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FHS-Studie zur Digitalisierung: Skepsis im Gesundheits- und Sozialwesen

Angestellte des Gesundheits- und Sozialwesens stehen der Digitalisierung am Arbeitsplatz misstrauisch gegenüber, zeigt eine Studie der FHS. Die neuen Technologien könnten den administrativen Aufwand aber auch verringern.
Kaspar Enz
Auch im Gesundheitswesen hält die Digitalisierung Einzug – und stösst auf Skepsis. (Bild: Alessandro Crinari/Ti-Press)

Auch im Gesundheitswesen hält die Digitalisierung Einzug – und stösst auf Skepsis. (Bild: Alessandro Crinari/Ti-Press)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Das Kantonsspital St. Gallen ist dieser Tage eine riesige Baustelle, und es wird das noch eine Weile bleiben. Aber nicht nur Aussen wird vieles neu, auch Innen baut es um. «Die Digitalisierung der Prozesse ist ein grosses Thema», sagt Mediensprecher Philipp Lutz. Mit Hochdruck arbeitet man am Aufbau des elektronischen Patientendossiers. Wie es den Patienten geht, Blutdruck und Blutwerte, Pflegebedarf und Medikamente werden auf vielen Stationen bereits komplett elektronisch erfasst, sagt Lutz. Bald soll es in allen Kliniken so sein. Auch Anmeldung und Zuweisung sollen bald über ein Patientenportal und eine Zuweisungsplattform erfolgen. «Die Digitalisierung ist bereits allgegenwärtig.»

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt rapide. Ob zum Besseren, ist eine andere Frage. Skeptisch sind gerade Arbeitnehmende im Sozial- und Gesundheitswesen: Pflege- und Betreuungsfachkräfte in Behinderteninstitutionen und Altersheimen, in Spitex und Spital. Das ergab eine Umfrage, die die Fachhochschule St. Gallen unter 1500 Mitarbeitern von überwiegend Ostschweizer Unternehmen und Institutionen verschiedener Branchen durchführte.

Neulinge in der digitalen Arbeitswelt

Woher die Skepsis kommt, kann Studienleiterin Alexandra Cloots nur vermuten. Einerseits dringe die Digitalisierung in diesen Branchen erst langsam durch. «In der Industrie sind Automatisierung, Digitalisierung und neue Technologien immer ein Thema», sagt Cloots. «Im Sozialwesen oder in Teilen des Gesundheitswesens betrifft das erst jetzt die Arbeitnehmer.» Aber es ist nicht nur die Furcht vor dem Unbekannten, die Sozialarbeiter und Pflegefachleute umtreibt. «Vor allem die Dokumentationspflichten belasten die Arbeitnehmenden.» Das hätten die ausführlicheren Gespräche mit einigen Umfrageteilnehmern ergeben, sagt sie. Aufgaben, die zwar nicht zwingend Folge der Digitalisierung sind, aber meist im Gewand neuer Computerprogramme daherkommen. «Sie führen dazu, dass die Arbeit immer mehr prozessorientiert erscheint, ein Abwickeln von Routineaufgaben. Freiräume in der Arbeit mit den Menschen werden hingegen eingeschränkt.»

Effizienzdruck nimmt zu

Tatsächlich sei der Antrieb für diese Entwicklung aber nicht die Digitalisierung selbst, sagt Mireille Grädel, Leiterin Verbandsmanagement bei INSOS, dem Schweizerischen Branchenverband der Behinderteninstitutionen. Der Effizienzdruck von Seiten der Finanzierung sei in der Branche gestiegen, sagt sie.

«Arbeiten müssen deshalb vermehrt dokumentiert werden.»

Dieser zusätzliche administrative Aufwand könnte durchaus ein Grund sein, weshalb die Mitarbeiter in den Institutionen eher skeptisch sind – zumal diese Leistungserfassungssysteme computergestützt sind. «Wenn man aber die Möglichkeiten der Technologie richtig nutzt, könnte die Digitalisierung eine Chance sein», sagt Grädel. Einfache Apps und die richtigen Geräte könnten die Dokumentation vereinfachen. So entstehe Freiraum, den man für die qualitative Arbeit mit den Klienten nutzen könne, hofft Grädel. «Aber in Sachen IT sind viele Institutionen noch nicht auf dem neuesten Stand. Die Branche hat einen anderen Fokus.»

