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FESTIVAL: Grandezza, Spielverderber, Weltformat

Viel Gitarre, viel junges Gemüse und ein paar nimmermüde Saftwurzeln: Mit dem diesjährigen Programm setzt das Open Air St. Gallen auf bewährte Tugenden. Mehr liegt auch nicht drin – was nicht weiter schlimm ist.
Andri Rostetter
Depeche Mode, Nine Inch Nails, The Killers, Chvurches: grosse Namen und vielversprechende Newcomer am St. Galler Open Air 2018. (Bild: Collage: Elena Freydl)

Depeche Mode, Nine Inch Nails, The Killers, Chvurches: grosse Namen und vielversprechende Newcomer am St. Galler Open Air 2018. (Bild: Collage: Elena Freydl)

Andri Rostetter

andri.rostetter@tagblatt.ch

Es war die entscheidende Frage der neuen Festivalsaison: Hat Christof Huber noch genug Geld in der Tasche, um ein anständiges Programm für das Sittertobel zu zimmern? Oder hat sich der St. Galler Festivalchef mit der Verpflichtung von Depeche Mode finanziell schon derart verausgabt, dass er nun auf C-Bühnen Nachwuchsbands zusammenkratzen muss? Nachdem das Open Air St. Gallen bereits Mitte November die Zusage der britischen Superstars verkünden konnte, musste davon ausgegangen werden, dass die Festivalleitung nur noch beschränkten Spielraum hatte, zumindest was die finanziellen Möglichkeiten anging. In der Branche redet zwar niemand offen über Gagen, aber verschiedene Schätzungen gehen davon aus, dass die Synthpop-Titaten kaum unter 750000 Franken zu haben sind – genug Geld, um mehrere Kleinfestivals mit durchaus tauglichen Bands zu veranstalten. Diese Summe ist für eine knapp zweistündige Show obszön hoch und angemessen zugleich: Depeche Mode sind zwar längst nicht mehr die Posterboys einer ganzen Pop-Generation wie noch um 1990 (das Erscheinungsjahr ihres überragenden Albums «Violator»), aber nach wie vor eine der weltweit wichtigsten Bands der letzten 40 Jahren. So gesehen muss sich im Sittertobel niemand für diese Verpflichtung rechtfertigen.

Und dass etwas Geld übriggeblieben ist, lässt sich seit gestern am Programm ablesen. Da sind nochmals zwei, drei grosse Namen hinzugekommen, angefangen bei Nine Inch Nails, eigentlich keine Band, sondern vielmehr das seit 1988 dauernde Projekt des US-Amerikaners Trent Reznor. Der Multiinstrumentalist, der nach 2009 zum zweiten Mal ins Tobel kommt, hat in den vergangenen drei Jahrzehnten ein ebenso komplexes wie populäres Werk geschaffen, das ihn zu einem der einflussreichsten Musiker des Industrial-Rock werden liess und ihm auch abseits der Konzertbühnen Ruhm und Geld einbrachte: 2011 gewann er den Oscar für den besten Soundtrack (zu David Finchers Facebook-Drama «The Social Network»), seit 2015 ist er Kreativchef bei Apple Music. Im gleichen Jahr wählte ihn die Redaktion des «Rolling Stone» unter die 100 grössten Musiker aller Zeiten.

Künstlerisch in trüben Tümpeln

Reznors Fangemeinde ist noch ein wenig älter als jene von The Killers, dem dritten grossen Namen des diesjährigen Festivals im Sittertobel. Vor etwas mehr als zehn Jahren zählte die Band aus Las Vegas zu den ganz grossen US-Nummern – es war die Zeit, als The Killers erstmals in St. Gallen spielen sollte: 2005 war die Band fix für das Tobel gebucht, sagte jedoch eine Woche vor dem Festival ab. Heute sind die Gitarrenrocker weit nicht mehr so gefragt wie damals, die Band dümpelt künstlerisch seit Jahren in eher trüben Tümpeln. Ihre Qualitäten hat sie dennoch, dank zeitlosen Song-Klassikern wie «Read My Mind», «Mr. Brightside» oder «When You Were Young» und dem Charisma des Leadsängers Brandon Flowers, der problemlos in der Lage ist, ein Tobel mit 30000 Leuten zum Glühen zu bringen. Auch Nine Inch Nails und The Killers sind alles andere als günstig zu haben – und doch: Ein gelungenes Musikfestival hängt nicht allein am Geld und an grossen Namen. In St. Gallen weiss man das nur zu gut. Hier wurden schon vermeintliche Helden zu Spielverderbern oder Beinahekatastrophen (Herbert Grönemeyer 1989 und Metallica 1999), gleichzeitig lässt die Sitterbühne immer wieder müde Altstars zu alter Grandezza zurückfinden oder Newcomer zu Weltformat auflaufen.

