FESTIVAL: Feuerwerk mit Goldjunge

The Weeknd aus Kanada lieferte den Höhepunkt eines Frauenfelder Open Airs, an dem es die Rapveteranen schwer hatten.

Kaspar Enz
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Nas aus New York rappt auf der Allmend die grössten Hits aus 23 Jahren. (Bild: Nick Soland/Keystone)

Nas aus New York rappt auf der Allmend die grössten Hits aus 23 Jahren. (Bild: Nick Soland/Keystone)

Kaspar Enz

kaspar.enz@ostschweiz-am-sonntag.ch

Ein Feuerwerk hatte sich angekündigt. Der deutsche Rapper Casper hatte auf der Bühne nebenan kaum begonnen, da brachten sich vor der noch leeren Hauptbühne bereits Hunderte in Stellung, hoffentlich noch vor dem Ansturm der Massen. Als der, auf den sie gewartet hatten, mit einem Knall die Bühne betrat, war selbst weit hinten kein Durchkommen mehr. Und bald leuchtete irgendwo im Menschenmeer die erste Fackel. «Hey, Schweiz, seid Ihr verrückt?», fragte The Weeknd von der Bühne. Eine Stunde später übertönte ein minutenlanges Feuerwerk beinahe seinen Gesang.

Einst schien es schwer vorstellbar, dass Abel Makkonen Tesfaye aus Toronto einmal auf so einer Bühne stehen würde, als unbestreitbarer Headliner des grössten Hip-Hop-Festivals Europas. The Weeknds erste Veröffentlichungen Anfang der 2010er-Jahre klangen nach einem scheuen Einzelgänger, der seine Einsamkeit damit vertreibt, im Kämmerlein über Exzesse zu singen. Doch es war eher der Klang des Katers als der der Party selbst, den er aus Synthpop, Michael Jackson und den schleppenden Beats aktueller Hip-Hop-Produktionen destillierte.

Ein Jackson ohne Moonwalk

Das Konzert in der Freitagnacht begann mit einem Knall und mit dem vom französischen House-Duo Daft Punk gezimmerten Discofunk von Starboy. Über The Weeknd schwebte wie ein Raumschiff eine eckige Konstruktion, an der die Lichter entlangblitzten. Dahinter, etwas versteckt, die Band. Vorne schossen Rauchpfeile von der Bühne. Dabei trat er selber ziemlich schlicht auf, schmucklos im schwarzen T-Shirt. Auf Material von seinen frühen Alben verzichtete der Kanadier weitgehend, doch in der ersten Hälfte des Konzerts schimmerte bei Songs wie «Acquainted» oder «Party Monster» trotzdem noch etwas von der Zerbrechlichkeit des frühen Weeknd durch. Schwer hängen die Synthie­schwaden in den schleppenden Rhythmen, darüber huschen seine distanzierten, aber eingängige Soulmelodien. So wärmt er das Publikum auf für das Hitfeuerwerk, das er mit «In The Night» lostritt. Schien das Bühnenbild vorher noch fast zu gross für die sperrigen Songs, wirkte The Weeknd nun fast zu unscheinbar für die grossen Popgesten von Hits wie «Rockin» oder «I Can’t Feel My Face». Die rufen zwar immer wieder Michael Jackson in den 1980ern in Erinnerung, doch zu einem Moonwalk lässt sich The Weeknd nicht hinreissen. Und nach dem echten Feuerwerk zu «I Feel It Coming» ist der Vulkan auch schon wieder erloschen. Noch eine Ballade zum Abschluss, nach einer guten Stunde verlässt der 27-Jährige die Bühne.

The Roots blicken weit zurück

In der Nacht zuvor war der Platz vor der Hauptbühne deutlich weniger dicht besetzt. Die Bühne hingegen war proppenvoll. Bläser, Backgroundsänger und weitere Musiker ergänzten die Kernbesetzung der Roots aus Philadelphia beinahe zur Big Band. Und zuvorderst auf der Rampe stand Usher. Einst vertraten sie fast verfeindete Lager: Hier die Lieblingsband des Untergrunds, dort der Schnulzensänger aus Puff Daddys Hitfabrik. Heute, 20 Jahre später, sind die alten Differenzen begraben. Denn wie viele Vertreter ihrer Generation suchten beide beim Altern ihre Inspiration weiter in der Vergangenheit. Vor 30 Jahren begannen die Roots als Hip-Hop-Gruppe mit Liveinstrumenten. Heute sind sie die Hausband der Late-Night-Show des US-Komikers Jimmy Fallon, und verweben an ihren Konzerten schon seit längerem Hip Hop mit Jazz, Funk und Soul. So machten sie mit der erweiterten Besetzung aus Ushers Hits wie «Make Me Wanna» Motownsound und Phillysoul. Wer sich der Spielfreude der Band und Ushers Gesangskünsten hingab, hatte seine helle Freude. Doch für das Publikum, grad so alt wie die ersten Hits der Künstler, war es bald zu viel Gedudel um der Kunst willen. Als die Band Ushers «Love In This Club» aber zu einer treibenden Reggaenummer umbaute, geriet die Schlussphase des Konzerts doch noch zum ausgelassenen Fest.

Nicht ganz einfach hatten es auch die anderen Vertreter der alten Schule. Talib Kweli kam gestern Nachmittag mit der Blaskapelle The Soul Rebels aus New Orleans in die Allmend. Doch nur ein versprengtes Häufchen wollte die Verbindung aus Rap und Mardi Gras hören. Nas verzichtete am Freitagabend auf Experimente. Ohne Firlefanz trug er die grössten Erfolge seiner 23-jährigen Karriere vor. Publikum hatte er genug – dass er ein ausgewiesener Entertainer ist, hat er in Frauenfeld schon mehrfach bewiesen. Doch auch seine lange Routine bewahrte ihn nicht vor einigen Längen.

Deutschrock mit Sprechgesang

Besser kam da der Deutsche Casper an. Unterstützt von einer Band und einer fulminanten Bühnenshow hatte er das Publikum bis zum Schluss fest im Griff. Doch seine Musik hat mit Deutschrock mehr zu tun als mit dem klassischen Hip Hop eines Nas. Und bei den Franzosen MHD und Maître Gims war der Einfluss von aktuellem Afropop nicht zu überhören. Die Britin Lady Leshurr hingegen begann ihre Show mit einer Version des Reggaeklassikers «Bam Bam», bevor sie das Publikum mit ihren «Queen’s Speeches» zum Zähneputzen aufrief und gleich von Anfang an zum Hüpfen brachte – typisch für England, wo Hip Hop schon immer sehr jamaikanisch klang.

Seit rund 40 Jahren gibt es den Hip Hop schon, und so lange wird er immer wieder irgendwo neu definiert. Das hört man auch auf den Bühnen des grössten Hip-Hop-Festivals Europas – mit jeder neuen Verästelung wird das Frauenfelder Open Air vielfältiger.

www. Videos, Bilder, Blog und viele andere Geschichten zum Open Air unter www.ostschweiz-am-sonntag.ch/oaf