FISCH DES JAHRES: Schuppenloser Felsenlecker

Das Bachneunauge tummelt sich auch im Kanton St. Gallen – allerdings nur noch im Linthgebiet. Das aalartige Tier hat die Dinosaurier überlebt und König Henry I. das Leben gekostet.

Mengia Albertin
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Ohne Kiefer und Wirbel: Das Bachneunauge frisst durch eine bezahnte Saugscheibe und hat ein knorpeliges Rückgrat. (Bild: DeAgostini/Getty)

Ohne Kiefer und Wirbel: Das Bachneunauge frisst durch eine bezahnte Saugscheibe und hat ein knorpeliges Rückgrat. (Bild: DeAgostini/Getty)

Mengia Albertin

ostschweiz@tagblatt.ch

In der Ostschweiz tummelt sich das Bachneunauge fast nur noch im Linthgebiet. Eine kleine Population lebt zwischen Berschis und Walenstadt, eine grössere im Raum Kaltbrunn und Schänis. Seit dem Jahr 2000 wurden zudem an der Thur zweimal Exemplare gesichtet, wie Christoph Birrer, Abteilungsleiter Fischerei des Amts für Natur, Jagd und Fischerei St. Gallen, sagt.

Mit seinem Aussehen bezirzt der Fisch des Jahres nicht unbedingt: Das Tier hat eine bezahnte Saugscheibe; es besitzt keine paarigen Flossen, sondern einen einfachen Flossensaum; Schuppen fehlen auf dem bis zwanzig Zentimeter langen Körper, die dicke Haut wird mit einer massigen Schleimschicht geschützt, und die Wirbelsäule ist nicht mit Knochen, sondern mit knorpelähnlichem Bindegewebe verstärkt. Wer sich aber von seinem etwas reizlosen Auftreten nicht abschrecken lässt, kann Erstaunliches über den Fisch erfahren. Das Bachneunauge behauptet sich seit 300 bis 500 Millionen Jahren in Gewässern. Es hat das Dinosaurierzeitalter überlebt und gehört zu den letzten Überlebenden der urtümlichsten Wirbeltiergruppen der Erde. In der langen Geschichte des Tieres finden sich weitere unerwartete Anekdoten: Im Mittelalter galt es zum Beispiel als Leckerbissen, und der englische König Henry I. soll an einem zu üppigen Festmahl mit Bachneunaugen gestorben sein.

Vor dem Tod lebt der Fisch von Wasser und Liebe

Das Bachneunauge war mit seiner Lebensart über Jahrmillionen erfolgreich. Mittlerweile steht es aber auf der roten Liste gefährdeter Tierarten. Auch in der Ostschweiz sei der Bestand in den letzten hundert Jahren stark zurückgegangen, sagt Christoph Birrer. «Ein Grund, dass das Bachneunauge vom Aussterben bedroht ist, ist die besondere Lebensweise.» Das gesamte Leben des Tieres spielt sich in zwei Lebensräumen ab. Die Jungtiere schlüpfen im groben Kies und lassen sich nach der Geburt zu weichem Feinsedimentboden treiben. Dort graben sie sich bis zu eineinhalb Zentimeter tief in den Sand. Drei bis fünf Jahre verbringen sie dort. Um sich zu ernähren, filtert das junge Bachneunauge Nährstoffe aus dem Wasser.

«Wenn die Tiere geschlechtsreif werden, sind sie circa fünfzehn bis zwanzig Zentimeter lang. Der Saugnapf bildet sich heran. Es entwickeln sich erst zu diesem Zeitpunkt die Augen. Die Geschlechtsmerkmale reifen heran. Zeitgleich bildet sich der Magen zurück», so Birrer. Nach dieser Metamorphose lebt der praktisch magenlose Fisch nur noch von Wasser und Liebe: Das unscheinbare Bachneunauge liebt Orgien. Zur Paarung schwimmt es bachaufwärts an seinen Geburtsort zurück. Mit dem Saugnapf platziert das Weibchen die Steine so, dass der Laich optimal abgelegt werden kann. Nach der «Fischhochzeit» stirbt das Bachneunauge.

Während der Paarungszeit von April bis Juni findet ein regelrechtes Getümmel mit bis zu einigen Dutzend Fischen statt. «Genau zu dieser Zeit stehen die Chancen am besten, einen Blick auf den aalähnlichen Fisch zu ergattern», sagt Birrer. Der silberne Knäuel nimmt aber jeweils auch die Farbe seiner Umgebung – bräunlich, oliv oder grau – an.

Gewässer muss möglichst unberührt bleiben

«Während diesem ganzen Prozess von drei bis fünf Jahren darf im Gewässer nichts passieren. Sonst wird der Kreislauf unterbrochen», sagt Birrer. «In der Schweiz wurden viele geeignete Bäche verbaut, begradigt oder eingedolt, um Siedlungsfläche zu gewinnen. Bei Hochwasser oder starken Strömungen können die Tiere mitgerissen werden. Auch bei den Umgrabungen sind die Bestände gefährdet.» Viele Gewässer seien ausserdem zu verschmutzt und zu warm für den Fisch. Das könne auch an den länger andauernden Trockenperioden mit tiefen Wasserständen liegen.

Mit der Wahl des Bachneunauges zum Fisch des Jahres will der Schweizerische Fischereiverband auf das allgemeine Fischsterben in der Schweiz hinweisen. Der Rückgang des Bestandes hat Ursachen, welche für andere Fischarten ebenfalls problematisch seien. Christoph Birrer ist der Ansicht, dass die Schweiz ohne natürliche und revitalisierte Gewässer immer mehr Fischarten verliere. «Das Bachneunauge steht stellvertretend als Mahnmal unserer Verantwortung der Natur gegenüber. Es sollte uns zu denken geben, dass der Artenrückgang so stark ist. Die Natur kann gut ohne uns leben, wir aber nicht ohne sie».