Die Festivalmacher müssen sich längst nicht nur mit explodierenden Gagen herumschlagen, die sich mittlerweile – als Ausgleich zum erodierenden Tonträger- und wenig einträglichen Streaming-Geschäft – als Standard etabliert haben. St. Gallen steht in direkter Konkurrenz zu anderen internationalen Festivals in ganz Europa, die teils am gleichen Wochenende um die gleichen Künstler buhlen. Etliche Veranstalter haben sich deshalb zu eigentlichen Selbsthilfeverbänden zusammengeschlossen; das Open Air St. Gallen arbeitet seit 2015 unter dem Dach der Wepromote-Holding zusammen mit sechs anderen Veranstaltern und Bookingagenturen, darunter das Berner Gurten-Festival. Operativ treten die Festivals zwar weiterhin unter eigenem Namen auf, aber im Hintergrund wurden die Strukturen enger verflochten, die Programme abgestimmt, die Marktmacht verstärkt. Einen komplett anderen Weg hat das Open Air Frauenfeld eingeschlagen: Vergangenen Sommer kaufte der US-Medienkonzern Live Nation Entertainment das Hip-Hop-Festival auf der Allmend.

Massenhaft auftauchende Youtube-Stars

Wie gut ein Festival wird, liegt aber nach wie vor zu einem guten Teil am Können und Wissen der Planer: Welche Bands funktionieren zu welcher Tageszeit auf welcher Bühne? Was funktioniert nacheinander, was parallel auf den diversen Bühnen? Welcher Genremix spricht das Publikum an? Wie holt man Besuchernachwuchs ans Festival, ohne die treuen Tobel-Fans zu vergraulen? Ob dieser Spagat klappt, hängt dieses Jahr unter anderem von den Elektropopper Chvrches aus Glasgow, dem schwedische Indiepop-Duo First Aid Kit oder den Alaska-Rocker Portugal The Man ab, junge Bands mit offensichtlichem Potenzial und teils Welthits im Gepäck. Festivalchef Huber hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass er aus den massenhaft auftauchenden Youtube-Stars jene herausfiltert, die auf grossen Bühnen nicht untergehen oder gar über sich hinauswachsen (wie letztes Jahr der britische Newcomer Passenger). Und dass ein Festival eben auch ein Fest sein muss, ist in St. Gallen ebenfalls Teil des planerischen Gedankenguts: Ins Programm durfte deshalb auch junger Deutschpunk mit politischem Anspruch (Feine Sahne Fischfilet), Partyhouse aus Frankreich (Kung), Brachial-Elektro aus dem Allgäu (Drunken Masters) und türkisch grundierter Hip-Hop aus Berlin (Ufo361).Die lokale Talentförderer-Seele beruhigt man mit diversen Lokalgrössen (vom Bündner Band-X-Ost-Gewinner Kaufmann über das schon arrivierte St. Galler Frauentrio Velvet Two Stripes bis zum Rheintaler Crimer).

Das will alles nicht so richtig zusammenpassen – und ist gerade deshalb ein Versprechen: Dieses Programm riecht nicht nach Routine und Orientierungslosigkeit, sondern nach einem liebenswürdigen Versuch, etwas zu experimentieren und es doch allen ein bisschen recht zu machen. Kaum ein Festival hat damit so viel Erfahrung wie St. Gallen. Und die Chancen stehen gut, dass es dieses Jahr einmal mehr gelingen könnte.

Hinweis

Lesen Sie auf Seite 13 das Porträt über Kurt Uenala, den gebürtigen Thurgauer und Produzenten von Depeche Mode.

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