FLIESSGESCHWINDIGKEIT: Plötzlich ist die Glatt grün

Spaziergänger entlang der Glatt staunten gestern nicht schlecht. In einem der dreckigsten Flüsse des Kantons St. Gallen war während Stunden Farbstoff zu sehen. Dahinter steckten Messungen.

Patrick Baumann
Drucken
Teilen
Grün eingefärbte Glatt beim Kleinkraftwerk Eisenhammer bei Flawil. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Grün eingefärbte Glatt beim Kleinkraftwerk Eisenhammer bei Flawil. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Patrick Baumann

patrick.baumann

@tagblatt.ch

Um sechs Uhr morgens am Donnerstag werden in der Tobelmühle bei Gossau zwei Kilogramm Markierstoff in 20 Litern Wasser aufgelöst und in die Glatt gekippt. Das reicht, um den Fluss auf einer Länge von rund 15 Kilometern leuchtend grün zu färben. In den folgenden Stunden entnimmt das Amt für Wasser und Energie des Kantons St. Gallen Proben zwischen Gossau und Oberbüren. Ziel ist es, die mittlere Fliessgeschwindigkeit der Glatt zu bestimmen.

In den 1980er-Jahren war die Glatt überall stark verschmutzt. Seither hat sich viel getan – beim Ausbau der Kläranlagen beispielsweise. Trotzdem war die Glatt auch 2014 noch der am stärksten verschmutzte Fluss auf St. Galler Kantonsgebiet. Das grösste Problem waren die Mikroverunreinigungen; die sind unsichtbar. Im gleichen Jahr vermochte die Kanalisation in Degersheim nach heftigen Regenfällen die Wassermassen nicht mehr zu schlucken. Dies brachte das Auffangbecken für Schmutzwasser in der alten ARA zum Überlaufen: Das Dreckwasser gelangte in die Glatt. «Wir messen die Fliessgeschwindigkeit im Fluss, weil diese in einem solchen Fall oder bei einem Öl- oder Chemieunfall von entscheidender Bedeutung ist», sagt Silja Kempf, Leiterin des Fachbereichs Hydrometrie beim St. Galler Amt für Wasser und Energie. «Im Ernstfall geben unsere Messdaten den Einsatzkräften Aufschluss darüber, wie viel Zeit ihnen flussabwärts für Gegenmassnahmen bleibt.»

Am ersten von fünf Messpunkten entlang der Glatt steht Roland Brunner vom Geologiebüro Lienert & Haering. In der Nähe des Kleinwasserkraftwerks Eisenhammer entnimmt er alle vier Minuten ein kleines Glas Wasser aus dem grünen Fluss. «Der Farbstoff hat für den ersten Abschnitt rund eineinhalb Stunden gebraucht», sagt Brunner. Das Wasser ist also mit ungefähr 1,5 Kilometern pro Stunde geflossen. Der verwendete Farbstoff ist unbedenklich. «Es handelt sich um eine geruchlose Lebensmittelfarbe, die für Tiere und Pflanzen keine Gefahr darstellt.» Auch Badende haben nichts zu befürchten.

Das Grün baut sich durch Sonnenlicht ab

Roland Brunner entnimmt insgesamt 25 Proben und deponiert diese feinsäuberlich in einer Plastikkiste. Das Wasser in jedem der 25 Fläschchen leuchtet unterschiedlich grün. «Später rekonstruieren wir die Konzentration des Farbstoffs im Wasser zu unterschiedlichen Zeitpunkten», sagt der Fachmann. «So berechnen wir, wie schnell sich die Stoffe flussabwärts ausbreiten.» «Ausgewertet werden die Proben mittels Spektrometer in einem Labor in Bern.» Die Glatt ist nicht der erste Fluss im Kanton, der eingefärbt wird. Im vergangenen Jahr war an der Sitter die gleiche Prozedur durchgeführt worden. In Rhein und Thur sei die Fliessgeschwindigkeit ebenfalls bereits gemessen worden, sagt Silja Kempf.

Beim Farbstoff handelt es sich um Uranin. Dieses ist zuerst rot und wird erst beim Kontakt mit Wasser grün. Für Messgeräte wird das Uranin in der Glatt noch ein paar Tage lang nachweisbar sein. «Von blossem Auge wird man die Grünfärbung aber aufgrund der starken Verdünnung nicht mehr sehen können», sagt Kempf. Abgebaut wird der Markierstoff unter anderem durch die Sonneneinstrahlung. «Nahe der Wasseroberfläche zerstören die UV-Strahlen die Moleküle des Farbstoffs», sagt Kempf.