«On se connaît? – kennen wir uns?»: So wird der St.Galler Festtag am grössten Winzerfest der Schweiz

Heute Donnerstag beginnt die Fête des Vignerons, das grösste Winzerfest der Schweiz, in Vevey: Es dauert bis zum 11. August. Der Kanton St.Gallen eröffnet den Ostschweizer Auftrittsreigen.

Regula Weik, Christoph Zweili
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Bild von der Generalprobe vom Mittwoch am Fête des Vignerons. (Bild: Laurent Gillieron, Keystone)

Bild von der Generalprobe vom Mittwoch am Fête des Vignerons. (Bild: Laurent Gillieron, Keystone)

Weshalb ist der Kanton St. Gallen Gast am Winzerfest?

Die Organisatoren der Fête des Vignerons suchen erstmals den Brückenschlag in alle Sprachregionen der Schweiz: Sämtliche Kantone sind als Ehrengäste eingeladen. Der spezielle St. Galler Festtag ist kommenden Sonntag, 21. Juli. Es ist quasi ein Gegenbesuch: Die Fête des Vignerons war Ehrengast an der letztjährigen Olma. Verbindendes Element zwischen dem Westschweizer und dem Ostschweizer Kanton ist denn auch der Wein.


Was bieten die St.Galler in Vevey?

Eine Ehrendelegation mit Vertreterin und Vertretern der Regierung sowie weiteren Personen aus Politik, Wirtschaft und Kultur reist mit dem Zug um 5.04 Uhr in St. Gallen ab. Frühaufsteher, die den Kanton in Vevey mitrepräsentieren wollen, können sich der Delegation anschliessen. Unter dem Motto «On se connaît? – kennen wir uns?» bringt der Ehrengast viel Kultur mit: Stadtmusik St. Gallen, «Brandhölzler Striichmusig», skurriles Theaterschaffen mit «Compagnie Buffpaier & Co.», Balkansoul mit «Goran Kovacevic & Peter Lenzin», Quartett Fiera Brandella, Tanzeinlagen mit «LaFam Crew», Figurenkiste von «Paradisnikow Konzentrat». So viel Kultur macht durstig: Die St.Galler bringen 19 Weine vom Pinot Noir bis zum Merlot mit. Live-Videoübertragungen ermöglichen digitale Einblicke in den Kanton. Seinen Auftritt lässt sich der Kanton St.Gallen 240'000 Franken kosten.


Wann haben die andern Ostschweizer Kantone ihren Auftritt?

Der Thurgauer Festtag ist am Montag, 5. August. Getreu dem Motto «Thurgovie – bien plus que des pommes» produzieren unter anderem neun Selbstkelterer gemeinsam einen Wein aus der Sorte Müller-Thurgau. Gesucht wird der Brückenschlag zwischen Ost und West, zwischen Bodensee und Lac Lémann. Die beiden Appenzell präsentieren am Freitag, 9. August, appenzellisches Handwerk von Haarflechterinnen, Handstrickern, Chüelischnitzern, über Weissküfer Reiflern bis zu Hackbrettbauern. Auch die drei berühmten Appenzeller «ist und bleibt geheim» sind vor Ort.


Was unterscheidet Fete und Olma?

Die Olma wirkt neben der Fete des Vignerons nahezu jugendlich. Ihre Premiere fand 1943 statt, die Wurzeln des Festes reichen dagegen ins 17. Jahrhundert zurück. Die Fete ist rar, sie wird erst zum zwölften Mal durchgeführt; die Olma findet jedes Jahr statt. In Vevey werden zwischen 18. Juli und 11. August über 800'000 Besucher erwartet; rund 350'000 Personen hatte es vergangenen Herbst während der elf Messetag an die Olma gezogen. Die Fête des Vignerons ist Unesco-Welterbe – da mag das «St. Galler Kulturgut» definitiv nicht mithalten.


Was ist zentral an der Fête?

