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Interview

FHS-Rektor Wörwag kritisiert Debatte über neue Ostschweizer Fachhochschule: «Wir reden zu sehr über Regionen»

Sebastian Wörwag, Rektor der Fachhochschule St.Gallen, fordert in Bezug auf die neue Ostschweizer Fachhochschule eine Debatte, in der es um Inhalte statt um Standorte geht. Im Interview spricht er über seinen Rücktrittsentscheid und appelliert ans Parlament.
Katharina Brenner, Andri Rostetter
«Wir sollten nie eine Region als Gewinner oder Verlierer hinstellen», sagt Sebastian Wörwag. (Bild: Urs Bucher)

«Wir sollten nie eine Region als Gewinner oder Verlierer hinstellen», sagt Sebastian Wörwag. (Bild: Urs Bucher)

Die neue Fachhochschule Ost nimmt langsam Konturen an. Klar ist: Das Rektorat kommt nach Rapperswil. Ist dieser Entscheid richtig?

Sebastian Wörwag: Die Ansiedelung eines Rektorats an einen Standort hat wohl mehr Symbolkraft, als dass es das praktische Tun beeinflussen wird. Die Leitung muss künftig an allen drei Hochschulen präsent sein. Es wird deshalb wohl nicht einen Rektoratsstandort geben und zwei Nebenstandorte, sondern eine hohe Präsenz aller Leitungspersonen an allen Standorten. Alle Standorte sind gleich wichtig.

Trotzdem: Haben Sie Verständnis für St.Galler Regionalpolitiker, die nicht wollen, dass ihre Schule von Rapperswil aus geleitet wird?

Ich habe viel Verständnis für jeden Regionalpolitiker, der versucht, für seine Region das Beste herauszuholen. Die Schweiz ist aber zu klein, als dass wir sie nochmals fragmentieren sollten. Die Ostschweiz sowieso. Wenn wir national und international besser wahrgenommen werden wollen, müssen wir regionalpolitisches Konkurrenzdenken überwinden.

Der Standort St.Gallen wird an Bedeutung verlieren.

Regionalpolitische Interessen sind in diesem Kanton sehr stark. Wenn wir eine Ostschweizer Fachhochschule wollen, sollten wir versuchen, diese Interessen hinter uns zu lassen. Ich sehe bei den drei Hochschulen eine grosse Bereitschaft, diesen Schritt zu gehen. Das Umfeld muss aber mitgehen.

Meinen Sie die Politik?

Unter anderem die Politik, aber nicht nur. Gefragt sind alle Akteure, die für eine starke Ostschweiz einstehen.

Es sind jedoch drei sehr unterschiedliche Regionen. Lässt sich das in einem dreijährigen Fusionsprozess überwinden?

Wir sitzen hier mitten in Europas grösstem länderübergreifenden Wissenschaftsraum. Mit der Internationalen Bodenseehochschule haben wir ein hervorragendes und bestens funktionierendes grenzüberschreitendes Netzwerk geschaffen. Was zwischen Nationalstaaten gelingt, muss auch innerhalb eines Kantons gelingen.

Sie haben nach dem Standortentscheid beschlossen, nicht in die neue Fachhochschule Ost einzutreten. Damit haben Sie die regionalpolitische Debatte zusätzlich befeuert.

Mein Entscheid hat keinen direkten Bezug zum Standortentscheid des Rektorats. Ich bin seit 16 Jahren Rektor der Fachhochschule St.Gallen. Ich stand vor der Abwägung, mich in der letzten Berufsphase nochmals neu zu orientieren. Bis zu meinem Austritt werde ich mich weiterhin für den Fusionsprozess und ein starkes Hochschulsystem einsetzen.

Was haben Sie danach vor?

Es ist noch zu früh, das zu sagen.

Haben Sie sich für die Leitung der Ost beworben?

Das Wahlverfahren läuft bis Ende April für die Rektorin beziehungsweise den Rektor und bis Ende November für die Hochschulleitung. Bewerbungsverfahren werden von der entsprechenden Kommission vertraulich behandelt, weshalb ich nichts darüber sagen kann.

Sie haben durchblicken lassen, dass Sie mit dem Verlauf des Fusionsprozesses nicht zufrieden sind.

Ich sehe grosse Chancen für den Fusionsprozess und bin ein starker Vertreter einer starken inhaltlichen Positionierung der neuen Hochschule mit einer departementalen Struktur. In der Diskussion der letzten Tage und Wochen bekommen die Standorte eine zu grosse Bedeutung. Wir müssen wieder mehr über eine gemeinsame Ostschweizer Fachhochschule reden, die sich inhaltlich herausragend positioniert – und nicht über die Frage, wer hat was in welcher Region.

Die Distanz zwischen den Standorten ist gross. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.

Ich träume von einer Hochschule, die innovativ und agil ist, ihre Leistungen dort anbietet, wo sie gebraucht werden, und die Regionen verbindet. Diese Struktur müssen wir ermöglichen. Das Territorialprinzip soll keine Rolle spielen.

