«Flüchtlinge wollen arbeiten»

ST.GALLEN. Das Solidaritätshaus in St.Gallen besteht seit fünf Jahren und arbeitet nach dem Credo, wonach zukunftsweisende Flüchtlingspolitik mit persönlichen Begegnungen beginne. Aktuell fordert es eine vereinfachte Arbeitsintegration.

Marcel Elsener
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Freudige Festmomente: Eine Gruppe von eritreischen Flüchtlingen vor dem Solidaritätshaus in St. Fiden. (Bild: Solihaus)

Freudige Festmomente: Eine Gruppe von eritreischen Flüchtlingen vor dem Solidaritätshaus in St. Fiden. (Bild: Solihaus)

In Budapest vertreibt die ungarische Polizei Hunderte Flüchtlinge vom Bahnhof, in Buchs befürchtet die Schweizer Polizei Grenzübertritte aufgrund der jüngsten Massenflucht, abends diskutieren ein Podium der Stadtsanktgaller FDP die provisorische Unterkunft für 100 Asylsuchende im GBS Riethüsli und der Club des Schweizer Fernsehens die Ratlosigkeit in der europäischen Asylpolitik.

Täglich zugespitzte Flüchtlingsnot – und ebenfalls gestern berichtet das Solidaritätshaus vom Stand seiner fünfjährigen Aufbauarbeit. Im Wettstreit der Meinungen – erst recht im Wahlherbst – und im Verweis auf Statistiken gehe der konkrete Lebensalltag der Asylsuchenden oft vergessen, sagt Ursula Surber. «Taten statt Worte», so der Titel der neuen Fotoausstellung zum Alltag im Haus, sei in der St. Galler Einrichtung keine Phrase, sondern gelebte «Herausforderung und Aufforderung», wie die Präsidentin des Solidaritätshauses betont. «Nicht erst, seit man täglich Bilder sieht und Berichte liest über die Not von Flüchtlingen. Aber jetzt umso mehr.»

Bürokratische Verschärfungen

Umso wichtiger der Begriff, den das Haus im Titel trägt – Solidarität –, umso dringlicher der Aufruf an die Zivilgesellschaft seitens der öffentlichen Hand, «wie es bei früheren Flüchtlingsströmen war», fordert Ursula Surber. Das abgekürzt so genannte Solihaus ist gefragter denn je: Laut Jahresbericht 2014 «kommen immer mehr Leute aus der Stadt und der Region ins Haus, zum Mittagstisch, zur Beratung oder einfach, um den Tag zu verbringen», durchschnittlich täglich etwa 60 Personen.

In der persönlichen Begegnung lassen sich gängige Vorurteile abbauen, wie jenes, wonach Flüchtlinge mit dem Ziel kämen, Sozialhilfe zu beziehen. Das Gegenteil sei der Fall, sagt die frühere SP-Kantonsrätin. Die Menschen suchten Schutz und ein menschenwürdiges Leben. Und die Erfahrung zeige: «Ausnahmslos alle würden gerne arbeiten und sich ihren Lebensunterhalt selbständig verdienen.» Das Solihaus kann mit praktischen Angeboten dienen, mit Hilfestellungen bei Lebensfragen (wie ungewollten Schwangerschaften) und Bewerbungsschreiben, mit Kurse für Nähen, Rechnen, Reinigen. Besonders für Hauswirtschaftskurse sei die «Nachfrage riesig», erklärt Kursleiterin Astrid Uzor, gross auch das Interesse für Putzarbeiten auf Seiten von Kirchgemeinden und Privathaushalten. Von derzeit 36 Kursabsolventen stehen 10 in einem Arbeitsverhältnis – von vier Stunden wöchentlich bis zu 80 Prozent als Reinigungskraft.

Doch ist es laut Surber äusserst schwierig, Arbeits- oder auch nur Praktikumsstellen für die Flüchtlinge zu finden. Was weniger an den Betrieben liegt, sondern vielmehr an verschärften Bestimmungen und bürokratischen Hürden: «Die Arbeitsintegration von Flüchtlingen im Kanton St. Gallen ist sehr stark verwaltet.» Beispielsweise sei ein Praktikum abgelehnt worden, weil der Betrieb in Roggwil, also im Thurgau sei; habe eine bereitwillige Firma nicht zwei Monate auf eine Arbeitsbewilligung warten können; führte ein nicht bewilligter Schnupper-Halbtag zu einer Strafandrohung.

«So geht es nicht», sagt Surber, «das System muss geändert werden.» Die Solihaus-Leute fordern rasche Vereinfachungen und setzen auf politische Vorstösse. Das untätige Warten mache Menschen in Asylverfahren sehr zu schaffen. «Tage ohne Strukturen führen zu Symptomen wie bei Langzeitarbeitslosen. Wenn endlich ein positiver Entscheid vorliegt, ging wertvolle Zeit verloren. Auch Abgewiesene könnten brauchen, was sie gelernt haben, zum Beispiel Recycling.»

Neue Senioren gesucht

«Taten statt Worte» – die Fotoausstellung veranschaulicht die Geschichte und den Alltag des Hauses. Von den Anläufen mit «Solidarischen Weihnachten» in den Abbruchhäusern auf dem FHS-Areal und dem Mittagstisch im Cabi bis zu jüngsten Pingpong-Runden und gut belegten Mittagstischen. Und sie wird zur Widmung für ihren Mit-Realisator Ottokar Vydra, der am 22. August im 71. Altersjahr unerwartet verstorben ist. Vydra war es, der 2011 den ehemaligen Kindergarten in St. Fiden zusammen mit Flüchtlingen umbaute. «Ohne ihn, den begabten Planer, Bauleiter und Handwerker, gäbe es dieses Haus, so wie es ist, nicht», sagt Ursula Surber.

Engagiertes Personal finden sie im Solihaus immer wieder – für schulische Angebote jüngst etwa auch HSG-Studenten. Jedoch seien frisch Pensionierte, die ihr Fachwissen zur Verfügung stellten, stets willkommen. Angesichts der jüngsten Flüchtlingsnot und Asyldebatte mache man sich keine Illusionen über die Aufgaben der nächsten Jahre: «Natürlich wäre es schön, wenn es das Haus irgendwann einmal nicht mehr bräuchte…»