FORSCHER UND MUSEUMSLEITER: Brasiliens bekanntester Toggenburger

Abenteuerlust zog Emil Göldi im 19. Jahrhundert nach Brasilien. Im Amazonasgebiet entdeckte der vor 100 Jahren verstorbene Ostschweizer Naturforscher etliche neue Tierarten. Und er vermittelte in einem Territorialstreit zwischen Brasilien und Frankreich.

Karl Horat, Brasilien
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Emil Göldi hat Ende des 19. Jahrhunderts im Amazonasgebiet zahlreiche neue Tierarten entdeckt, etwa den Springtamarin (lat. Callimico goeldii). (Bilder: Karl Horat, Instituto Goeldi)

Emil Göldi hat Ende des 19. Jahrhunderts im Amazonasgebiet zahlreiche neue Tierarten entdeckt, etwa den Springtamarin (lat. Callimico goeldii). (Bilder: Karl Horat, Instituto Goeldi)

Karl Horat, Brasilien

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«Emílio Goeldi war ein weiser, weisser Mann aus der Schweiz, der viele Tiere erfand», berichtet die etwas vorlaute Carolina. Mit ihrer Buntstiftschachtel sitzt das achtjährige Mädchen in ihrer orange-blauen Schuluniform vor einem Gehege im «Zoológico» des Museu Paraense Emílio Goeldi der Stadt Belém und macht sich daran, den Pfau im Gehege auf ihrem Zeichenblock in wilder Farbenpracht festzuhalten. Auch wenn er sie nicht direkt erfunden hat – der 1859 geborene Emil August Göldi – so hat er doch viele Geschöpfe entdeckt. Und in manch lateinischer Gattungsbezeichnung von Tieren aus dem Amazonastiefland ist er auf immer verewigt.

Auch wenn sich in der Schweiz heute fast niemand mehr an Emil Göldi erinnert: In der Amazonasstadt Belém wird sein Name weiterhin jedem Schulkind ein Begriff sein. Denn ins Museu Paraense Emílio Goeldi führen die aufregenden Schulausflüge im sonst etwas faden Naturkundeunterricht.

Göldi sammelte über 9000 Insekten

Der aus dem Toggenburg stammende Wissenschafter forschte Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts am Amazonas, schrieb Dutzende Bücher und hinterliess dem Naturhistorischen Museum in Bern Tausende Präparate. Mehrere Tierarten tragen seinen Namen. Während seiner Zeit in Brasilien fürchtete Göldi aufgrund des tropischen Klimas um seine Sammlungsobjekte. Darum brachte er diese 1905 aus Belém nach Bern. Noch heute lagert diese wertvolle Sammlung als Dauerleihgabe im Untergeschoss des Museums. Sie besteht aus mehr als 14000 Objekten, davon 9645 Insekten, 2964 Vögel, 987 Säugetiere sowie aus Reptilien, Fischen und Amphibien. Sie werden noch heute für Forschungszwecke verwendet.

Göldi war mit Bestimmtheit ein Pionier und gehörte zur Gilde der furchtlosen Forschungsreisenden. Das Prädikat «heldenhaft» hätte seine packende Biografie durchaus verdient. Allerdings setzte er für die Wissenschaft nicht nur sein Leben aufs Spiel, er war auch gegenüber seinen Mitmenschen skrupellos.

Das Ende der Monarchie kostete ihn den Job

Emil August Göldi kam 1859 auf dem Schlatt in Nesslau zur Welt. Er stammte aus einfachen Verhältnissen; sein Vater, Johannes Göldi, musste in seiner Jugend noch als «Schwabengänger» jenseits des Bodensees das Sommerhalbjahr über Vieh hüten. Aber er schaffte es, später Lehrer zu werden. Im Jahr von Emils Geburt wirkte er an der Oberschule in Nesslau. Anschliessend konnte er ein Knabeninstitut in Neuhausen am Rheinfall leiten. So konnte sein Sohn Emil das Gymnasium Schaffhausen besuchen. Nach der Matur begann Emil Göldi das Studium der Zoologie und der Vergleichenden Anatomie in Leipzig und Jena. Seine Dissertation schloss er 1884 ab. Als frischgebackener Universitätsabgänger untersuchte er im Auftrag des Kantons Schaffhausen die Blutlaus, die damals aus Nordamerika eingeschleppt worden war und die Obstbäume der Region massiv schädigte. Kurz darauf beschäftigte er sich mit dem Erreger der berüchtigten Kraut- und Knollenfäule der Kartoffel.