Herzstück des Festes sind weder die kantonalen Nabelschauen noch die kulinarischen Leckerbissen: Es ist das Schauspiel. Auf dem Marktplatz von Vevey wurde eigens dafür eine temporäre Arena mit 20000 Sitzplätzen gebaut. Der künstlerische Leiter Daniele Finzi Pasca spricht von «einer Mischung zwischen einer gigantischen Oper und einer olympischen Zeremonie». Der Vergleich kommt nicht von ungefähr: Der Italiener hat unter anderem die Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele in Sotschi inszeniert.


Wer spielt beim Spektakel mit?

5500 Schauspieler und Chorsänger wirken beim zweieinhalbstündigen Spektakel mit – grösstenteils Laien. Teilweise nehmen ganze Familien teil. Abgewiesen wird niemand: Wer den Aufwand auf sich nimmt, soll auch mitmachen können. Anhand der Geschichte eines Mädchens wird die alltägliche Winzerarbeit im Lavaux nachgezeichnet. Ein besonderer Moment in der Aufführung wird das jahrhundertealte Lied der Kuhhirten und Sennen «Ranz des vaches» sein – die inoffizielle Hymne der Westschweiz.


Was hat es mit dem Kostüm-Skandal auf sich?

Die Darstellerinnen und Darsteller müssen ihr mehrteiliges Kostüm selber berappen. Als bekannt wurde, dass ein Grossteil der Kleider in Italien fabriziert wird, empörte sich die Vereinigung der Westschweizer Schneiderinnen. Die Organisatoren betonten, ein Teil der Schneiderarbeiten falle in der Schweiz an – und führten vor allem die Kosten ins Feld. «In Italien kostet alles zusammen rund 1500 Euro, in der Schweiz locker das Doppelte», werden sie in der NZZ zitiert. «Das können wir einer Familie nicht zumuten.»


Wie viel kostet die Fête?

Das Festbudget beträgt fast 100 Millionen Franken. Die Ticketeinnahmen aus dem Schauspiel – die Karten kosten zwischen 79 und 299 Franken – decken einen beträchtlichen Teil. Hinzu kommen Gelder von Sponsoren, etwa von Nestlé. Das Unternehmen hat den Hauptsitz in Vevey. Es verbindet eine lange Tradition mit dem Fest: Mitarbeiter, die sich ehrenamtlich dafür engagieren, profitieren von einer speziellen Arbeitszeit- und Ferienregelung.


Braucht es ein Eintrittsbillett?

Das Fest ist öffentlich und gratis. Wer allerdings eine der Vorführungen in der Arena sehen will, braucht ein Ticket: www.fetedesvignerons.ch


Zum wievielten Mal wird die Fête des Vignerons durchgeführt?

Ihre Wurzeln reichen zurück bis ins 17. Jahrhundert – in der «modernen» Form wurde sie 1797 erstmals zum Weinfest, eng verbunden mit der Landschaft des Weingebiets Lavaux. Die Fête des Vignerons von 2019 ist erst die zwölfte Durchführung. Das letzte Fest fand 1999 statt. Vevey sei für zwei Wochen «die Hauptstadt des Landes und ein nationales Symbol», wurde die damalige Bundespräsidentin Ruth Dreifuss nach der Eröffnung im St. Galler Tagblatt vom 30. Juli 1999 zitiert. Das Winzerfest gehört seit 2016 zum immateriellen Kulturerbe der Unesco.

Lebensfreude pur: Der 2008 verstorbene St. Galler Bundesrat Kurt Furgler lässt sich an der Fête 1977 von der Menge feiern. (Bild: Keystone)

Lebensfreude pur: Der 2008 verstorbene St. Galler Bundesrat Kurt Furgler lässt sich an der Fête 1977 von der Menge feiern. (Bild: Keystone)


Was verbindet Vevey mit Grönland?

Vevey steht neben Städten und Regionen wie Mexico City, Dakar, Grönland und Französisch-Polynesien auf der Liste der 28 besten Reiseziele 2019. Das renommierte Magazin National Geographic hat die Weinberge des Lavaux zu seinen diesjährigen Lieblingszielen erklärt – der Fête des Vignerons sei Dank.

Olma 2018: Verbrüderung beim Wein

Für einmal ist der Ehrengast kein Kanton und kein Land, sondern der Wein – 
vertreten durch die «Fête des Vignerons» aus Vevey und heimische Gewächse.
Silvan Lüchinger