FLAWIL: Spielplätze werden zu Quartierpärken

2013 wurden erhebliche Mängel auf Flawiler Spielplätzen entdeckt. Die Gemeinde reagierte und baut nach und nach 18 Spielplätze komplett um. Unicef hat ihr unter anderem für dieses Projekt das Label «Kinderfreundliche Gemeinde» verliehen.

Chris Gilb
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Auch während der Ferien ist auf den neuen Flawiler Spielplätzen Betrieb: Sie bieten etwa Klettergerüste aus Holz, Barfusspfade und Weidentunnel. (Bild: Samuel Schalch (Flawil, 4. Oktober 2016))

Auch während der Ferien ist auf den neuen Flawiler Spielplätzen Betrieb: Sie bieten etwa Klettergerüste aus Holz, Barfusspfade und Weidentunnel. (Bild: Samuel Schalch (Flawil, 4. Oktober 2016))

FLAWIL. Wer am Bahnhof Flawil aus dem Zug steig, spürt einen Hauch von grosser Welt. Seit neustem hängt dort die blaue Flagge des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen Unicef. Seit Ende September ist Flawil eine von 22 Schweizer Gemeinden, die das Label «Kinderfreundliche Gemeinde» tragen. Im Oktober 2013 stellte die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) bei Spielgeräten auf Flawiler Spielplätzen erhebliche Mängel fest. «Das Holz war teilweise morsch oder der Durchmesser der Löcher in den Netzen entsprach nicht mehr der Norm», sagt René Bruderer, Geschäftsleiter Bau & Infrastruktur bei der Gemeinde Flawil. Statt punktuell die Spielgeräte zu erneuern, entschied sich die Gemeinde, Sofortmassnahmen zu ergreifen sowie ein komplettes Spiel- und Pausenplatzkonzept zu erarbeiten. Dieses wurde an den Vorgaben des Unicef- Labels «Kinderfreundliche Gemeinde» ausgerichtet. Dafür musste die Gemeinde unter anderem 500 Fragen beantworten, Workshops mit Kindern und Jugendlichen zur Ideenfindung durchführen und einen Aktionsplan ausarbeiten. «Es war nicht einfach, den Involvierten zu erklären, wieso wir 60 000 Franken in einen Aktionsplan investieren, statt zwei Rutschbahnen damit zu kaufen», sagt der Flawiler Schulratspräsident Christoph Ackermann. Aber es sei darum gegangen, eine nachhaltige Lösung zu finden. Am Aktionsplan arbeiteten auch Experten von zwei Hochschulen mit. Nebst dem Umbau von 18 Spielplätzen und Pärken in den nächsten vier Jahren sieht dieser auch den Ausbau der Mitbestimmungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen in der Gemeinde vor und die Schaffung von mehr Outdoor- und Indoor-Treffpunkten ohne Konsumzwang. «Das Unicef-Label wird nicht für den Ist-, sondern den Sollzustand verliehen. Nach vier Jahren wird die Umsetzung überprüft – und wir hoffentlich rezertifiziert», sagt Ackermann.

Weidentunnel, Baumhäuser und Wasserpumpen

Und Flawil ist schon fleissig dabei, Spielplätze umzubauen. Drei Spielplätze wurden in den letzten Monaten schon neu gestaltet, einer davon ist der Spielplatz des Kindergartens Grund. Wer Lust hat, kann am Eingang des Spielplatzes erst einmal die Schuhe ausziehen und über einen speziellen Barfusspfad über Hölzer und Steine zur Mitte des Spielplatzes laufen. Auf einem kleinen Hügel steht eine Pumpe, Holzbretter führen von ihr zum Sandkasten hinunter, so dass die Kinder über ihre eigene «Bewässerungsanlage» verfügen. Besonders stolz sind die Verantwortlichen auf den Weidentunnel, durch den die Kinder um die Wette kriechen können. «Alle unsere Erhebungen haben gezeigt, dass die Kinder sich Möglichkeiten wünschen, etwas gestalten zu können, die Spielangebote dürfen also nicht nur statisch sein», sagt Schulratspräsident Ackermann. Ein weiterer schon umgebauter Spielplatz ist jener der Schule Feld, der jetzt über ein geräumiges Baumhaus verfügt, ein grosses Klettergerät aus Holz und einen Pausenkiosk, der abwechselnd von einer anderen Klasse betreut wird. «Die Kinder und Jugendlichen sollen sagen können: Das ist unser und nicht irgendein Spielplatz. Deshalb helfen sie auch beim Bau mit und haben ihre Ideen anhand von selbstgebastelten Modellen eingebracht.» Finanziert wurde der Umbau der Spielplätze mit Unterstützung von Sponsoren. «Die Gemeinde hat für das laufende und das kommende Jahr zusätzlich insgesamt 250 000 Franken für die Umgestaltung budgetiert. Aber mehr als die Hälfte der Kosten sollte jeweils von Sponsoren beigesteuert werden», sagt Ackermann.

Doch die neuen Spielplätze und Pärke sollen nicht nur die Kinder erfreuen, sondern auch die Erwachsenen. «Wichtig ist, dass auch die Erwachsenen, die mit den Kindern den Spielplatz besuchen, sich wohlfühlen», sagt Bauchef Bruderer. Die Zugänge zu den angepassten Spielplätzen sind barrierefrei und ein extra konzipiertes Schild am Eingang weist daraufhin, dass diese für Jung und Alt offen stehen. «Es sind keine Spielplätze mehr, sondern Quartierpärke, die auch ausserhalb der Öffnungszeiten von Schulen und Kindergärten zugänglich sind und in diesen Zeiten auch schon rege genutzt werden», sagt Bruderer. Er zeigt auf eine Hecke am Rande des Spielplatzes Feld, die kürzer geschnitten wurde, um den Spielplatz von aussen sichtbarer zu machen.

Kanton unterstützte den Aktionsplan

Doch wer Spielplätze öffnet und die Gesellschaft einlädt, holt auch deren Probleme an Ort. Deshalb ist das Baumhaus auf dem Schulareal übers Wochenende geschlossen. «Es gab Vorfälle mit Vandalismus, wir arbeiten aber daran, es bald wieder durchgehend zu öffnen», sagt Ackermann. Unterstützung erhält die Gemeinde auch vom Kanton, das Amt für Gesundheitsvorsorge hat sich etwa an der Finanzierung des Aktionsplanes beteiligt. «Jedes Kind sollte sich mindestens eine Stunde pro Tag bewegen, am besten indem es mit Freunden gemeinsam etwas spielt; deshalb unterstützen wir solche Massnahmen wie in Flawil im Rahmen unseres Projektes <Gemeinde bewegt>», sagt Sabina Ruff vom Amt für Gesundheitsvorsorge. Flawil verspricht sich vom Label nicht nur ein besseres Zusammenleben in der Gemeinde, sondern auch mehr Attraktivität für Neuzuzüger. Gemeindepräsident Elmar Metzger sagte am vergangenen Neuzuzüger-Empfang, dass Flawil mit seinem Kinderanteil von 21 Prozent ein idealer Ort für Familien sei, was das Label bestätige.