Dann überkam Göldi die Abenteuerlust: Er nahm ein Stellenangebot als Vizedirektor der zoologischen Abteilung am Nationalmuseum in Rio de Janeiro an. Als 30-Jähriger heiratete er Adeline Meyer, Tochter eines Schweizer Geschäftsmanns in Rio de Janeiro. Im selben Jahr – mit dem Sturz der brasilianischen Monarchie – verlor er seine Stelle. Er zog sich auf das Landgut seines Schwiegervaters in den Bergen der Serra dos Órgãos nördlich von Rio de Janeiro zurück. Sein Schwiegervater hatte dort viel Land erworben, ihm schwebte die Gründung einer landwirtschaftlichen Kolonie namens «Colônia Alpina» mit Schweizer Auswanderern vor. Emil Göldi übernahm die Leitung der Kolonie.

Im März 1891 standen über 100 Leute aus der Schweiz mit ihren Koffern in der «Colônia Alpina». Die Zustände, die sie vorfanden, waren desolat: Karge, fensterlose Hütten sollten ihnen als neues Heim dienen, und die versprochenen Landparzellen waren mit Gestrüpp überwuchert. Noch im selben Jahr eskalierten die Konflikte in der Kolonie und gipfelten in einer Revolte der Einwanderer. Der Zoologe Göldi hatte sich wenig um seine Landsleute gekümmert, deren Beschwerden unwillig angehört und diese als «unqualifiziert» bezeichnet. Die Siedler nannten ihn im Gegenzug «Colonistentyrann» und «Mondspinner», wegen seiner Vorliebe, in der Nacht lange Spaziergänge in den Wald zu machen, um Vögel oder Nager einzufangen.

Der Bundesrat schlichtete zwischen Frankreich und Brasilien

Emil Göldi führte in der Serra dos Órgãos mehrere Forschungsprojekte durch und vergrösserte seine Privatsammlung, die damals schon über 500 Tiere umfasste. Er betätigte sich als Privatgelehrter und schrieb zwei umfassende Monografien über die Säugetiere und die Vögel Brasiliens – beide in Portugiesisch abgefasst. Durch das Werk über die Säugetiere wurden die Behörden wieder auf ihn aufmerksam – der Gouverneur des Staates Pará am Amazonas berief Göldi an das dortige Staatsmuseum, das sich seit längerer Zeit in einem desolaten Zustand befand. Mit seiner Familie zog Göldi 1894 nach Belém. Er engagierte sich mit seiner ganzen Energie für den Wiederaufbau der einst angesehenen Institution. Für die verschiedenen Fachgebiete – Botanik, Geologie, Präparationstechnik, Zoologischer Garten – holte er junge Wissenschafter und Fachkräfte aus der Schweiz, Deutschland und Österreich. Schon nach wenigen Jahren genossen das Museum und seine Forschungsabteilung wieder hohes Ansehen in der ganzen wissenschaftlichen Welt. Göldi erforschte die Mücken und damit die Überträger des Gelbfiebers, eine Tropenkrankheit, die – nicht zuletzt auch unter Göldis Freunden und Mitarbeitern – zahlreiche Todesopfer gefordert hatte.

In diese Zeit fällt eine Episode, die Göldi nochmals von einer ganz anderen Seite zeigt. Brasilien lag mit Frankreich seit Jahren in einem Grenzstreit um die nördlich des Amazonas gelegene Provinz Amapá. Im Friedensvertrag von Utrecht war der Fluss Oiapoque einst als Grenze zwischen dem damals noch portugiesischen und dem französischen Kolonialgebiet festgelegt worden. 180 Jahre danach stritt man sich darum, welcher der verschiedenen in den Atlantik mündenden Flüsse der richtige Oiapoque sei. Goldfunde im Gebiet gaben dem Konflikt neue Aktualität. Dieser gipfelte in einem blutigen Angriff französischer Milizen auf eine brasilianische Siedlung. In dieser Situation empfahl Göldi dem Gouverneur von Pará, den Schweizerischen Bundesrat als Schiedsgericht im Territorialstreit anzurufen. In der Folge hielt sich Göldi längere Zeit in der Schweiz auf, um die Experten des bundesrätlichen Schiedsgerichts zu kontaktieren. Der Bundesrat entschied den Streit im Jahr 1900 zu Gunsten Brasiliens.

1907 kehrte Emil Göldi in die Schweiz zurück. Er lehrte erst als Privatdozent, dann als Extraordinarius für Tiergeografie und Tierbiologie an der Universität Bern – bis zu seinem frühen Tod im Juli 1917 infolge eines Schlaganfalls.