Jeden Handgriff bemessen und bewerten

Das sei auch bei den Pflegefachkräften so, sagt Samuel Burri, Branchenverantwortlicher bei der Gewerkschaft Unia. «Pflegende sind Pflegende, weil sie Menschen pflegen wollen. Die Technik steht da weniger im Fokus.» Oft sogar mehr im Weg. Das Effizienzdenken habe auch im Gesundheitswesen zugenommen, vor allem seit der neuen Pflegefinanzierung und der Einführung der Fallpauschalen. Das habe einerseits dazu geführt, dass viele Institutionen weniger Geld hätten, andererseits zu immer mehr Administration und Dokumentation. «Man teilt die Pflegetätigkeiten auf, um sie zu bemessen und monetär zu bewerten.» Die Digitalisierung sei durchaus mit ein Treiber dieser Entwicklung. Der Druck zur Rationalisierung führt zur Einführung von neuen Technologien – und umgekehrt:

«Wenn es eine Technologie gibt, von der man sich einen Effizienzgewinn verspricht, will man sie möglichst schnell einsetzen.»

Ob das immer sinnvoll sei, wagt Burri zu bezweifeln. Er nennt das Beispiel einer Spitex-Organisation, die die Pflege über ein Handy-App organisierte. Eigentlich praktisch. «Aber die zeitlichen Vorgaben liessen sich kaum anpassen», sagt Burri. «Vorgesehen waren zum Beispiel zehn Minuten zum Einbinden eines Beins, fünf Minuten für die Medikamente.» Doch geht es um Menschen, gerade kranke oder alte Menschen, geschieht oft Unvorhergesehenes. «So rannten die Spitex-Angestellten immer diesem Zeitplan nach, auf Kosten von Pausen und Freizeit.» Besonders schwierig sei die Digitalisierung wohl in Altersheimen. «Die Pflegekräfte sind meist zwischen 40 und 60, viele haben einen Migrationshintergrund.» Sie hätten es oft schwerer, mit neuen Technologien umzugehen als jüngere. «Deshalb ist es sehr wichtig, dass sie richtig geschult werden.» Sonst droht Stress oder gar das berufliche Abstellgleis.

Automatisierung als Chance

Allerdings sei gute Dokumentation wichtig, damit die Pflegeleistung gegenüber dem Leistungsträger sichtbar gemacht wird, sagt Edith Wohlfender, Geschäftsleiterin der Ostschweizer Sektion des Berufsverbandes SBK. «Die Patientensicherheit ist höher, weil man sieht, welche Massnahmen erfolgt sind.» Stress entstehe aber oft, weil der Zugang zu Geräten schlecht ist. «Man schreibt sich alles auf einen Zettel und trägt es dann im PC noch mal ein.» Dabei biete gerade die Digitalisierung Chancen, das zu verbessern. «Hier im Thurgau ist es bereits gut eingeführt», sagt Wohlfender. «Viele Daten fliessen automatisch ins System.» Auch andere Spitäler machten vorwärts. «So würde man Zeit gewinnen, die man bei den Patienten verbringen kann.»

FHS-Studie zur neuen, digitalisierten Arbeitswelt

Unter 30 oder allenfalls Anfang 50, Mann, gut ausgebildet, Kundenberater oder Informatiker in der Industrie- oder Finanzbranche: So sieht er aus, der digitale Pionier in den Ostschweizer Unternehmen. Wenn es um technische Neuerungen geht, ob zu Hause oder am Arbeitsplatz, ist er vorne mit dabei. Auf die Digitalisierung, die auch am Arbeitsplatz Einzug hält, sei er gut vorbereitet, sagt er. Und er erhofft sich viel von ihr. Weil die langweiligen Routineaufgaben automatisiert werden, wird die Arbeit spannender. Dank Internet und Kommunikationstechnologien können diese Mitarbeiter gerne auch mal von zu Hause aus arbeiten, oder von sonst wo.

