Flüchtlinge als Betreuungshelfer

Das Rote Kreuz Kanton St. Gallen hat ein schweizweit einzigartiges Projekt gestartet: Flüchtlinge machen eine praktische Ausbildung in der Betreuung pflegebedürftiger Personen. Der Berufsverband Pflege ist nicht begeistert.

Adrian Vögele
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Theorie- und Sprachunterricht gehören zum Betreuungshelfer-Kurs des Roten Kreuzes St. Gallen. (Bild: pd)

Theorie- und Sprachunterricht gehören zum Betreuungshelfer-Kurs des Roten Kreuzes St. Gallen. (Bild: pd)

ST. GALLEN. Ein Flüchtling aus Eritrea unterhält sich in gebrochenem Deutsch mit einer betagten, demenzkranken Frau. Macht mit ihr Gedächtnisübungen, fragt, ob sie Dessert und Kaffee möchte, überbrückt Sprachbarrieren mit Gesten und einem Lächeln. Ihm gefalle die Arbeit mit älteren Menschen, sagt er.

Diese Szene in der Wohnanlage Gartenhof in Steinach war vor kurzem in der Sendung «10 vor 10» des Schweizer Fernsehens zu sehen – und sogar der deutsche Sender ARD berichtete über das Projekt des Roten Kreuzes St. Gallen (SRK): Der Eritreer ist einer von fünf Flüchtlingen, die ein sechsmonatiges Praktikum als Betreuungshelfer absolvieren oder bereits absolviert haben. Der Lehrgang ist neu und schweizweit einzigartig. Zu 80 Prozent arbeiten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer als Betreuer, hinzu kommt Deutschunterricht und theoretischer Unterricht beim SRK. Der erste Kurs endet am 24. September, im Oktober startet der nächste Lehrgang – sechs von zehn Plätzen sind bereits belegt.

«Sorgfältige Abklärungen»

Die Idee stammt von der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten (VSGP). Das Projekt schaffe eine Win-Win-Situation, sagt Roger Hochreutener, Geschäftsführer der VSGP. «Die Zahl der älteren Menschen, die Betreuung brauchen, steigt stark an. Zudem haben wir als Gemeinden die Aufgabe, Flüchtlinge und Asylsuchende möglichst gut zu integrieren.» Das bedeute aber nicht, dass nun wahllos Flüchtlinge in die Ausbildung des SRK geschickt würden: «Es wird sorgfältig abgeklärt, wer sich für die Betreuungsarbeit eignet.» Das geschieht in den sogenannten Repas-Stellen, die Arbeit an Flüchtlinge, vorläufig aufgenommene Personen und Sozialhilfeempfänger vermitteln.

Verband fürchtet Lohndruck

Dennoch übt die Ostschweizer Sektion des Berufsverbands Pflege Kritik. «Die Absicht des Projekts ist zwar lobenswert», sagt Präsidentin Martha Storchenegger, «doch mit Flüchtlingen als Praktikanten in der Betreuung lässt sich der Notstand beim Pflegepersonal nicht entschärfen». Es bestehe vor allem ein Mangel an qualifiziertem Personal. An Hilfspersonal fehle es hingegen nicht. Ein Unterschied sei, dass dieses in der Regel nicht so günstig arbeite wie die Flüchtlinge. «Wir befürchten, dass die Löhne des Pflegepersonals unter Druck geraten könnten, wenn das Modell verbreitet zur Anwendung kommt», sagt Storchenegger. Es stelle sich die Frage, ob man pflegebedürftigen Menschen ein Dasein in Würde ermöglichen wolle oder ob man sie nur als Kostenfaktor sehe.

Zudem ist laut Storchenegger fraglich, wie gross die Entlastung für das qualifizierte Personal in den Heimen tatsächlich ist. «Es kann sein, dass die Betreuung einer Praktikantin oder eines Praktikanten eher noch einen zusätzlichen Aufwand als eine Entlastung bedeutet.»

Die VSGP und das Rote Kreuz halten dagegen. «Die ersten Erfahrungen sind sehr positiv», sagt Daniela Paci, die das Projekt beim Roten Kreuz leitet. Die involvierten Institutionen seien sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit. «Alle Teams haben das Projekt als Bereicherung empfunden.»

Das bestätigt auch Roger Hochreutener: «Ausser der Kritik des Berufsverbands Pflege habe ich bisher nur positive Rückmeldungen erhalten – auch seitens der beteiligten Heime.» Diese würden zudem von den Gemeinden für ihren zusätzlichen Betreuungsaufwand finanziell entschädigt.

Respektvoller Umgang

Auch zur Frage der Würde von Pflegebedürftigen nimmt Hochreutener Stellung: «Von Personen aus Afrika oder Asien können wir unsererseits einiges lernen, was die Betreuung älterer Menschen angeht.» Die Flüchtlinge kämen meist aus Kulturen, in denen man den Betagten generell mit hohem Respekt begegne. «Dass wir die Pflegebedürftigen auf einen blossen Kostenfaktor reduzieren, davon kann keine Rede sein.»

Für die Flüchtlinge sei die Kurzausbildung eine der raren Möglichkeiten, in den Schweizer Arbeitsmarkt einzusteigen, sagt Hochreutener. «Sie können beispielsweise im Anschluss den Pflegehelfer-Kurs des Roten Kreuzes besuchen.» Einer der Absolventen des ersten Betreuungshelfer-Kurses habe sogar bereits eine feste Arbeitsstelle in Aussicht.