FOTOGRAFIE: Faszinierende Bilder: Die Ostschweiz von oben

Mit 60 Jahren hat die St.Galler Grafikdesignerin Ursula Gebendinger noch einmal durchgestartet. Sie geht mit der Kamera und dem Sportpiloten Thomas Füllemann auf «Luftwanderungen» durch die Schweiz und kommt mit faszinierenden Bildern zurück.

Text: Ingrid Schindler
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«Mich fasziniert der Adlerblick auf die Landschaft», sagt die Grafikerin Ursula Gebendinger. Wie hier auf das Rheintal mit den Städten Feldkirch und Bludenz.

«Mich fasziniert der Adlerblick auf die Landschaft», sagt die Grafikerin Ursula Gebendinger. Wie hier auf das Rheintal mit den Städten Feldkirch und Bludenz.

Text: Ingrid Schindler

Bilder: Ursula Gebendinger

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Es ist ein trüber Sonntag im Februar. Bleigraue Suppe. So gar nicht das, was man sich zum Fliegen wünscht. Ursula Gebendinger packt ihr Headset und die Kamera erst gar nicht aus. Dabei war alles von langer Hand vorbereitet, wie immer, wenn sie mit Thomas Fülle-mann in der Super Decathlon, Archer Piper oder Robin von Lommis oder Altenrhein auf «Luftwanderung» über die Schweiz geht.

«Mich fasziniert der Adlerblick auf die Landschaft. Man ist noch höher als auf den höchsten Gipfeln, und das ohne Schinderei.» Wenn sie wählen müsste zwischen Fisch und Vogel, würde sie lieber Vogel sein. Die Leidenschaft fürs Fliegen verbindet die Grafikdesignerin mit dem Sportpiloten. Trotzdem könnte das Erlebnis des Fliegens kaum unterschiedlicher sein. «Wir sitzen zur selben Zeit im Cockpit desselben kleinen Flugzeugs, machen aber komplett andere Erfahrungen», sagt sie. Für ihn bedeutet Fliegen höchste Konzentration und Adrenalinkicks, er ist mit den Instrumenten, Karten, der Kommunikation mit dem Boden und der Topgrafie beschäftigt: «Wegen der Berge und der engmaschigen Lufträume ist das Fliegen in der Schweiz schon sehr speziell. Man muss gut geerdet, akribisch vorbereitet und total aufmerksam sein, sonst wird man dabei nicht alt.»

Das Rheintal mit den Städten Feldkirch und Bludenz ennet dem Rhein. (Bild: Ursula Gebendinger)
8 Bilder
Links im Bild: Vaduz, rechts Räfis und Sevelen, Fulfirst, Alvier, Gauschla, im Hintergrund der Gonzen und das Pizolgebiet. (Bild: Ursula Gebendinger)
Der Kanal für die Schifffahrt am Untersee zwischen Ermatingen und Gottlieben. (Bild: Ursula Gebendinger)
Der Bodensee und der Rhein mit dem Seerücken. (Bild: Ursula Gebendinger)
Das Rheintal und der Hohe Kasten. (Bild: Ursula Gebendinger)
Die Bregenzerachmündung in den Bodensee und das zugehörige Naturschutzgebiet. (Bild: Ursula Gebendinger)
Die Churfirsten mit Gamsberg und Gauschla. (Bild: Ursula Gebendinger)
Der Walensee mit den Churfirsten und Amden. (Bild: Ursula Gebendinger)

Das Rheintal mit den Städten Feldkirch und Bludenz ennet dem Rhein. (Bild: Ursula Gebendinger)

Luft, Liebe und Fotos

Sie dagegen geniesst die Freiheit, den direkten Weg, die Fortbewegung in einer Zwischenwelt ohne Hindernis, die Geschwindigkeit des Flugzeugs und die Schönheit der Landschaft unter sich. «Ihre Schönheit ist gewaltig, überraschend und berührt.» Wie Gebendingers Luftaufnahmen. Aus dieser ungewohnten Perspektive will sie die Schweiz anderen zeigen und Räume erfassbar machen. «Wenn man das Land von oben betrachtet, wird einem bewusst, wie hoch der Anteil an unbewohnbarer Bergregion ist, etwa zwei Drittel der Landesfläche. Der Rest ist ein Siedlungsbrei, der sich wie ein Krebsgeschwür ausbreitet. Vor allem im Raum Zürich, im St. Galler Rheintal und am Bodensee.»

Letztere zählen zu ihren Lieblings­sujets, besonders das Rheindelta im Anflug, die Bregenzer Bucht, Lindau, die Inseln Reichenau und Mainau. Strömungen und Schifffahrtsrinnen sind von oben sehr gut auszumachen. Auch das Glarner Land ist für sie ein «irrsinnig schönes, felsiges Niemandsland, wie auf dem Mond». Als Grafikerin komme sie dank der Strukturen, Farben und Muster, die aus der Vogelperspektive zu sehen sind, voll auf ihre Kosten. «Ausserdem lerne ich vieles dazu, da wir die Flugrouten vorher gemeinsam mit Karten und GPS besprechen und ich die Bilder im Nachgang beim Beschriften mit Google Earth überprüfe.»

2010 haben sich Gebendinger und ihr «Luftchauffeur» kennen gelernt. Ausgerechnet am Tag seines ersten Schnupperflugs mit einem Fluglehrer. Gelegentlich konnte sie ihn bei seinen Flugstunden begleiten, so auf den ersten Streckenflügen nach Lausanne, Neuchâtel, Genf und Sion. Oder nach Samedan, «besonders beeindruckend», dem höchstgelegenen Gebirgsflughafen in den Alpen für Jets. Über 700 Landungen und 400 Flugstunden sind zusammengekommen, seit Füllemann mit der Fliegerei begonnen hat. Seit 2012, seitdem er die Private Pilot Licence besitzt, geht sie so oft als möglich mit ihm in die Luft.

