Schule
St.Galler Regierung möchte Mittelschüler und Berufsfachschüler bis Mitte Januar zu Hause behalten – Thurgau und beide Appenzell verzichten auf Fernunterricht

Ein Schreiben von Bildungschef Stefan Kölliker an die Lehrpersonen im Kanton St.Gallen zeigt: Die Regierung sieht nach den Weihnachtsferien Fernunterricht ab der Sekundarstufe II vor – für zwei Wochen. Im Thurgau und den beiden Appenzeller Kantonen ist Fernunterricht vorerst kein Thema.

Linda Müntener, Alain Rutishauser
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Bald nicht mehr im Klassenzimmer: Die Schülerinnen und Schüler ab Sekstufe II sollen nach den Weihnachtsferien zu Hause lernen.

Bald nicht mehr im Klassenzimmer: Die Schülerinnen und Schüler ab Sekstufe II sollen nach den Weihnachtsferien zu Hause lernen.

Bild: Britta Gut

«In der Covid-19-Pandemie überschlagen sich zurzeit die Entwicklung und die Dispositionen der Behörden in Bund und Kantonen.» So beginnt das Schreiben von Bildungschef Stefan Kölliker an die Lehrpersonen im Kanton St.Gallen, das dieser Zeitung vorliegt. Die Situation sei vor allem auch für die Bildung herausfordernd. «Wir sind uns bewusst, dass wir einerseits alles daran setzen müssen, dass die jungen Menschen nicht ungerechtfertigt unter der Situation leiden, dass aber anderseits der weit vernetzte Schulbereich nicht zur Ursache für die Gefährdung der Gesundheit der Gesellschaft wird.» Wie aus dem Schreiben hervorgeht, soll der Unterricht ab der Stufe «Sek II» deshalb bald zu Hause stattfinden:

«Aufgrund der ungünstigen pandemischen Entwicklung bereiten Regierung und Bildungsrat zurzeit für unseren Kanton für die Sekundarstufe II (Mittelschulen und Berufsfachschulen) einen Start nach den Weihnachtsferien im Fernunterricht für wenigstens zwei Wochen bis Mitte Januar 2021 vor.»

Ob der Bund kurzfristig in den Bildungsbereich eingreife, sei offen und «jedenfalls im Moment nicht geplant». Damit liege der Ball beim Kanton.

Verschärfung der Situation soll verhindert werden

Die Massnahme werde umgesetzt, soweit nicht kurzfristig eine «starke Wirkung der jetzt geltenden Massnahmen für die Gesellschaft» festgestellt werden könnte. Man wolle verhindern, dass Schülerinnen und Schüler Ansteckungen während der Feiertage in die Schulhäuser tragen – und damit die Situation in den Spitälern weiter verschärfen. Kölliker rät den Empfängerinnen und Empfängern des Schreibens, sich jetzt schon auf den Fernunterricht vorzubereiten.

Für besondere Konstellationen wie etwa notwendige Prüfungen oder Qualifikationsverfahren sieht die Regierung Ausnahmen vom Präsenzverbot vor. Diese werden durch die zuständigen Ämter im Detail kommuniziert.

Regierung hält an Präsenzunterricht für Kindergarten und Primarschule fest

Die St.Galler Regierung und der St.Galler Bildungsrat begrüssen grundsätzlich die offene Haltung des Bundes zur Schulöffnung. Weiter heisst es: Für den Fall einer progressiven Eskalation der Ansteckungen wünschen sie sich, dass allfällige Verbote von Präsenzunterricht primär vom Bund und nicht von den einzelnen Kantonen ausgehen. «Wir haben dies dem Bundesrat gegenüber explizit festgehalten.»

Am Präsenzunterricht für Kindergarten und Primarschule will der Kanton festhalten. Auch auf der Sekundarstufe I soll der Präsenzunterricht nicht «ohne grösste pandemische Not» unterbunden werden, die Maskenpflicht müsse dort bis auf weiteres bestehen bleiben. Eine Ferienverlängerung in der Volksschule sei ausgeschlossen. «Auf der Sekundarstufe II halten wir einen Übergang zu Fernunterricht nach der Festtagspause für denkbar, soweit solcher sich pandemiepräventiv aufdrängt.»

