Fischen bald nur noch Folklore?

Als katastrophal bezeichnen die Bodenseefischer die Fänge im laufenden Sommer. Das Wasser enthält nicht mehr genug Nährstoffe, die Felchen wachsen zu langsam. Dazu kommt der Hunger der zunehmenden Kormoranscharen.

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In der Fussacher Bucht wurden künstliche Kiesinseln angelegt. Die Kormorane haben sie als Flugbasis in bequemer Nähe zu den Fischgründen belegt und lassen andern Vogelarten kaum noch Platz. (Bild: gg)

In der Fussacher Bucht wurden künstliche Kiesinseln angelegt. Die Kormorane haben sie als Flugbasis in bequemer Nähe zu den Fischgründen belegt und lassen andern Vogelarten kaum noch Platz. (Bild: gg)

«Jetzt im August wäre eigentlich Vollerntezeit, normal wären um diese Zeit Felchenfänge von 50 bis 80 Kilo am Tag», sagt Berufsfischer Roger Welti aus Altenrhein. Die Situation des alten Berufsstandes spitzt sich aber dramatisch zu. «In Wirklichkeit müssen wir Glück haben, wenn wir derzeit 20 Kilo am Tag zusammenbringen. Und davon kann man nicht mehr leben.»

Einen gelegentlichen Zustupf bilden die Egli. Die Fänge der Vorarlberger sind noch befriedigend, nach Westen zu nehmen sie aber rapide ab. «Wir fangen vor Altenrhein noch einige, weiter Arbon zu aber wird es mit den Egli immer schlechter, manche Kollegen setzen die Bodennetze auf Barsche schon gar nicht mehr.» Eglifilets sind zudem teuer geworden, so dass sie manche Restaurants auch wegen des unregelmässigen Angebotes von der Karte nahmen. «Man muss dabei die viele Arbeit bedenken, bis zum Eglifilet fallen zwei Drittel des Lebendgewichts der Fische weg», erklärt Roger Welti.

Vollerwerb für eine Handvoll

Auch für die 14 noch tätigen Vorarlberger Seefischer ist die Situation nicht gerade rosig, nur noch eine Handvoll betreibt die Fischerei im Vollerwerb. Der Fussacher Franz Blum ist einer von ihnen. Auch er beklagt miserable Fänge. Mit 40 bis 50 Kilo Felchen pro Tag in den Maschen wäre er zufrieden, aber die letzten Wochen waren es nur noch um die zehn Kilo. Blum eröffnete ein kleines Fischrestaurant, um die Wertschöpfung zu erhöhen. Heuer musste er schon Zuchtforellen zukaufen, um seinen Gästen überhaupt etwas vorsetzen zu können.

Noch dramatischer scheint die Situation am deutschen Ufer zu treffen. «Wir fangen so gut wie gar nichts mehr», sagt der Langenargener Norbert Knöpfler, Obmann der Berufsfischer in Baden-Württemberg. «Im Schnitt sind es vielleicht acht bis neun Kilo pro Tag. Im ganzen Juli habe ich 120 Kilo Felchen gefangen», stellt er resignierend fest. Wenn man Glück habe und gerade einen Schwarm ins Netz bekomme, könne man ein paar Kilo Barsche fangen, aber am nächsten Tag seien dann die Maschen wieder gänzlich leer.

Nobert Knöpfler fragt sich, ob die Fischerei am Bodensee bald nur noch Folklore sein werde und ein paar Nebenerwerbsfischer als touristisch genutztes Alibi für die Bodenseelandschaft herhalten sollen.

Zu wenig Nährstoffe im Wasser

Knöpfler ist wie den Fischern an den anderen Ufern klar, dass die Hauptursache für den Rückgang der Fischbestände im stark zurückgedrängten Nährstoffgehalt des Wassers liegt. Er schrieb deshalb einen Brief an die baden-württembergische Regierung, in dem er um Überlegungen bittet, wie wieder mehr Phosphate in den See kämen, dessen Trinkwasserqualität deshalb nicht wesentlich beeinträchtigt würde.

Einen Silberstreif sieht Knöpfler in der Meinung von Rudolf Müller und anderer Schweizer Wissenschafter, die eine Phosphor-Untergrenze und ein Nährstoff-Management als «situationsgerechten Gewässerschutz» fordern. Herbert Löffler vom Seenforschungsinstitut in Langenargen hält dagegen, eine lineare Beziehung zwischen Phosphorgehalt und Fischertrag sei nicht erkennbar.

Ärgernis Kormorane

Je mehr die Fänge abnehmen, desto mehr wächst der Ärger der Fischer über die gefiederte Konkurrenz. «Natürlich spielen die Kormorane eine wichtige Rolle», sagt der Altenrheiner Roger Welti und ist mit seinen Schweizer Kollegen einer Meinung. «Sie fressen uns 200 Tonnen Fisch weg», schätzt Welti. «Derzeit fressen die riesigen Vogelschwärme vor unseren Augen die kleinen Egli, die im Mai schlüpften, zu Tausenden weg.» Welti will festgehalten haben, die Fischer seien nicht gegen die Kormorane, aber es seien einfach zu viele. In das Klagelied über die fischfressenden Vögel stimmt auch der Langenargener Knöpfler ein. «Jeden Morgen ziehen ganze Geschwader aus der Brutkolonie in Eriskirch Richtung Osten zum Fischen. Auf den Nistbäumen westlich von Friedrichshafen brachten rund 200 Paare im Schnitt zwei bis drei Junge auf die Welt. Das sind 400 Elternvögel – mit den nun flugfähigen Jungen beherbergt das Brutgebiet gegenwärtig um die 800 Kormorane, schätzt Knöpfler. Setzt man den Fischkonsum pro Vogel mit einem halben Kilo pro Tag an, fressen die Kormorane täglich 400 Kilo Fische – nach Adam Riese zwölf Tonnen pro Monat.

Vogelinseln besetzt

Am deutlichsten vor Augen haben die Vorarlberger Berufsfischer die tägliche Jagd der Kormorane. Vor dem Rheindelta geht die Post ab, wenn Schwärme von einigen hundert Vögeln ihr Kesseltreiben nach Fischen veranstalten.

Vorarlberg hat zwar als einziger Seeanrainer und trotz der Vogelschutzrichtlinie der EU wirksame Massnahmen gegen ein drohendes Ausufern der Kormoranbestände riskiert, dagegen wurden aber auf Drängen der Naturschützer künstliche Kiesinseln in die Fussacher Bucht geschüttet, die mittlerweile den Vögeln als bequeme und gesetzlich geschützte Versorgungsbasis nahe der Fischgründe dienen. Die Bruttätigkeit konnte zwar mit Abschüssen im Rahmen gehalten werden. Werde die Vergrämung aber eingestellt, so befürchten Experten, werde bereits im nächsten Jahr eine ausufernde Kolonie entstehen, die laut einer Untersuchung Potenzial für 4000 Vögel hätte. (gg)

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