Frankenkurs bewegt Vorarlberg

Die Kursfreigabe des Schweizer Frankens hat auch in Vorarlberg Aufregung ausgelöst. Handel und Gastronomie frohlocken, Grenzgänger sehen die Entwicklung skeptisch, die Inhaber von Frankenkrediten sind geschockt.

Gernot Grabher
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Autos mit Schweizer Nummernschildern vor dem Messepark in Dornbirn. (Bild: Gernot Grabher)

Autos mit Schweizer Nummernschildern vor dem Messepark in Dornbirn. (Bild: Gernot Grabher)

Der Entschluss der Schweizer Nationalbank, den Wechselkurs des Frankens freizugeben, wurde in Vorarlberg mit sehr unterschiedlichen Reaktionen aufgenommen. Teile der Wirtschaft erhoffen sich noch mehr Umsatz durch eidgenössische Kundschaft, bereits der Ansturm der Schweizer auf die Vorarlberger Läden am vergangenen Samstag gab ihnen recht. Vor allem die typischen «Häuslebauer», die auf die einstigen Empfehlungen der Banken hin günstige Frankenkredite aufnahmen, sind hingegen schockiert angesichts der plötzlich kräftig gestiegenen Schulden.

«Die Schulden der privaten Frankenkreditnehmer sind schlagartig um rund 15 Prozent gestiegen», räumt ein Sprecher der Vorarlberger Banken ein. Er warnt aber vor Panik. Die Institute bieten in Nöte geratenen Kreditnehmern Gespräche an, um die Schuldenlast mit geänderten Bedingungen, vor allem längeren Laufzeiten, erträglicher zu machen. Trotzdem ist der Frust der Schuldner, die in der Tilgung der Rückzahlungen über Nacht um einige Jahre zurückgeworfen wurden, beachtlich.

Gemeinden betroffen

Stark betroffen sind auch die Vorarlberger Gemeinden. Insgesamt stehen die Kommunen zwischen Arlberg und Rhein mit 217 Millionen Euro mit Frankenkrediten in der Kreide. Während das Land so gut wie keine Fremdwährungskredite aufnahm, stiegen durch die Frankenfreigabe die Schulden der Vorarlberger Gemeinden plötzlich um 28 Millionen Euro. Das unerwartete Anwachsen der Kreditlasten hat somit die 17 Millionen Rückzahlungen, die von den Kommunen in den Jahren 2012 und 2013 geleistet wurden, praktisch wieder aufgefressen.

Insgesamt haben rund 150 000 Österreicher Frankenkredite laufen. Von der Änderung des Wechselkurses besonders betroffen ist die Bundeshauptstadt. Wien, das ein Drittel der Gesamtschulden mit rund 1,66 Milliarden aufgenommener Franken finanziert hat, steckt seit vergangenem Donnerstag um 300 Millionen Euro tiefer im Schuldensumpf.

Handel reibt sich die Hände

Von der neuen Ausgangslage profitiert vor allem der Vorarlberger Handel. Vor den Discountern in Grenznähe sind immer mehr Autos mit Schweizer Kennzeichen zu sehen, zunehmend auch aus weiter entfernten Kantonen. Die Schweizer decken ihren täglichen Bedarf vor allem an Lebensmitteln in Vorarlberger Läden, in Gaissau, Lustenau, Hohenems oder Feldkirch machen die Umsätze der Schweizer einen beträchtlichen Anteil aus.

Mit über 20 Prozent beziffert die Leitung des Dornbirner Messeparks den Schweizer Kundenanteil bereits jetzt. Der Gesamtjahresumsatz des Einkaufzentrums beträgt nach letzten Angaben 180 Millionen Euro. Demnach gaben die Eidgenossen rund 36 Millionen Euro in diesem stark frequentierten Supermarkt und seinen Fachgeschäften aus. Einen Prozentsatz will man noch nicht nennen, aber der neue Wechselkurs werde den Zuzug an Kunden von jenseits der Schweizer Grenze sicher noch weiter steigern.

Tourismus profitiert

Mit Freude registrierte auch die Vorarlberger Tourismuswirtschaft die Freigabe des Frankenkurses. Bereits in den vergangenen Jahren erholten sich immer mehr Schweizerinnen und Schweizer in Vorarlberg, besonders Kurzentren und gehobene Hotellerie werden stark frequentiert. In der laufenden Wintersaison werde der Anteil an Schweizern in den Skigebieten zwar noch nicht signifikant zunehmen, meinen Tourismusvertreter, die Buchungen seien vielfach bereits unter Dach und Fach. Vermutlich würden aber die Gäste aus der Nachbarschaft die Geldbörse lockerer handhaben. Gehofft wird in den Tourismuszentren, dass dann im Sommer die Zahl der Schweizer Gäste deutlich steigen werde.

Hocherfreut sind die Inhaber von Vorarlberger Restaurants, die oft schon jetzt vor allem von Gästen aus der Ostschweiz leben. Diese füllen vor allem an den Wochenenden die Speiselokale entlang der Grenze, so dass sich bereits manche Vorarlberger ärgern, weil sie ohne rechtzeitige Reservierung keinen Platz mehr bekommen.

Umgekehrt geben nicht wenige Restaurants im St. Galler Rheintal auf, weil die Kundschaft der günstigen Preise wegen eher in Vorarlberg auswärts essen geht. Ein Wirt in einer kleinen Rheintaler Gemeinde bringt es auf den Punkt: «In unserem Dorf haben drei Wirtschaften bereits den Betrieb eingestellt. Und, ehrlich gesagt, an dem Tag, an dem ich geschlossen habe, fahre ich auch zum Essen über die Grenze.»

Grenzgänger skeptisch

Obwohl den in Franken ausbezahlten Grenzgängern über Nacht eine Gehaltserhöhung von rund 15 Prozent ins Haus stand, herrscht auch Skepsis über den unerwarteten Geldsegen. Rund 16 000 Vorarlberger haben ihren Arbeitsplatz im Ausland, 8000 von ihnen fahren täglich in die Schweiz, 8000 verdienen ihren Lebensunterhalt in Liechtenstein. Die Grenzgängervertreter befürchten nun, dass in Unternehmen, die ihre Gehälter in Franken auszahlen, erhöhter Druck auf die Löhne entstehen wird. Langfristig könnten auch die Arbeitsplätze gefährdet sein, wenn die Schweizer Wirtschaft auf dem globalen Mark Absatzprobleme bekommen werde, befürchten die Grenzgänger.