Doch es gibt auch die anderen. Oft sind sie etwas älter. Oft sind es Frauen. Sie arbeiten in der Produktion, betreuen oder pflegen alte oder kranke Menschen und Menschen mit Behinderung. Eher selten haben sie einen Hochschulabschluss. Dem Technologieschub, der auch auf ihre Arbeitsplätze zu kommt, stehen sie eher skeptisch gegenüber. Sie machen sich wenig Hoffnung auf spannendere Tätigkeiten oder ortsunabhängige Arbeit. Dafür befürchten sie mehr Leistungsdruck, mehr Regeln und Routine, mehr Vermischung von Arbeit und Freizeit. «Es tut sich eine Kluft auf, in die wir nicht rutschen dürfen», sagt Alexandra Cloots.

Stressige neue Arbeitswelt

Cloots ist Professorin an der Fachhochschule St. Gallen, und seit längerem beschäftigt sie sich mit der «New Work», der neuen, digitalisierten Arbeitswelt. Ortsunabhängiges Arbeiten, mehr Kreativität und flachere Hierarchien erhofft man sich von ihr. Doch es gibt auch Befürchtungen: mehr Überwachung, Leistungsdruck und Stellenabbau. Was die Arbeitnehmer selber von der Digitalisierung erwarten, wollte Cloots in einer Umfrage bei rund 1500 Mitarbeitern von überwiegend Ostschweizer Unternehmen und Institutionen wissen. Sie führte die Studie zusammen mit Rektor Sebastian Wörwag im Namen des HR-Panels «New Work» durch.

Die Resultate der Studie sind durchaus ernüchternd, sagt Alexandra Cloots. Auch deshalb, weil sie vermuten lassen, dass die Einführung der Digitalisierung vielerorts in die falsche Richtung läuft: Die Digitalisierung habe in ihren Organisationen vor allem zu «mehr Effizienzdenken» geführt, sagt eine klare Mehrheit der Befragten. Regeln und Technik werden ebenfalls wichtiger. Mehr Zeit und Raum für Menschlichkeit hingegen scheint die Digitalisierung bislang kaum geschaffen zu haben: Nur gerade zwölf Prozent der Befragten erkennen in ihren Unternehmen eine Entwicklung in diese Richtung.

Kritik ist nützlich

Die skeptische Einstellung vieler Mitarbeiter sei zum Teil wohl Bauchgefühl, sagt Alexandra Cloots. «Alles wird schneller, man muss schneller reagieren, schneller antworten. Das erzeugt Druck und Stress.» Ältere Mitarbeiter seien auch deshalb kritischer, weil es schwer sei, sich von Gewohntem zu lösen. Trotzdem müssten die Unternehmen die Befürchtungen dieser Mitarbeiter ernst nehmen. «Bevor man etwas Neues einführt, muss man sich Zeit lassen, um die Mitarbeiter mitzunehmen. Man sollte möglichst transparent kommunizieren, was man vorhat und in einen Dialog treten.» Gerade mit den Skeptikern. «Ihre Kritik ist nützlich», sagt Cloots. «Bevor man ein neues System einführt, muss man sich auch überlegen, was es wirklich nützt, und was es für die Mitarbeiter bedeutet.»

Den Nutzen neuer Technologien sollten auch die Mitarbeiter spüren. «Zu oft wird wohl die eingesparte Zeit mit neuen Aufgaben gefüllt.» Was wiederum den Unmut der Arbeitnehmer befeuere. «Mehr Freiräume, mehr Kreativität, das sind Dinge, die wir haben wollen», sagt Cloots. Das sehe man vielleicht nicht im nächsten Budget. «Aber es schafft motivierte Mitarbeiter. Und Motivation zählt oft mehr, als die Fähigkeiten, die die Angestellten auf dem Papier mitbringen.»

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