FOODBLOG OSTBRÖCKLI
Glücklichmacher und Seelentröster: Warum Milchreis ein Kinderessen, aber auch viel mehr ist

Manchmal liegt das Glück im Einfachen: Etwas Reis, etwas Milch, etwas Zucker, etwas Zeit, schon sind alle zufrieden. Klein und Gross.

Text: Diana Hagmann-Bula, Bilder: Michel Canonica
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Eigentlich sind wir Mannschaft Porridge. Mit Dattelstückchen und Zimt, zum Frühstück. Gerade aber wechseln wir die Seite. Der Grund: Ich! Will! Milchreis! Bitte (je nach Tagesform)! Fordert unsere Tochter seit Wochen. Bisher konnten wir sie mit Tomatenspaghetti und Küssen vertrösten. Doch jetzt genügt das nicht mehr. Milchreis muss her. Und zwar zum Abendessen, so der grosse Plan der kleinen Mampfbärin.

Das braucht es alles dazu.

Das braucht es alles dazu.

Haferflocken sind Haferflocken. Aber Reis ist nicht gleich Reis. Welchen nehmen? Normalen Reis? Risottoreis? Vollkornreis? Anruf bei der Schwiegermama. Sie hat früher für ihre Kinder Milchreis gekocht. Heute kocht sie ihn noch immer, nach wie vor mit Vanillezucker und Butter, gelegentlich für die Enkel, oft für sich selber und ihren Mann. Es gebe besonderen Reis dafür, sagt sie. Milchreis eben.

Dieses Gericht ist eine Ausnahme wert

Es ist ja nicht so, dass wir uns den kulinarischen Wünschen unserer Kinder verweigern. Bei uns gibt es nicht nur Rot-Weiss, bei uns gibt es sogar Rot-Weiss-Gelb. Ketchupmayosenf. Aber muss es ein süsses Abendessen sein? Unter der Woche eigentlich lieber eine salzige Variante, sonst verzögert der Zuckerschub die Reise ins Schlafland. Fast täglich diskutieren wir momentan darüber, wie viele Bonbons es denn nun für ein unbeschwertes Kinderleben braucht und wie viel Glacekugeln wohl in einen kleinen Bauch passen.

Unser Rezept: Milchreis mit Apfelstücken.

Unser Rezept: Milchreis mit Apfelstücken.

Natürlich wäre pikanter Milchreis eine Alternative. Doch sind wir ehrlich: Zu Milchreis gehören Apfelkompott oder gekochte Zwetschgenschnitze, Mango- oder Rhabarbermus, Zimtzucker, Lebkuchengewürz, vielleicht sogar ein Klecks Nutella, wenn es sein muss. Hauptsache süss. Milchreis und Salz, die vertragen sich irgendwie schlecht. Milchreis zum Zmittag? Wäre die strikte Konsequenz. Aber Milchreis fühlt sich im Magen an wie Liebe. Er wärmt von innen heraus. Ein Glücklichmacher, ein Seelentröster, und danach schläft man besonders gut ein. Klein und Gross.

Tut mir leid, lieber Milchreis

Nach dem Selbstversuch in der Küche ist es Zeit für eine Entschuldigung. Tut mir leid, lieber Milchreis. Ich habe dir lange unrecht getan. Du bist mehr als klebrig süsser Brei, mehr als ein Kinderessen. Viel zu lange bist du im Schatten von Porridge gestanden. Zur Verteidigung sei hier angebracht: Es war Veranlagung. Kulinarische Abneigung, vererbt und weitergegeben. Dabei bist du ein wahrer Verwandlungskünstler und nachhaltig noch dazu. Deine Reste kann man in kleine Schüsseln geben, am nächsten Tag haben sie sich zu Reisköpfchen verfestigt. Dazu gibt es Ahornsirup oder Himbeersirup, wie jeder es halt mag. Im Nu ist alles weggeputzt, leichten Herzens und Magens, weil lecker. Und ohne dass man sich wie ein zwanghafter Wiederverwerter fühlt.

Simpel, aber mit viel Potenzial

Für wen das noch immer mehr nach klebrigem Brei und weniger nach Küchenfest tönt: Früher war Milchreis eine Speise für alle. Die Menschen haben ihn gegessen, um schnell und günstig satt zu werden. Heute kann Milchreis durchaus anders als simpel.

In der Camargue wird er aus regionalem Reise gekocht und in Luxusrestaurants zum Dessert serviert. Und mit Yotam Ottolenghi hat das Gericht einen äusserst prominenten Anhänger. Apfelstücken und Zimtzucker sind da natürlich zu wenig. Der israelisch-britische Starkoch bereitet Milchreis mit Lorbeerblättern, Zimtstange und Orangenschale im Ofen zu. Danach mischt er Rahm, Puderzucker und griechischen Joghurt unter, serviert gegarte Rhabarber dazu. Milchreis hat auch eine exotische Seite. Dazu Klebereis mit Kokosmilch, Vanillestengel und etwas Zucker aufkochen. Auskühlen lassen, dann ein griechisches Joghurt und flüssigen Honig darunter mischen, in Förmchen füllen. Die ideale Begleitung: Himbeeren, kurz eingelegt in Puderzucker und Zitronensaft.

Wenn Porridge, die englische Pampe, heute ein Trendfrühstück ist, von dem Bloggerinnen nicht genug bekommen, dann schaffst du es, lieber Milchreis, ebenfalls mühelos zum hippen Znacht. Bei uns stehst du jedenfalls schon nächste Woche wieder auf dem Menu.

Rezept Milchreis
Für vier Personen

  • 200 Gramm Camolino-Reis
  • 1 Liter Milch
  • 1 Beutel Vanillezucker
  • ein Stück Butter
  • 2,5 dl Wasser
  • 1 Apfel
  • 2 EL Zucker

Zubereitung

  • Reis und Milch zusammen aufkochen.
  • Vanillezucker dazugeben, 25 Minuten köcheln lassen und regelmässig rühren. Dabei bleiben, kocht rasch über.
  • Ein Stück Butter untermischen, «wenn man es luxuriös mag».
  • Den Apfel in Schnitze schneiden.
  • Das Wasser aufkochen, dann Zucker und Apfelstücke beigeben, 10 Minuten köcheln lassen.
Unsere Autorin Diana Hagmann-Bula beim Zubereiten der Milchreis-Speise.

Unsere Autorin Diana Hagmann-Bula beim Zubereiten der Milchreis-Speise.