Am Anfang sei es ihr schon etwas mulmig gewesen. «Ich hatte kein Gefühl für kleine Flieger. Alles ist unmittelbar, man ist ganz nah an der Technik, den Knöpfen, am Piloten.» Für sie war es ­jedes Mal ein Abenteuer und brauchte Mut. «Ich habe mich mit dem Handy abgelenkt und viel fotografiert.» Die ersten Luftbilder sind entstanden, um die Angst zu überspielen. «Bald habe ich gemerkt, dass ich die Bilder gut in der Grafik einsetzen kann.»

«Man muss schnell sein, es vibriert und wackelt ständig»

Inzwischen hat sie das iPhone gegen eine handliche, gute, leichte Kamera eingetauscht, die den Piloten nicht stört und schnell nachlädt, was wichtig ist, «weil man in der Luft sehr schnell schaffen muss, es vibriert und wackelt ständig, man bewegt sich sehr schnell, kämpft mit Spiegelungen usw.» Längst weiss sie, wie sie die Bildqualität verbessern kann – und legt, etwa wegen der Spiegelung, die Kamera ganz an der Scheibe auf.

Wichtiger als technische Perfektion sind für die Flugfotografin Lichtstimmungen. «Das Sammeln von stimmungsvollen Momenten hat auf mich schon immer einen Reiz ausgeübt. Deshalb habe ich auch früher viel fotografiert.» Jeder Flug sei anders, ist die Grafikdesignerin überzeugt, «und wenn wir hundert Mal um den Säntis fliegen, ist es nicht zweimal dasselbe.»

Während für den Piloten das Vor- und Nachbereiten weit mehr Zeit in Anspruch nimmt als der Flug selbst, ist bei ihr das Aussortieren der Bilder am aufwendigsten. «Der Ausschuss ist extrem. Von 600 bis 800 Aufnahmen pro Flug verwerte ich ca. 30 und lasse nur diese in einem professionellen Fotostudio bearbeiten.» Die Ausbeute hängt stark mit der Jahreszeit, dem Licht und dem Flugzeug zusammen, das sie auf der jeweiligen «Luftwanderung» benützen. Natürlich holt sie als Grafikerin mehr aus den Luftaufnahmen heraus. Ideen für Spiele, Gadgets und andere Dinge, die über Postkarten, Kalender und Imagebroschüren hinausgehen, hat sie reichlich, nicht umsonst heisst ihre Agentur ideenreich.

Oldtimer aus Altenrhein

Gebendingers Lieblingsflugzeug ist die Super Decathlon, ein kunstflugtauglicher Zweisitzer mit hohen Flügeln, im Fachjargon ein abgestrebter Schulter­decker. «Da ich in der Decathlon hinter dem Piloten sitze, kann ich ihm nicht assistieren, dafür aber auf beiden Seiten herausfotografieren.» Zudem geben die hoch angesetzten Flügel Schatten, so dass die Scheibe viel weniger spiegelt. Auch Füllemann mag die sportliche ­Decathlon, «sehr kompakt und stark, ein Roadster in der Luft, aber hart und nicht ganz leicht zu landen». Wenn die beiden mit der Archer Piper oder Robin unterwegs seien, könne sie nur auf einer Seite fotografieren. Der Chauffeur müsse dann «Orbits», Kreise, ziehen. Überhaupt gestalte er durch seine Flugroute, -höhe und Art, zu fliegen, die Bilder mit. Gebendingers Traum wäre, mit der Bücker Jungmann, einem offenen Doppeldecker mit zwei Sitzen, wie anno­ ­dazumal zu fliegen – ohne Spiegelung!

Der Oldtimer aus den 30er-Jahren steht neben der Decathlon und Piper im Hangar des Fliegermuseums Altenrhein. Die Flugzeuge, die Füllemann fliegt, gehö­ren der Motorfluggruppe Thurgau bzw. dem Kunstflugverein Altenrhein. Füllemanns Heimatflugplatz ist Lommis, ein familiärer Flugplatz mit einer 600 m langen Graspiste für kleine Sportflieger. Stolz zeigt der Privatpilot die vielen Stempel in seinem Flugbuch. «Das Flugbuch würden wir bei einem Brand wohl als erstes retten», meint seine Partnerin mit breitem Lachen. Auch sie ist stolz auf die Flüge. «Jeder Flugplatz hat seinen eigenen Stempel. Es gibt schwierige, für die man Sonderschulungen und -genehmigungen braucht, wie Samedan eben.»

Die Wolkendecke hängt immer noch zu tief und zu dicht, um die beiden auf eine «Luftwanderung» zu begleiten. Schnee ist im Anzug. «Horizontalsicht nicht sichergestellt», heisst das im Fliegerdeutsch. Die Sicht müsste über fünf Kilometer betragen, besser zehn.

Wir sind auf dem Boden geblieben, aber ich habe viel vom Piloten und seiner ungewöhnlichen Flugbegleiterin übers Fliegen, Flugplätze, Flugzeuge, Vorbereitung, Checks vor und nach dem Fliegen und auch über die jährlich anstehende Frühjahrs-Flugplatzputzete gelernt. Gebendingers Luftaufnahmen schaue ich mir dann in der Ausstellung in St. Gallen an. Besser als ein Blindflug allemal.