Dann stimmen Sie der Kritik zu, dass der Fachbereich Informatik auch nach St.Gallen gehört hätte.

Das ist meines Erachtens die falsche Diskussion. Wir sollten nie eine Region als Gewinner oder Verlierer hinstellen, sondern darauf achten, wie wir die Mitarbeitenden mitnehmen können, neue Zusammenarbeitsachsen zu schaffen und sich für alle Regionen der Ostschweiz zu engagieren.

Die Debatte läuft falsch?

Aktuell reden wir vielleicht zu sehr über Regionen. Wir müssen mehr über Inhalte und die Ostschweiz reden und erreichen, dass es eine Ostschweiz gibt. Hierzu kann und soll die neue Ostschweizer Fachhochschule einen Beitrag leisten. Auch im Hinblick darauf, dass sich die Ostschweiz national gut positionieren kann. Wir werden national zu fragmentiert wahrgenommen.

Warum ist es Ihnen nicht gelungen, diese Vision einer alles umspannenden Fachhochschule Ost in den Köpfen festzusetzen?

Dass wir jetzt eine Trägervereinbarung unter den Ostschweizer Kantonen und mit dem Fürstentum haben, ist allein schon eine grosse Errungenschaft. Aber es muss noch weitergehen.

Müsste der Bildungsdirektor verstärkt als Vermittler auftreten?

Das kann keine Person alleine machen. Es braucht alle Akteure: die Praxis, die Regierung und, ganz wichtig, das Parlament. Wir sollten mehr nach dem Verbindenden statt nach dem Trennenden suchen. Partikularinteressen sollten sich dem Grossen und Ganzen unterordnen.

Bedauern Sie, dass Graubünden aus dem Ostschweizer Fachhochschul-Verbund ausgestiegen ist?

Ja. Graubünden gehört zur Ostschweiz. Aber die Bündner nehmen sich als Randkanton wahr. Die Distanzen zu den drei Hochschulen hier sind recht gross. Ich denke, sie sind auf einem guten Weg.

Die neue Fachhochschule Ost hat dadurch eine zusätzliche Konkurrenz im Süden.

Die Hochschulen sind oft weniger Konkurrenz, als man glaubt. Es sind gute nachbarschaftliche Verhältnisse.

Tatsächlich? Der Fachhochschulmarkt ist stark umkämpft.

Die Distanz zur Waschmaschine der Eltern ist nach wie vor ein wichtiges Kriterium bei der Hochschulwahl. Aber wir haben auch Walliser, die hier Wochenaufenthalter sind. Durch Absolvierendenbefragungen wissen wir, dass neben Distanz die Reputation der Hochschule sowie Inhalte und Methoden immer wichtiger werden.

Haben die Fachhochschulen gegenüber den Universitäten aufgeholt?

Ja, bei den Studierendenzahlen und in der Forschung. Die Fachhochschule St. Gallen leitet zum Beispiel das grösste nationale Forschungsprojekt zum Thema Alter, an dem die Universitäten Zürich, Genf und Bern mitarbeiten. Und im Februar hatten wir fast alle Architekturschulen der Schweiz zu einer Spring-School bei uns. Das wäre früher undenkbar gewesen.

Die neue Fachhochschule Ost wird trotz Fusion die zweitkleinste der Schweiz sein. Was bedeutet das für ihre Schlagkraft?

Grosse Hochschulen haben rigidere Strukturen. Sie sind grosse Tanker. Wir sind eher eine Fregatte, wir fahren schneller. Am Ende des Tages ist entscheidend, wie gut die Lehre und die Ergebnisse sind. Wir arbeiten intensiv interdisziplinär aus der festen Überzeugung, dass alles, was in der Welt passiert, keine einfachen und monodisziplinären Antworten mehr verträgt.

Gibt es zwischen Grösse und Reputation einen Zusammenhang?

Im Finanzierungssystem der Hochschulen spielt Grösse leider eine Rolle. Aber exzellente Hochschulen sind nicht immer die grossen.

Was muss der künftige Rektor oder die künftige Rektorin mitbringen?

Eine Hochschule ist nichts anderes als die Gesamtheit der Menschen, die dort arbeiten. Labors sind austauschbar, Menschen nicht. Es braucht kreative, visionäre Persönlichkeiten auf allen Ebenen.

Der vernetzte Rektor

Sebastian Wörwag, 1966 in Stuttgart ­geboren, ist seit 2002 Rektor der Fachhochschule St.Gallen. Nach Studium und Doktorat an der Uni St.Gallen machte er sich in den 1990er-Jahren mit den KS Kaderschulen selbstständig, die heute als grösste private Fachhochschule der Schweiz gelten. 2001 gründete Wörwag das Beratungsunternehmen Humanlogix AG, dessen Verwaltungsratspräsident er bis heute ist. Er ist Teil diverser Gremien in Bildung und Wirtschaft, unter anderem Vorstandsmitglied der Internationalen Bodenseehochschule und der Vereinigung Wirtschaft St.Gallen-Bodensee. (ar)

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