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Feuer im Dach wegen Halogenlampen

Justizgeschichten
Rolf Vetterli

In einem Mehrfamilienhaus wurde die Mansardenwohnung erneuert. Wenige Tage nach dem Umbau brach ein Brand aus und zerstörte den ganzen Dachstock. Dabei entstand ein Schaden von fast einer Million Franken. Die kriminaltechnischen Ermittlungen zeigten, dass die im Bad angebrachten Halogenleuchten die in die Zimmerdecke eingeblasenen Isolationsflocken erhitzten, bis diese zu glimmen anfingen. Die Glut frass sich langsam zum Dach durch, wo so viel Luft einströmte, dass das Feuer sich rasch ausbreitete.

Darauf erhob die Staatsanwaltschaft gegen einen Schreiner Anklage wegen fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst. In der Umschreibung dieses Delikts spürt man noch die Furcht vor den Naturgewalten heraus. In einer alten Definition hiess es, eine Feuersbrunst liege vor, wenn dem einzelnen «die Zügel des zerstörenden Elements entfallen» seien. Heute spricht man etwas nüchterner von einem Brand, den der Urheber nicht mehr zu bezwingen vermöge. Ein solches Feuer zu entfachen ist allerdings erst dann strafbar, wenn dadurch ein anderer geschädigt wird. Die Auszahlung einer Versicherungssumme gilt nicht als Schaden. Kleinbrände im häuslichen Bereich, die etwa durch ein eingeschaltetes Bügeleisen oder eine abgelegte Zigarette ausgelöst wurden, werden nicht strafrechtlich verfolgt, wenn die beschädigten, aber versicherten Gegenstände dem Verursacher gehören. Schuldig macht sich hingegen zum Beispiel die Wohnungsmieterin, die bei einem Schwatz leichtsinnig die Bratpfanne auf der Herdplatte vergisst, oder der Kioskbetreiber, der am Feierabend sorglos den Aschenbecher in den Abfallkübel ausleert. Besonders häufig belangt werden Bauhandwerker.

Hier traf es den Schreiner, der die Isolationsarbeiten ausführte. Ihm wurde Folgendes vorgeworfen: Als Fachmann sei ihm wohl bekannt gewesen, dass der aus Altpapier hergestellte, watteähnliche Dämmstoff nicht in der Nähe einer Hitzequelle ausgelegt werden dürfe. Bei einer Besichtigung der Baustelle habe er die Halogenspots gesehen und hätte sich erkundigen müssen, ob diese luftdicht in Brandschutzboxen verpackt seien. Stattdessen sei er zwei Tage später unbekümmert mit einer Stirnlampe auf den dunklen Dachboden gestiegen, habe dort nur ein paar alte Kabel sowie ein loses Brettchen erblickt und sich sogleich daran gemacht, mit Hilfe eines Schlauchs die ­Flocken in die Hohlräume einzufüllen.

Das Kreisgericht Rorschach sprach den Schreiner jedoch frei. Ihm sei ein eng begrenzter Auftrag erteilt worden. Er sei gar nicht befugt gewesen, sich in das Bauprojekt einzumischen und den Zustand der elektrischen Anlagen zu untersuchen. Der Bauleiter, ein auf Renovationen spezialisierter Architekt, und der Bauunternehmer, ein erfahrener Zimmermann, hätten selbst gewusst oder wenigstens wissen müssen, dass Zelluloseflocken sich entzünden können. Wenn sie trotzdem ohne Bedenken dieses Isoliermaterial wählten, habe der Schreiner darauf vertrauen dürfen, dass alle Voraussetzungen erfüllt seien. Der überraschte Staatsanwalt zog den Fall weiter. Das Kantonsgericht St. Gallen hiess seine Berufung gut und begründete das so: Der Schreiner sei als Experte für Wärmedämmung beigezogen worden und hätte in dieser Eigenschaft prüfen müssen, ob die Halogenleuchten abgedichtet seien. Das wäre ihm leicht gefallen; er hätte dafür nur zwei Federn der Lampenfassung zu lösen brauchen. Weil er auf diese einfache Nachforschung verzichtete, habe er sich unsorgfältig verhalten. Ein Fahrlässigkeitsdelikt könne eben nicht nur durch ein aktives Tun, sondern auch durch ein passives Unterlassen begangen werden, wenn der Beschuldigte auftragsgemäss dazu verpflichtet war, Dritte und ihre Sachen vor bestimmten Gefahren zu schützen. Unter diesen Umständen dürfe es offenbleiben, ob auch der Architekt und der Zimmermann über das Brandrisiko informiert gewesen seien und dieses ihrerseits vernachlässigt hätten. Es genüge festzustellen, dass der Schreiner durch sein Versäumnis eine Ursache gesetzt habe, die nicht hinweggedacht werden könne, ohne dass der eingetretene «Erfolg» entfiele. Mit einer Kontrolle der Beleuchtung hätte er den Brand sicher vermeiden können.

So wurde der Beschuldigte zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Gegen dieses Urteil hat er nun beim Bundesgericht Beschwerde eingelegt. Er ärgert sich wohl vor allem darüber, dass ihm die ganze Schuld an der Feuersbrunst zugeschoben worden ist: Er allein gilt als Brandstifter – die übrigen Beteiligten sind Biedermänner geblieben.

Rolf Vetterli

Ehemaliger Kantonsrichter St. Gallen

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