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FORSCHUNG: «Die Jugend ist kürzer als das Alter»

Sabina Misoch von der St. Galler Fachhochschule leitet das grösste nationale Altersprojekt. Dazu werden auch Haushalte vernetzt.
Katharina Brenner, Regula Weik
«Die meisten befassen sich Ende 40 erstmals mit dem Älterwerden», sagt Projekt­leiterin Sabina Misoch. (Bild: Urs Bucher)

«Die meisten befassen sich Ende 40 erstmals mit dem Älterwerden», sagt Projekt­leiterin Sabina Misoch. (Bild: Urs Bucher)

Interview: Katharina Brenner, Regula Weik

Sabina Misoch, wie alt wollen Sie werden?

Ich mag mir kein kalendarisches Ziel setzen. Ich sage es so: Wenn ich all die Dinge, die ich mir fürs Leben vorgenommen habe, gemacht habe, möchte ich irgendwann sagen können: Jetzt ist es gut, nun kann ich loslassen.

Wann ist ein Mensch alt?

Ich bin Soziologin – und die Soziologie definiert zwei Altersabschnitte: Das dritte Lebensalter beginnt mit der Pensionierung, das vierte individuell sehr unterschiedlich, nämlich dann, wenn ich nicht mehr selbständig leben kann und zunehmend auf Unterstützung angewiesen bin. Sehr oft ist dies ab Mitte 80 der Fall.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, sich mit dem Älterwerden auseinander zu setzen?

Es ist nie zu früh dazu. Es ist wichtig, dass die Gesellschaft sensibilisiert ist, dass ältere Menschen andere Bedürfnisse und auch einen anderen Bedarf an Unterstützung haben. In Zukunft ist ein Drittel der Bevölkerung im Pensionsalter; die Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn sich die anderen zwei Drittel damit auseinandersetzen.

Und mit dem eigenen Älterwerden?

Die meisten befassen sich Ende 40 erstmals damit; primär geht es dann um Fragen der Altersvorsorge.

Sie haben zehn Jahre zu Jugend und Medien geforscht. Ist Ihnen die Jugend verleidet?

Die Phase der Jugend ist viel kürzer als jene des Alters. Gerade weil das Alter eine viel längere Lebensphase ist, sind auch die Herausforderungen und Fragen vielfältiger. Die aktive 67-Jährige hat andere Bedürfnisse als der 92-Jährige, der im Sterben liegt. Die Altersforschung hat einen hohen Anwendungsbezug, ihre Ergebnisse können im Alltag angewendet werden. Dies alles und das Bedürfnis, etwas zur Gestaltung der Zukunft beizutragen, hat mich zum Wechsel in die Altersforschung bewogen.

Gibt es nicht bereits genügend Altersforschung in der Schweiz?

Nein. Es gibt noch viele Forschungslücken.

Es gibt doch Hunderte von Altersratgebern. Oder täuscht das?

Das trifft zu. Ich möchte unsere Forschung aber vom Ratgeber-Buchmarkt abgrenzen. Es gibt wenig Literatur, die auf seriösen Daten und Fakten beruht. So wird beispielsweise viel geschrieben, wie die Babyboomer ticken; wirklich untersucht wurde das bislang kaum. Aus ihren Erfahrungen in Kindheit, Jugend und im Erwachsenenleben werden ihre Verhaltensweisen und Bedürfnisse im Alter abgeleitet. Doch stimmen diese Annahmen? Erst wenn ich das sicher weiss, kann ich die richtigen Angebote für sie bereitstellen. Erst wenn die Politik weiss, was die Senioren der Zukunft brauchen, kann sie richtig handeln. Diese Daten und dieses Wissen wollen wir erarbeiten und bereitstellen.

Wie profitieren die älteren Menschen davon?

Fast alle älteren Menschen wollen möglichst lange selbständig in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben. Technische Hilfsmittel können dabei helfen. Wir forschen unter anderem auf diesem Gebiet intensiv.

Akzeptieren ältere Menschen technische Hilfen denn überhaupt?

Die Erfahrung zeigt: Sie müssen den Nutzen der Hilfsmittel leicht erkennen, sonst verstaubt das Produkt tatsächlich in einer Ecke. Die Experimentierfreudigkeit älterer Menschen im Umgang mit technischen Hilfen ist geringer als bei jungen Menschen. Unsere Frage muss daher sein: Wie müssen technische Hilfsmittel ausgestaltet sein, damit sie von den Senioren akzeptiert werden? Wenn wir darauf die richtigen Antworten liefern, können ältere Menschen tatsächlich länger daheim leben.

Wie wollen Sie das herausfinden?

Wir wollen Privathaushalte rekrutieren, die bereit sind, Hilfsmittel zu erproben. Ihre Rückmeldungen gehen an die Ingenieure. Das tönt einfach, ist heute aber kaum der Fall. Heute werden Hilfsmittel produziert, die aus Sicht der Ingenieure Unterstützung bringen. Ob dies die älteren Menschen auch so erleben und ob sie die Geräte tatsächlich einsetzen oder ob sie damit überfordert sind und sie in die Ecke stellen, wissen wir nicht. Die Idee ist, dass diese Haushalte langfristig mit dabei sind und so auch untereinander zu einer Gemeinschaft werden.

Ziel des Forschungsprojekts sind also Praxisanleitungen?

Der Titel sagt es: «Age-nt. Alter(n) in der Gesellschaft: Nationales Innovationsnetzwerk». Ziel ist es, Strukturen zu schaffen, die langfristig und nachhaltig über die Projektphase hinaus Bestand haben.

Es sind Institutionen aus der ganzen Schweiz am Projekt beteiligt. Wie gross ist die Gefahr, dass nebeneinander her geforscht wird?

Es wird sehr viel Austausch brauchen. Die Ergebnisse der einen Beteiligten sollen sogleich den anderen zur Verfügung stehen und in deren Arbeit einfliessen. Das Projekt wäre gescheitert, wenn es nur die Summe einzelner Vorhaben wäre und die Synergieeffekte nicht genützt würden.

Es sind mehrere Fachhochschulen und Universitäten am Projekt beteiligt. Besteht kein Konkurrenzdruck?

Wir sind in der Forschung alle auf Drittmittel angewiesen. Daher sind wir in der Regel Konkurrenten. Das ist hier nicht der Fall. Wir haben uns gemeinsam beworben und gemeinsam die Mittel des Bundes erhalten. Das Projekt wurde mit dem Kerngedanken initiiert, dass es mehr «Gewinn» bringt, wenn die relevanten Player gemeinsam Innovationen und Strukturen entwickeln, als wenn es jeder für sich alleine versucht und wir dabei Gefahr laufen, nebeneinander her dasselbe zu erforschen und zu entwickeln. Bislang verlief die Altersforschung in der Schweiz völlig unkoordiniert.

Dass eine Fachhochschule die Leitung hat, wenn Universitäten mit im Boot sind, ist nicht alltäglich.

Es bestand bereits ein Netzwerk der Fachhochschulen; wir haben dann die Universitäten angefragt. Die umgekehrte Richtung ist tatsächlich häufiger. Die Zusammenarbeit klappt bislang bestens.

Profitiert auch die Bildungslandschaft Ostschweiz davon?

Die Fachhochschule Ostschweiz ist erfolgreich in der Altersforschung tätig. Das Projekt wird ihre Position in der Kompetenz für Altersfragen festigen. Davon profitiert die Ostschweiz insgesamt.

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