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FLÜCHTLINGE: Der Glarner in Arbon

SVP-Asylchef Andreas Glarner wollte die Schweiz mit Stacheldraht umzäunen. Am Neujahranlass der SVP Arbon spricht der Hardliner über seinen Besuch in einem Flüchtlingscamp und erklärt, warum er trotzdem hart bleiben muss.
Michael Genova
SVP-Asylchef Andreas Glarner will Flüchtlingen «vor Ort» helfen. (Bild: Reto Martin (Frasnacht, 4. Januar 2018))

SVP-Asylchef Andreas Glarner will Flüchtlingen «vor Ort» helfen. (Bild: Reto Martin (Frasnacht, 4. Januar 2018))

Michael Genova

michael.genova@ostschweiz-am-sonntag.ch

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Es ist eine ziemlich entwaffnende Einstiegsfrage an einen Parteifreund: «Woher stammt Ihre Putzfrau?», will Moderator und SVP-Kantonsrat Andrea Vonlan­then wissen. «Aus Oberwil-Lieli», antwortet der Aargauer SVP-Nationalrat Andreas Glarner. Erst als der Moderator nachhakt, ergänzt er: «Inzwischen ist sie Schweizerin, ursprünglich Filipina, glaube ich.»

Donnerstagabend, kurz vor 20 Uhr in der Mehrzweckhalle in Frasnacht. Von den Plastiktischdecken strahlt das SVP-Sünneli, es riecht nach frischem Kuchen, Kaffee und Bier. Andreas Glarner, verantwortlich für die Asyl- und Migrationspolitik der SVP, spricht am Neujahrstreffen der SVP Arbon. Der Titel seines Vortrags: «Asylpolitik zwischen Gutmenschen und Hardlinern.»

«Kopf hoch, statt Kopf ab»

Für die rund 100 Anwesenden besteht kein Zweifel, dass Glarner die Rolle des Hardliners einnehmen wird. Deshalb sind sie gekommen. Als Glarner 2015 für den Nationalrat kandidierte, drängte er sich mit martialischen Werbeplakaten in die Schlagzeilen. «Kopf hoch, statt Kopf ab!», hiess ein Slogan, bebildert mit einem blutigen Messer und dem schwarzen Banner des «Islamischen Staats». Als Gemeindeammann von Oberwil-Lieli wehrte er sich gegen die Aufnahme von Asylbewerbern und zahlte stattdessen Ersatz an den Kanton. Und als SVP-Asylchef forderte er, die Schweiz müsse sich mit Stacheldraht abriegeln.

In seiner Rede spricht Glarner über die 65 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind. Davon sei nur ein Bruchteil an Leib und Leben bedroht. Die Mehrheit wolle ihre Heimat aus rein wirtschaftlichen Gründen verlassen. «Europa kann und darf diese Leute nicht alle aufnehmen», fordert Glarner. Es folgt ein Staccato aus Zahlen und Fakten über die asylsuchenden Personen in der Schweiz, mündend in die Feststellung: «Irgendetwas läuft falsch. Wir wurden ein Zielland für Eritreer.» Wirklich schutzbedürftige Syrer nehme die Schweiz hingegen deutlich weniger auf.

Glarner wettert gegen die «Asyl- und Hilfsindustrie, die sich auslebt». Und er prophezeit, dass viele Gemeinden wegen der Sozialhilfeausgaben für Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene künftig auf finanzielle Schwierigkeiten zusteuern. «Das können wir nicht mehr bezahlen.» Fast beschwörend ruft er: «Wir dürfen uns nicht einreden lassen, dass wir falsch liegen.»

Sozi-Grossvater war sein grosses Vorbild

Glarners Werdegang ist bemerkenswert, der berufliche wie der politische. Der gelernte Ventilationsspengler baute erfolgreich zwei Unternehmen auf, verkaufte sie und wurde zum Millionär. Der Grossvater sei sein grosses Vorbild gewesen, erzählt er dem Publikum. «Obwohl er Mitglied der SP war.» Als Stadtrat der Aargauer Gemeinde Bremgarten habe er viel bewegt. Damals seien die Sozialdemokraten allerdings noch echte Büezer-Vertreter gewesen. «Das war, bevor sie zu Cüpli- und Sofa-Sozialisten wurden.»

Einen ähnlichen politischen Wandel wie die Familie Glarner hat auch Arbon durchgemacht. Einst war die Stadt in der ganzen Schweiz als das «rote Arbon» bekannt, und bis Ende der 1950er-Jahre wurde sie von einer sozialdemokratischen Mehrheit regiert. Doch mit dem Niedergang des Industrieunternehmens Saurer begann auch der Niedergang der Linken. Die SVP hingegen konnte in Arbon ihren Wähleranteil bei Nationalratswahlen in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppeln.

In der Pause spielt die Jugendmusik Arbon «Kriminal-Tango» von Hazy Osterwald und «Eye of the Tiger». Danach ertönt leise Ländlermusik aus den Lautsprechern. Ein SVP-Mitglied überrascht mit der Aussage: «Polterer haben mir nie viel gesagt, manchmal kommt man mit Sachlichkeit weiter.» Aber auch er sei der Meinung, dass der Bundesrat seine Hausaufgaben nicht erle­dige. Und eine Frau erklärt: «Sie müssen halt laut sein, damit sie gewählt werden.»

Glarner herzt Babys im Flüchtlingscamp

Während der Diskussionsrunde steigt die Erregung. Hinter den Fragen der Anwesenden verbergen sich Frustration und Enttäuschung. Ein Redner bezeichnet Justizministerin Simonetta Sommaruga als «Totengräberin der Schweiz». Er könne nicht ver­stehen, warum so viele Bundesparlamentarier Ja zur Umsetzung der Masseinwanderungs-Initiative gestimmt haben. Glarner erklärt: «Wir haben einen Bundesrat in der Vorstufe zur Demenz.»

Doch als ein weiterer Bürger wissen will, warum die Schweiz zusätzlich 80 Flüchtlinge aus libyschen Flüchtlingslagern aufnehmen wolle, wird Glarner plötzlich differenziert: Das sende vor Ort zwar ein falsches Signal aus. Doch es gebe tatsächlich Flüchtlinge, die besonders verletzlich seien. Das habe er 2016 bei seinem Besuch in einem griechischen Flüchtlingscamp gesehen. Glarner liess sich während des Besuchs vom «Blick» mit Flüchtlingsbabys auf dem Arm fotografieren. Der Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth titulierte ihn deshalb als «Heuchler des Jahrhunderts».

Doch Glarner sieht darin keinen Widerspruch. Er habe verschiedene Rollen, mal sei er Unternehmer, mal Politiker. «Und es gibt auch noch den Menschen.» Der Besuch des Flüchtlingscamps sei ihm nahe gegangen. Zu einer Änderung seiner Asylpolitik hat dies aber nicht geführt. Die Schweiz müsse vor Ort helfen, sagt er. «Ich hielt Kinder auf dem Arm, am liebsten hätte ich sie alle nach Hause gebracht.» Doch das gehe nicht, da müsse man hart bleiben.

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