich der medizinischen Rehabilitation. In der Kanti hatte sie mit ihrem Zwillingsbruder das noch heute aktive Theaterkollektiv «E0B0FF» gegründet. Ryser ist Kandidatin der Grünen sowohl für den Ständerat als auch für den Nationalrat. (kbr)

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