Bereits im November: Petition für Fernunterricht mit über 10'000 Unterschriften

Schon Ende Oktober hatte David Rommel, Schüler an der Kantonsschule am Brühl, den Wechsel in den Fernunterricht gefordert. Anfang November hatten die Petition 9900 Personen unterzeichnet, heute sind es über 10'100 Unterschriften. Damals sei der Fernunterricht kein Thema gewesen. «Jetzt ist es fast wieder zu spät. Es hat die hohen Zahlen gebraucht, bis man reagierte», sagt Rommel. Die Petition, die Rommel an Regierungspräsident Bruno Damann geschickt hatte, wurde mit drei Wochen Verspätung beantwortet: «Im Brief stand, dass die Schutzkonzepte funktionierten und dass die Ziele des Lehrplans im Fernunterricht weniger gut erreicht werden können.»

David Rommel, Schüler an der Kantonsschule am Brühl.

David Rommel, Schüler an der Kantonsschule am Brühl.

Bild: PD

Rommel wurde vertröstet — nun aber die Kehrtwende: «Man hat uns bereits gesagt, wir sollen das Schulzeug nach Hause nehmen. Dass der Fernunterricht kommt, war also irgendwie absehbar.» An der Kantonsschule am Brühl, wo Rommel zur Schule geht, ist man sich einig: «80 Prozent der Schüler sind für den Fernunterricht. Es ist einfach sicherer für alle, auch für unsere Familien.» Das Problem sei auch nicht einmal unbedingt das Schulzimmer. «Da tragen ja alle Masken. Doch nach dem Unterricht wartet man ohne Masken auf den Bus und die Busse sind vollgestopft. Da liegt hauptsächlich das Risiko einer Ansteckung.»

Thurgau und beide Appenzell verzichten auf Fernunterricht

In den umliegenden Kantonen verzichtet man vorerst auf Fernunterricht. Monika Knill, Regierungsrätin des Kantons Thurgau, sagt:

«Für den Kanton Thurgau steht fest, dass eine Rückkehr zum Fernunterricht unter allen Umständen vermieden werden muss.»

Die aktuellen Schutzmassnahmen würden greifen und für den bestmöglichen Schutz der Schüler und Lehrpersonen sorgen.

Monika Knill, Regierungsrätin des Kantons Thurgau.

Monika Knill, Regierungsrätin des Kantons Thurgau.

Bild: Gian Ehrenzeller

In der ersten Januarwoche gelten allerdings besondere Bestimmungen für Lernende aus den Gesundheits- und Betreuungsberufen: «Sie werden gänzlich von der Berufsschulpflicht befreit, damit sie in den Gesundheits- und Betreuungsinstitutionen vollumfänglich eingesetzt werden können, um die prekäre Personalsituation zu entschärfen», so Knill.

Auch Appenzell Ausserrhoden hält am Schulstart mit Präsenzunterricht ab dem 4. Januar fest. Doch: «Es könnte sein, dass der Bundesrat die Kantone übersteuert oder dass die epidemiologische Situation es erfordert», sagt Daniela Ittensohn, Departementssekretärin für Bildung und Kultur des Kantons Appenzell Ausserrhoden. Aus diesem Grund werde auch an den Schutzkonzepten der Schulen mit festgelegten Vorbereitungen für fünf Tage Fernunterricht festgehalten. Zusätzlich seien die Fallzahlen an den Schulen im Kanton sehr tief.

Roland Inauen, Landammann und Vorsteher Erziehungsdepartement AI.

Roland Inauen, Landammann und Vorsteher Erziehungsdepartement AI.

Bild: Martina Basista

Innerrhoden hat mit dem Gymnasium St.Antonius genau eine Schule auf der Sekundarstufe II. «Seit dem 11. November kam es im Gymnasium St.Antonius zu keinen Isolationsfällen mehr», sagt Roland Inauen, Landammann von Appenzell Innerrhoden. Käme es wider Erwarten zu steigenden Zahlen, sei die Schule in der Lage, von einem Tag auf den anderen auf Fernunterricht umzustellen.